Kanton Solothurn
Vier Pestzüge suchten uns im 17. Jahrhundert heim

Im Kanton Solothurn starben zwischen 1611 und 1636 Hunderte von Menschen am Schwarzen Tod.

Fränzi Zwahlen-Saner
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So illustrierte der berühmte niederländische Maler Hieronymus Bosch (um 1450–1516) den Schwarzen Tod (Ausschnitt). zvg

So illustrierte der berühmte niederländische Maler Hieronymus Bosch (um 1450–1516) den Schwarzen Tod (Ausschnitt). zvg

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In unserer heutigen aufgeklärten und wissenschaftlich vermessenen Zeit können wir relativ schnell nachweisen, warum diese oder jene Krankheit auftritt, diese oder jene Seuche auszubrechen droht. Und einigermassen schnell sind auch Bekämpfungsmassnahmen wie Impfstoffe oder Medikamente zu haben. Man denke an Aids oder die Ebola-Krise. Fast haben wir den Schrecken darüber schon beinahe wieder vergessen.

In der Vergangenheit war das aber ganz anders. Der Ausbruch einer Seuche, einer Epidemie, wurde in der Regel zunächst als eine Strafe Gottes angesehen. Man wusste nichts über Ansteckung, Ausbreitung und Bekämpfung. Im Besonderen war die Pest, der sogenannte Schwarze Tod, eine Krankheit, die in fast allen Fällen den sicheren Tod bedeutete; dies auch bei uns in der Schweiz, in den Dörfern und Städten des damaligen Standes Solothurn.

Paul Müller hat im «Jahrbuch für Solothurner Geschichte Bd. 57/1984» eine längere Abhandlung über die Pesttoten im heutigen Kantonsgebiet publiziert. Daraus entnehmen wir ein paar eindrückliche Fakten.

Man weiss, dass insbesondere im Jahr 1348 die Pest grosse Verluste in den bewohnten Gebieten des schweizerischen Mittellandes forderte. Die Seuche kam damals vom Süden, von Norditalien her. Genaue Opferzahlen dieser Epidemie für unsere Region sind allerdings nicht zu eruieren, da damals noch keine Totenregister geführt wurden.

Man weiss, dass bis ins 17. Jahrhundert hinein durchschnittlich alle 10 bis 20 Jahre ein Seuchenzug die europäische Bevölkerung heimsuchte. Näheres über die Pestepidemien kann man im Kanton Solothurn ab dem 17. Jahrhundert in Erfahrung bringen. Damals suchten vier unterschiedlich starke Pestepidemien in einem relativ kurzen Zeitraum die Bevölkerung heim: 1611, 1628/29, 1634 und 1635/36.

Zahlen über die Todesfälle sind in dieser Epoche in den nun von den Pfarrherren vermehrt geführten Totenregistern zu finden; oftmals haben die Pfarrer nebst Namen und Sterbedatum auch die mögliche Todesursache notiert: «Pestis» oder «Contagnon». Vielfach kann auch aufgrund der zeitlich eng beieinanderliegenden Todesfälle innerhalb von Familien auf eine schwer ansteckende Krankheit wie der Pest geschlossen werden.

200 Tote in Olten

Im Jahr 1611 trat die Pest im Kantonsgebiet zuerst in der Region Olten-Gäu auf. Am 13. Juli gab es in Olten die ersten Pestopfer. Insgesamt raffte die Seuche in der Dreitannenstadt in den darauffolgenden Wochen rund 200 Personen dahin. Extrem betroffen war auch der Badeort Lostorf: 150 Opfer wurden hier bis 21. August gezählt. Im Oktober war auch die Stadt Solothurn betroffen, doch wurden hier nur wenige Opfer beklagt. Mümliswil wurde vom 20. August bis zum 30. November stark heimgesucht, 38 Menschen starben.

Überdurchschnittlich betroffen war auch Oberbuchsiten, wo in dieser Zeit gar 78 Personen vermutlich an der Pest starben. Schätzungsweise waren unter allen Toten gut die Hälfte Kinder. Wie man sich gegen die Seuche zu wehren versuchte, belegt die folgende Episode.

Schlechte Luft oder Pestgift?

In der Stadt Solothurn galt das Haus eines Viktor Zurmatten als pestverdächtig. Er und seine Familie durften die Gassen der Stadt nicht mehr betreten. Das wurde per Rat verfügt und ist daher bekannt. Sein Wirtshaus wurde sofort geschlossen, «wie in diesen leidigen Zitten der Bruch ist», heisst es im Ratsmanual. Zu lesen ist, dass auch die Oberrüttener – traditionell der Stadt Solothurn kirchengenössig – keinen Zutritt zur Stadt mehr bekamen, denn dort wurde ebenfalls eine Pesterkrankung bekannt.

