regionale Hotellerie
Virtuelle Filmtage wegen Corona: Die Stadt Solothurn ist leer — und rund 8'000 Übernachtungen bleiben aus

Weil die Filmtage praktisch nur virtuell stattfinden, bleiben in Solothurn gegen 8'000 Hotelübernachtungen aus. Nur ein Beispiel dafür, wie die Coronapandemie die Touristiker und zugewandte Anbieter auch im Kanton mit in den Strudel reisst.

Urs Mathys
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Hotel La Couronne in Solothurn: Wegen Corona bis 28. Februar geschlossen.

Hotel La Couronne in Solothurn: Wegen Corona bis 28. Februar geschlossen.

Solothurner Zeitung

Solothurn in der zweiten Januarhälfte: Wo sonst Filmbegeisterte aus dem ganzen Land durch die Gassen strömen, von Kinosaal zu Kinosaal pendeln, in Restaurants einkehren, «lädele», in Hotels absteigen – da herrscht nun die grosse Leere.
«Die Stadt ist leer, die Leute fehlen uns – alle sind traurig», bringt Jürgen Hofer die Stimmung auf den Punkt. Als Direktor von Solothurn Tourismus hat er Einblick in die Szene – von den Hotels über die Restaurants, die Caterer, die Eventorganisatoren, die technischen Supporter und, und und ... Solothurn, wo sich üblicherweise ein bunter Mix von Einheimischen und Gästen tummle, wirke im zweiten Lockdown «wie ausgestorben», so Hofer. «Die Stadt bietet derzeit täglich einen Anblick, wie sonst nur Sonntagabends ...»

«La Couronne» und «H4» melden sich ab

Normalerweise beglücken die Filmtage die regionale Hotellerie im sonst flauen Monat Januar mit gegen 8'000 Übernachtungen. Dieses Jahr – mit der Online-Ausgabe des Festivals – werden es laut Hofer nur «ein paar Hundert sein». Kommt dazu, dass ja auch noch der zweite jahreszeitliche Grossanlass, die Fasnacht ausfallen wird. Wen wundert’s da, wenn auch in der Hotellerie die Reissleinen gezogen werden?

Das erste Haus am Platz, «La Couronne», hat sich gerade eben bis zum 28. Februar in den Stillstand abgemeldet. Sicher auch bis zu diesem Zeitpunkt bleibt das «H4»-Hotel geschlossen. Kleinere Häuser fahren auf Minimalbetrieb: «Alle versuchen sich so schlank wie möglich zu machen», so Hofer.

Solothurn: Top-Sommer rettete nicht alles

Nur noch 68'593 Hotelübernachtungen in der Stadt Solothurn, statt deren 104'867 – also ein Rückgang um mehr als 34 Prozent: Dies die touristische Bilanz des letzten Jahres.

Angefangen hatte alles noch gut: die Filmtage und die Fasnacht konnten noch normal über die Bühne gehen. Doch dann kam Corona und blieb – mit einer kurzen Pause über den Sommer. Und dieser Sommer rettete für Solothurner Hotellerie und Gastgewerbe viel – aber nicht alles. Die Schweizer verbrachten ihre Ferien im eigenen Land und entdeckten massenhaft auch Solothurn: In den Sommermonaten Juli und August wurden in hiesigen Hotels je über 10'000 Übernachtungen registriert. Jürgen Hofer, Direktor Solothurn Tourismus, schwelgt in Erinnerungen an diese «grandiosen Monate»: «Die Stadt war voller Menschen aus allen Landesteilen – insbesondere aus dem Welschland.»

Besonders auffallend in dieser Zeit: Der Ansturm auf den TCS-Campingplatz. Obwohl Einrichtungen wie diese erst relativ spät aus dem Lockdown entlassen wurden, führte der schöne Sommer hier zu einer Traum-Jahresfrequenz von 39'735 Übernachtungen oder einem Plus von über 15 Prozent, wie Hofer rapportiert.

