In Zukunft darf man im Sommer mit kleinen Motorbooten bis maximal 8 PS den unter Schutz stehenden Aarelauf von Feldbrunnen bis hinunter zum Kraftwerk Flumenthal befahren. So steht es zumindest in der Änderung der Verordnung über die Schifffahrt und die Fischerei, die der Regierungsrat am 11. Dezember 2017 erlassen hat. Noch ist die Verordnung nicht rechtsgültig: Die Einsprachefrist läuft bis zum 8. Februar 2018.

Die Situation ist kompliziert. Die neue Verordnung bringt auf dem Papier eine Lockerung der Regeln, sie ist aber in der Realität viel strenger als das, was bisher gelebt wurde. Denn eigentlich hatte der Regierungsrat 1972 für diesen geschützten Abschnitt der Aare ein ganzjähriges Schifffahrtsverbot verhängt. Seit 1994 gilt das Gebiet zwischen dem Emmenspitz und dem Kanal zusätzlich als Wasser- und Zugvogelreservat, was ebenfalls ein grundsätzliches Verbot für motorisierte Boote bedeutete. Doch gelebt wurden diese Regeln nie. So fuhr zum Beispiel das Öufiboot mit seinen Passagieren bis hinunter zum Anlegeplatz beim Wylihof, gleich beim Kraftwerk Flumenthal.

Das totale «Fahrverbot» für Motorboote wurde in diesem Bereich der Aare aus unerfindlichen Gründen nie durchgesetzt. «Ich weiss nicht, weshalb das so gehandhabt wurde», sagt dazu Thomas Schwaller, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft beim Amt für Raumplanung. Wegen der rasanten Entwicklung des Gebietes hat sich nun der Regierungsrat einen Ruck gegeben und die Verordnung den tatsächlichen Gegebenheiten angepasst. «Wichtig ist, dass mit der geänderten Verordnung wieder Rechtssicherheit eintritt», so Schwaller.

Fischer sind zufrieden

Die Solothurner Fischer könnten mit der neuen Verordnung gut leben, sagt Christian Dietiker, Präsident des kantonalen Fischereiverbandes. «Zunächst sollten hier auf der Aare ja nur Ruderboote erlaubt sein, das wäre für uns schwierig geworden. Die kleinen Motoren bis acht PS reichen uns. Wir fahren ja nur ins Gebiet und lassen uns dann treiben, um in Ruhe zu fischen. Erst wenn wir fertig sind, werfen wir den Motor wieder an und fahren weg», erklärt Dietschi. Auch die Schonzeit von November bis April sei kein grösseres Problem. «Es gibt genug Ausweichmöglichkeiten, wo man im Winter der Äsche oder dem Hecht nachstellen darf.»

Vogelfreunde sind besorgt

Zwischen dem Emmenspitz und der Mündung des Kanals leben in Luterbach viele seltene Tiere wie der blaue Eisvogel und der Rotmilan. «Während den Brutzeiten brauchen solche Vögel Ruhe, weil sie dann den Menschen nicht ausweichen können», sagt Martin Jost, Obmann des Natur- und Vogelschutzvereins Luterbach.

Sorgen machen sich die Vogelfreunde wegen den vielen Menschen, die der neue Uferpark bei der Biogen-Fabrik anlocken könnte. Der kantonale Vogelschutzverband hatte sich dafür eingesetzt, dass die Bewilligung für Motoren bis 8 PS exklusiv für Fischerboote gelten soll und dass Freizeitboote weiterhin verboten geblieben wären. «Dies war eigentlich schon in den Regierungsratsbeschlüssen von 1972 und 1974 verboten worden, aber die Fischereiverordnung hat sich über die Beschlüsse hinweggesetzt.» Immerhin: Gegenüber der aktuell gelebten Praxis gibt es künftig ein um einen Monat längeres Winterfahrverbot.

Den Fischern traut Martin Jost einen sorgsamen Umgang mit der Natur zu. Bei den Ausflüglern ist er da weniger optimistisch. «Da sich diese kleinen Boote bis 8 PS häufig in Ufernähe aufhalten, ist zu befürchten, dass die revitalisierenden Massnahmen für Schilfbrüter bei der Gestaltung des Uferparkes Attisholz durch die Ausflügler wieder zunichtegemacht werden», befürchtet man bei den Vogelschützern.

Attraktives Naherholungsgebiet

Denn das Gebiet könnte tatsächlich für die kommerzielle Schifffahrt auf der Aare interessant werden. Im Zuchwiler Riverside will man reiche Mieter anlocken, die Neugestaltung des südlichen Uferparks in Luterbach nimmt langsam aber sicher konkrete Formen an und der riesige Neubau des Pharmagiganten Biogen wird im kommenden Jahr mit über 400 Angestellten den Produktionsbetrieb aufnehmen. Am Nordufer in Riedholz soll auf der Industriebrache Attisholz zudem ein «hippes» Quartier entstehen

Überall würde sich ein Anlegeplatz für Boote bei der Vermarktung gut machen. «Wir erkennen eine Tendenz zu Bootsfahrten in die Naherholungsgebiete», sagt Thomas Schwaller. Anlegeplätze zum Ein- und Aussteigen seien denkbar, fixe Standplätze aber nicht. Und: «Kommerzielle Anbieter müssen in Zukunft für Personentransporte auf diesem geschützten Aareabschnitt beim Bau- und Justizdepartement Ausnahmebewilligungen einholen.»

Das sind keine guten Nachrichten für Iwan Pfyl, den Kapitän des Öufibootes. «Wir sind tatsächlich recht oft dort hinunter gefahren», bestätigt Pfyl. Er möchte sehr gerne im Sommer zum Riverside, zu Biogen, zum Attisholz und zum Wylihof fahren. «Ich hoffe, dass uns der Kanton ein Kontingent an Fahrten bewilligt.»

Die Personenschifffahrt sieht Naturschützer Martin Jost als weniger bedeutendes Problem als die privaten Freizeitfahrten. «Die Störung wird wahrscheinlich geringer sein als bei den kleinen Booten, da sich diese eher in der Mitte der Aare aufhalten. Aber es ist nicht abschätzbar, wie viele Ausnahmebewilligungen ausgestellt werden und wie hoch schliesslich die Belastung für die Tiere sein wird.»

Neuer Anlegeplatz im Zonenplan

Im neuen, durch die Luterbacher Gemeindeversammlung am 28. November genehmigten Zonenplan, ist bereits ein Bootsanlegeplatz im Bereich des neuen Uferparks bei der Biogen vorgesehen. Die Stimmberechtigten waren der Meinung, dass ein solcher Anlegeplatz die Attraktivität des Dorfes steigern kann, ohne dass dadurch die Natur beeinträchtigt wird. Der Kanton sucht derzeit einen Betreiber für das geplante Restaurant am Luterbacher Aareufer.

Doch bis tatsächlich die ersten Boote hier anlegen dürfen, könnte es noch etwas dauern. «Für den Bau einer solchen Anlegestelle wird eine separate Bewilligung nötig», erklärt Thomas Schwaller die Ausgangslage. «Bis jetzt existiert noch kein konkretes Projekt. Weder der genaue Standort noch die Ausstattung eines möglichen Anlegeplatzes sind definiert.»