Man wusste also bereits damals, dass die Seuche auf eine bestimmte Art und Weise ansteckend ist. Manche glaubten, schlechte Luft sei verantwortlich für die Krankheit und man müsse deshalb den Ort der Epidemie meiden; andere waren der Ansicht, es gebe ein besonderes Pestgift, welches durch Waren oder Menschen übertragen werde. Dazu galt es zu viel zu beten, vielleicht gar sich zu geisseln oder einen Aderlass durchzuführen.

Beim Ausbruch von 1628/29 wurden in vielen der Pfarreien Totenbücher geführt, daher sind mehr gesicherte Daten bekannt. Der gesamte Seuchenzug erreichte das Kantonsgebiet wiederum von Süden her und überzog zuerst die westlichen Regionen und Gäu-Olten, entlang der Passstrasse des Oberen Hauensteins.

Es wird geschätzt, dass 1628 und 1629 über 1100 Personen ihr Leben durch die Pest verloren; fast 60 Prozent waren Kinder. Dies war der heftigste Ausbruch im Kantonsgebiet. Nicht zählbar sind die Pestopfer unter Kaufleuten, fahrenden Händlern oder Bettlern, die nicht verzeichnet wurden. Damit ist anzunehmen, dass es noch mehr Opfer gab.

Oberdörfer widersetzt sich

Im Februar 1628 war die Stadt Solothurn verseucht, ebenfalls die Stadt Bern. Im Herbst 1628 griff die Seuche dann rasant um sich. Grenchen war von diesem Pestzug auch heftig betroffen. Vom 15. September bis zum 30. Dezember 1628 starben 97 Menschen, alle an der Pest. Interessanterweise ist in diesem Zeitraum aus Bettlach kein Pesttoter vermerkt. Erst rund ein Jahr später, im September 1629 meldete Bettlach 12 Personen, die an der Pest gestorben seien, davon 7 Kinder. Oberdorf hatte ebenfalls Pesttote zu beklagen. Die Oberdörfer durften daher die Stadt Solothurn nicht mehr betreten.

Ein Hans Probst tat dies gleichwohl. Der Rat verurteilte ihn am 10. Januar 1629 zu 10 Pfund Busse, weil er in «frächentlicher wyss» in die Stadt gekommen sei. Auf seinen Rekurs hin musste er dann nur noch 3 Pfund bezahlen. Im Herbst 1629 starb in Oberdorf eine fremde Frau beim Einheimischen Urs Reinhardt an der Pest. Da sie ein Kind hinterliess, riet ihm die Obrigkeit, dass er «das Kindt ufhalten lasse, und erfahre, welchem es gehöre, und wanne es sye». Reinhardt gelang es nicht, Angehörige zu finden, also wurde er angewiesen, dieses Kind zu verdingen.

Tragische Schicksale

Überhaupt war das Schicksal der Pest-Waisen aus heutiger Sicht unbarmherzig. Ein Elternpaar aus Feldbrunnen starb an der Pest und ihr Kind sollte nun um ein halbes Jahr für 6 Kronen nach Günsberg verdingt werden, beschloss der Rat. Ebenfalls suchte man den Totengräber für das verstorbene Paar in Günsberg. Das hatte zwei Gründe: Erstens liegt Günsberg nahe bei Feldbrunnen und zweitens wütete in dieser Zeit dort die Pest bereits heftig. Es war also üblich, Kinder aus Pestfamilien an bereits verseuchten Orten zu verdingen und an solchen Orten auch die Totengräber zu suchen.

Im November wurde in Solothurn der «Rote Turm» geschlossen, da der Sohn des Wirts an der Pest verstorben war und weitere Familienmitglieder erkrankt waren. Man weiss, dass viele Pestkranke ins Spital in der Vorstadt gebracht wurden, denn der Pest-Scherer (eine Art Chirurg) Caspar Ott musste für den Rat ein Verzeichnis erstellen, wer seine Angehörigen im Spital mit Nahrung versorgt und wer nicht. Im Dezember 1628 wurde der «Löwen» geschlossen und unter Quarantäne gestellt.