Diese positiven Aspekte konnten allerdings nicht wettmachen, was die Coronapandemie in der Jahresbilanz angerichtet hat: Ein Minus von fast 31'000 Übernachtungen in Hotellerie und Camping zusammen. Die Konsequenzen bekommen nicht nur die direkt betroffenen Anbieter zu spüren, sondern auch die Touristiker selber: Für Solothurn Tourismus fielen 2020 laut Hofer rund 100 000 Franken weniger an Übernachtungstaxen an. Entsprechend hat dies auch Budgetkürzungen fürs laufende Jahr zur Folge. Das Personal wurde in Kurzarbeit versetzt. «Aber», so Jürgen Hofer, «voller Tatendrang.» (ums.)

Unsicherer sei die Situation im Bereich der Restaurants und Bars: Diese seien schon von der ersten Welle geschwächt gewesen. Der Überlebenswille sei gross, werde aber wohl nicht in jedem Fall ausreichen, befürchtet der Tourismusdirektor. Und: «Es müssen nicht einmal die schlechtesten Beizen sein, die nicht mehr öffnen werden.»

Seminar- und Kongressbereich brach total weg

«Total» ist der Einbruch im Seminar- und Kongressbereich, wo gemäss Hofer «alles am Boden liegt, was in den letzten 20 Jahren aufgebaut worden ist». Die Folgen der zweiten Welle seien mindestens so einschneidend wie jene der ersten. «Derzeit gehen bei uns null Anfragen ein – die Verunsicherung ist zu gross», sagt Hofer.

Selbst bei einer sehr positiven Entwicklung werde es in diesem Bereich wohl frühestens im Herbst einen leisen Aufschwung geben. Er sei zuversichtlich, dass ab April wieder erste Buchungen eingehen werden und nicht immer gleich wieder alles abgesagt wird: «Die Durststrecke wird so oder so noch anhalten.»

Trotz aller Unbill kann der Tourismusdirektor «mit den jetzigen Massnahmen leben, weil sie schweizweit gelten. Ich bin froh, dass der Bund wieder die Oberhoheit hat». Nichts anfangen kann Hofer mit unterschiedlichen kantonalen Regelungen: «Als bei uns strengere Einschränkungen galten, verlagerte sich Vieles in andere Kantone.»

Olten: Geschäftstourismus kam praktisch zum Erliegen

Die Sommermonate waren auch für die Corona-geplagte Oltner Hotellerie ein Geschenk des Himmels. «Von Juli bis September verzeichneten wir vergleichsweise sehr erfreuliche Tagesfrequenzen», berichtet Stefan Ulrich, Geschäftsführer von Olten Tourismus. Besonders beliebt sei bei Ausflüglern, die auch hier nicht zuletzt aus dem Welschland anreisten: der Schweizer Schriftstellerweg. Hier wurde im Juli laut Ulrich ein Plus von 45 Prozent registriert.
Die Oltner Hotellerie ist primär auf den Geschäftsreisetourismus ausgerichtet. Dieser ist 2020 «teilweise komplett zum Erliegen gekommen», so Ulrich. Der Einbruch bei manchen Anbietern betrage gemäss provisorischen Zahlen bis zu 50 Prozent: «Viele Betriebe in Hotellerie und Gastronomie bangen um ihre Existenz. Stellenabbau ist oder wird ein Thema.»

Im Tourist Center werde in Kurzarbeit und im Homeoffice gearbeitet. Auch hier auf bessere Zeiten hoffend – und auf Schweizer (Tages-)Gäste. Ulrich: «Die Monate Juni bis September könnten beim Binnentourismus gut werden: Je nach dem, wie sich die mutierten Viren ausbreiten und die Impfkampagne sich auswirkt.» (ums.)

Auf der Treue der Schweizer Gäste aufbauen

«Die Authentizität und Substanz von Solothurn sind Gold wert», ist sich der Tourismusdirektor bewusst. Damit seien Stadt und Region geschaffen für den allgemein boomenden Freizeit-Tourismus: «Der Leisure-Tourismus hat uns 2020 gerettet und ist – neben dem Seminar- und dem Businessbereich – zu einem wichtigen dritten Standbein geworden.» Für Hofer Grund genug, diesen Bereich «künftig zu forcieren und zu einer tragenden Stütze auszubauen.»

Die Schweizer seien letztes Jahr auf den Geschmack gekommen, im eigenen Land Gäste zu sein, ist Hofer überzeugt: «Viele merkten, wie viel tolles es hier zu sehen und zu erleben gibt – ganz ohne Stress und Reise-Restriktionen.»