Volkskundlerin Elisabeth Pfluger, geboren am 21. Oktober 1919, wohnhaft in Solothurn, ist entsetzt. Vor einigen Tagen hat sie einen eingeschriebenen Brief der Motorfahrzeugkontrolle des Kantons Solothurn erhalten, in dem sie aufgefordert wird, unverzüglich ihren Führerausweis abzugeben respektive ihn mit beigelegtem Retourcouvert an die Motorfahrzeugkontrolle einzuschicken.

Im Schreiben heisst es, der Fahrausweis würde ihr «aus Gründen der Verkehrssicherheit vorsorglich» entzogen. Als Begründung wird angegeben, dass «laut Arztbericht die Fahreignung in verkehrsmedizinischer Hinsicht nicht mehr gegeben» sei.

Elisabeth Pfluger ist sich bewusst, dass sie mit ihren 97 Jahren wohl eine der ältesten, wenn nicht gar die älteste Fahrzeuglenkerin des Kantons Solothurn ist. Doch sie ist der Meinung, dass sie noch immer ein Fahrzeug adäquat führen könne. 

Extra-Tests im Bürgerspital

Die «Leidensgeschichte» ihrer Fahrerlaubnis begann im vergangenen Herbst. «Ich bekam, wie alle Jahre, das Aufgebot zum Eignungstest bei meinem Hausarzt. Dort absolvierte ich alle Tests, so wie immer. Doch der Arzt war der Meinung, ich sollte im Bürgerspital Solothurn noch Extra-Tests absolvieren.» So wurde Elisabeth Pfluger im Januar an zwei Vormittagen für jeweils zwei Stunden mehreren neurophysiologischen Tests unterworfen. «Das war ziemlich anstrengend und wäre es sicher auch für eine jüngere Person gewesen», sagt sie.

Dennoch attestierte ihr der Spezialarzt, dass ihre geistige Fitness absolut vorhanden sei. Allerdings sagte er noch, könne er die Fahrfähigkeit nicht beurteilen. Trotzdem bekam Pfluger nun den Brief mit der Aufforderung zum Fahrausweisentzug. «Dabei hat niemand meine Fahrfähigkeit getestet, so wie das im Jahr 2015 schon mal geprüft wurde. Damals hatte ich eine Fahrstunde mit einem Experten der Motofahrzeugkontrolle, bestand diese und zahlte dafür 180 Franken. Eine solche Fahrtüchtigkeitsprüfung steht mir doch auch dieses Mal wieder zu», enerviert sie sich.

«Mein einziger Fehler: Alt sein»

Elisabeth Pfluger ist sich bewusst, dass sie eine Ausnahme-Automobilistin ist. «Es ist klar, dass ich mit meinem Jahrgang ein Sonderfall bin. Aber es gibt doch die Ausnahme von der Regel. Und ich verlange, dass alle nötigen Abklärungen gemacht werden.» So hat Pfluger auch innerhalb der angegebenen Rekursfrist Einsprache an die Motorfahrzeugkontrolle erhoben und diese auch begründet. «Ich habe bisher weder einen Unfall produziert noch einen Selbstunfall gehabt oder jemanden behindert. Ich habe nichts gemacht, was falsch ist. Mein Fehler ist nur, dass ich alt bin», sagt sie bekümmert und erzählt in ihrer ganz eigenen Art eine Anekdote. «Vor Jahren sagte ein alter Mann zu mir, befragt nach seinen Altersbeschwerden: ‹Mir fehlt nichts, ausser, dass ich kein Recht mehr habe.› Seine Worte begreife ich erst jetzt.»

Sie brauche ihr Auto auch heute noch, sagt sie. Als alleinstehende Person, ohne Familienangehörige in nächster Umgebung, sei sie auf den fahrbaren Untersatz angewiesen. «Zudem veröffentliche ich immer noch Bücher.» Das letzte kam an Weihnachten in die Läden, und auf Ostern kommt wieder eines heraus. Zwei weitere sind in Planung. «Wie soll ich meine Recherchen ohne Auto tätigen?» Zwar habe sie sich selbst vor rund sechs Jahren Regeln zum Autofahren gesetzt. «Ich fahre keine Autobahnen, und Fahrten in der Nacht absolviere ich auch nicht mehr. Ich weiss doch selbst, was ich mir noch zutrauen kann», ist sie überzeugt.

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Nur eine Aktennummer

Es frustriert sie, so von einem Arzt behandelt zu werden. «Wenn man bedenkt, was ich alles für diesen Kanton getan habe – und noch tun möchte.» Aber heute, als alte Frau, sei man halt nur noch eine Aktennummer. «Welches Leben dahinter steht, interessiert niemanden.» Noch hofft Elisabeth Pfluger, dass ihre Einsprache zu ihren Gunsten bewertet wird. «Wenn ich nicht mehr Auto fahren könnte, wäre meine Arbeit für unseren Kanton viel umständlicher, ja sogar unmöglich. Verlierer wäre zuerst der Kanton Solothurn.»