Kanton Solothurn
Vögel und Verkehr im Clinch: Birdlife fordert den Heckenschnitt im Herbst

Viele Hauseigentümer werden aufgefordert, ihre Hecken, Sträucher und Bäume zu schneiden, damit der Verkehr nicht behindert wird. Birdlife möchte den Pflanzenschnitt aber vom Juni in den frühen Herbst verlegen – auch im Kanton Solothurn.

Daniela Deck
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Die Gemeinden fordern dazu auf, die Hecken zu schneiden, damit der Verkehr nicht behindert wird. Birdlife will dagegen einen Pflanzenschnitt im frühen Herbst.

Die Gemeinden fordern dazu auf, die Hecken zu schneiden, damit der Verkehr nicht behindert wird. Birdlife will dagegen einen Pflanzenschnitt im frühen Herbst.

Getty Images/iStockphoto

Sträucher und Bäume wachsen durch Zäune und über Mauern und beeinträchtigen die Übersicht im Strassenverkehr. Viele Gemeinden rufen jetzt die Hauseigentümer dazu auf, das Grünzeug über dem Trottoir und am Strassenrand zurückzustutzen. Das ist drei Monate zu früh, findet der Vogelschutzverband Birdlife Schweiz und appelliert an Gemeinden und Gartenbesitzer, im September zur Heckenschere zu greifen und dann dafür radikal vorzugehen.

«In vielen Büschen und Bäumen brüten jetzt Vögel. Ein Heckenschnitt oder gar eine Rodung in dieser Zeit hat daher oft tödliche Folgen für die Jungvögel», argumentiert der Verband in einer Mitteilung. Christa Glauser, stellvertretende Geschäftsführerin, präzisiert: «Ob Amsel, Distelfink oder Rotkehlchen: Selbst wenn ihre Nester von der Schere nicht direkt zerstört werden, so sind sie doch akut bedroht. Denn der Heckenschnitt zum jetzigen Zeitpunkt legt die Nester frei. So werden diese von Nesträubern, wie etwa Elstern, leicht entdeckt und ausgenommen.»

Ausserdem sagt Glauser mit Verweis auf das Jagdgesetz: «Es ist nicht erlaubt das Brutgeschäft zu stören oder Nester mit Eiern oder Jungvögeln zu zerstören.» Daher ihre Bitte, die Birdlife heuer zum dritten Mal versandt hat: Büsche und Bäume im September, ehe sie die Blätter verlieren, stark, aber selektiv zurückschneiden, sodass es bis zum kommenden Frühsommer genügt. Dann reiche es, einzelne vorstehende Zweige, die den Verkehr behindern, im Juni zu kappen. Glauser erklärt: «Beim selektiven Schnitt werden nicht alle Zweige geschnitten, sodass auch im nächsten Jahr die Sträucher blühen und Früchte tragen können.»

Verkehrssicherheit hat Priorität

«Das höre ich jetzt zum ersten Mal», sagt Franco Giori in Olten. Als Abteilungsleiter Ordnung und Sicherheit ist er dafür zuständig, dass in der Stadt die Übersicht im Verkehr gewährleistet ist. Das Inserat mit der Aufforderung an die Bevölkerung, überhängende Pflanzen zu stutzen, ist in Olten gerade letzte Woche im «Stadtanzeiger» erschienen. Die Frist: der 26. Juni.

Anschliessend macht die Polizei, die mit der Umsetzung der alljährlichen Schnittaktion beauftragt ist, säumigen Grundeigentümern Beine. Die Ordnungshüter mahnen die Leute, und wenn das nichts nützt, veranlassen sie das Stutzen auf Kosten der Anrainer.

Giori sichert zu: «Für den Heckenschnitt nächstes Jahr werde ich das Anliegen zum Vogelschutz gern prüfen und allenfalls eine Verschiebung der Aktion in Betracht ziehen. Die Verkehrssicherheit darf jedoch nicht beeinträchtigt werden.»

Eher skeptisch äussert sich Patrick Schärer, Werkhofchef in der Stadt Solothurn, wo das entsprechende Inserat am 20. Mai publiziert wurde, mit Frist bis Ende Juni. «Im Mai und Juni ist es sehr ‹wachsig›. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einziger Schnitt im Frühherbst den Zweck erfüllt, denn die Sicherheit im Verkehr muss jederzeit gewährleistet sein.» Zudem sei es im Herbst schwierig abzuschätzen, wie das Wachstum ein halbes Jahr später aussieht, wenn im Frühling alles wieder ausschlägt.

Was seiner Meinung nach hingegen für den Herbst sprechen könnte: Der Pflanzenschnitt müsse neben der freien Sicht im Sommer die Schneeräumung im Winter ermöglichen. Da habe es in den letzten Jahren gelegentlich Probleme gegeben, weil Schneepflüge an Ästen hängengeblieben sind.
In Grenchen rennt Birdlife mit dem Heckenschnitt-Anliegen offene Türen ein. Die Stadt hat bereits auf vogelfreundlich umgestellt. Die letzten Pflanzenschnitt-Inserate im «Stadtanzeiger» sind gemäss Auskunft der Baudirektion Grenchen im September letztes Jahr und im Februar dieses Jahr erschienen.

Hauptschnitt nach den Sommerferien planen

Die Anfrage bei einer Gartenbaufirma lässt vermuten, dass für das Anliegen noch tüchtig geweibelt werden muss. «Wir setzen das um, was die Kundschaft wünscht, und wenn Ende Mai die behördliche Aufforderung zum Zurückschneiden ergeht, verlangen die Kunden natürlich, dass wir dies ausführen. Deshalb ist es wichtig, dass die Botschaft zum Vogelschutz bei den Gemeinden ankommt», sagt Aurel Schrott, Geschäftsführer von Haring + Partner Gartenbau in Bettlach.

«Grundsätzlich stellen wir in der Beratung einheimische Pflanzen vor, die wertvoll sind für unser Ökosystem.» Selbst als Monokultur zur Garteneinfassung seien solche Sträucher, wie der Tierlibaum (Kornelkirsche) oder die Hainbuche, nützlich. Neben Vögeln und Insekten profitieren Reptilien und kleine Säuger wie Igel vom Schutz und der Durchlässigkeit. Ihm persönlich sei die Gefährdung brütender Singvögel durch den Heckenschnitt im Juni bekannt – «allerdings erst, seit ich es vor zwei Jahren zufällig erfahren habe». Schrott vermutet, dass viele Berufskollegen davon noch gar nichts wissen.

Er vertritt die Idee eines Heckenschnitts nach den Sommerferien nicht nur aus Gründen des Vogelschutzes. Mit dem Klimawandel zeige es sich, dass der Schnitt im Juni häufig nicht mehr genügt. Oft sei es durch den Wachstumsschub im Sommer nötig, im Herbst einen zweiten Schnitt zu machen, und das bedeute zusätzliche Kosten. Schrott ist überzeugt, dass ein gründlicher, fachmännisch ausgeführter Schnitt im August die beste Lösung wäre, für Tierwelt, Verkehrssicherheit, Ästhetik und den Schneepflug, soweit dieser noch benötigt wird.

Wann ist eine Hecke eine Hecke?

Nicht alles, was umgangssprachlich als Hecke bezeichnet wird, ist rechtlich gesehen eine Hecke. Abgrenzungen von Grundstücken im Siedlungsgebiet sind in vielen Fällen keine Hecken, sondern grüne Einfriedungen, die aus einer einzigen Pflanzenart bestehen, zum Beispiel Thuja, Eibe oder Hainbuche. Dagegen besteht eine (Wild-)Hecke aus unterschiedlichen einheimischen Sträuchern wie Pfaffenhütchen, Liguster, Gewöhnlicher Schneeball und Schlehdorn. Solche Sträucher sind für Insekten und Vögel gleichermassen wertvoll und bieten ihnen in Kombination auf kleinem Raum das ganze Jahr hindurch Unterschlupf und Futter. Die Wildhecke muss mindestens zwei Meter breit sein und 50 Quadratmeter Fläche umfassen. Sind diese Bedingungen erfüllt, ist die Hecke geschützt und darf nicht zerstört werden. Von den Schutzbestimmungen ausgenommen sind in der Heckenrichtlinie des Kantons Solothurn hingegen Gehölze, die zur Gartengestaltung in der Bauzone angelegt werden.

Hecken trifft man folglich hauptsächlich im Landwirtschaftsgebiet und an Ufern von Gewässern an, wo sie im Rahmen der Biodiversität gefördert werden. Dennoch gewinnt das Thema auch im Siedlungsgebiet an Bedeutung. Der Grund sind die Ortsplanungsrevisionen, die vielerorts im Gang sind. Dazu erklärt Peter Jäggi, Sachbearbeiter in der Abteilung für Raum und Landschaft im Amt für Raumplanung: «Im Rahmen der Ortsplanungsrevision sind die Gemeinden verpflichtet, Hecken festzustellen und diese im Ortsplan einzutragen.» (dd)

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