Oft trat die Seuche zuerst in den Wirtsfamilien auf, denn in ihren Gaststätten kamen die Leute zusammen und steckten sich untereinander an. Auch im Gefängnis wurde ein Pestkranker entdeckt. Diesen entliess man sofort und verwies ihn des Landes. Die vielen Bettler, sechs bis sieben täglich, die vor der Stadt starben, wurden alle vom Schweinehirten Urs Gritz begraben.

Diesmal von Basel her

Sechs Jahre später, 1634, erreichte die Epidemie den Stand Solothurn von Norden, von Basel her. Diese Epidemie erlosch Ende dieses Jahres auch schon wieder, doch rund 400 Personen, meist im Schwarzbubenland und im Dorneck, verloren ihr Leben. Vermutlich hängt diese Epidemie mit einer starken Flüchtlingswelle von Deutschlang her zusammen. Zuerst wurden Dornach (100 Tote) und Hofstetten (70 Tote) heimgesucht, doch schon bald darauf wurden Pesttote in Matzendorf (80) verzeichnet. Wenig betroffen waren auch Solothurn und Oberdorf. Doch wiederum waren fast 60 Prozent der Opfer Kinder.

Die Epidemie von 1635/36 lässt keine klare Stossrichtung feststellen. Sie erfasste das gesamte Kantonsgebiet fast gleichzeitig. Doch wiederum am stärksten betroffen war die Region Olten-Gäu. Schätzungsweise fielen rund insgesamt 850 Personen dieser Epidemie zum Opfer, die Hälfte davon Kinder. Auffallend ist, dass in Lostorf wiederum 200 Personen starben, in der Stadt Solothurn ebenfalls 200 Leute, in Egerkingen und Hägendorf je 80 Personen.

Bäckersfamilie ausgestorben

Wie schnell eine Familie Opfer der Seuche wurde, belegt das Schicksal der Bäckersfamilie Ziegler aus Solothurn: Der Vater starb am 23. Oktober, die Mutter am 6. November. Ein Sohn folgte am 18. November, die Tochter eine Woche später, am 25. November, ein weiterer Sohn einen Tag später, am 26. November, und fast zwei Monate später der letzte Sohn am 3. Januar 1636. Auch das Haus des französischen Ambassadors blieb von der Seuche nicht verschont. Dort starben am 3. Mai 1636 die Mutter des Ambassadors, am 26. Mai sein Sohn und am 31. Mai seine Tochter.

Es gab trotz aller Tragik auch Kurioses während dieser Zeit: In Rüttenen starb Mitte Dezember 1635 im Haus des Daniel Schilt ein Knecht, der von Schilt im Wald vergraben wurde. Schilt erkrankte daraufhin selbst und sein Haus wurde am 17. Dezember geschlossen. Der Kranke überlebte seine Pestinfektion und wurde für seine Tat im darauffolgenden Jahr dennoch gebüsst.

Im Herbst 1634 versuchte der Rat mit verschiedenen Mitteln, vor allem aber durch Grenzsperrung gegen den verseuchten Jura, die Einschleppung der Seuche zu verhindern. Dem Vogt zu Falkenstein wurde befohlen, dass er in Welschenrohr oder Gänsbrunnen und in der Balsthaler Klus Wächter aufstelle und Volk, welches von infizierten Orten stamme, also «die Basler und andere» nicht passieren lassen dürfe. Gleichzeitig war die Aufgabe solcher Wachen das Fernhalten von Armen, die der Obrigkeit hätten zur Last fallen können.

Ein Prominenter stirbt

Bereits vor dem ersten Seuchenzug 1610 wurde die Stadt Olten angehalten, Wachen aufzustellen und die Strassen zu sperren. Die Beherbergung von Fremden wurde verboten. Dass es auch Prominente traf, belegen die Ratsmanuale von 1629. Im «Löwen» in Olten erlag der Glarner Landammann Daniel Bussy der Pest. Er hatte an der Tagsatzung zu Solothurn teilgenommen und sich dort oder auf der Heimreise wohl angesteckt.

1667 erreichte die letzte Pestwelle die Schweiz, allerdings waren nur noch die reformierten Gegenden betroffen. Der Grund war, dass man dort weniger rigoros die Kontaktverbote unter den Menschen durchsetzte als in katholischen Gebieten. 1670 erlosch dieser Zug. 1720 bedrohte die Pest von Marseille aus das Gebiet der Schweiz erneut und die Tagsatzung beschloss Abwehrmassnahmen, was zu Spannungen mit den angrenzenden französischen Gebieten führte. 1894 gelang es dem Tropenarzt aus dem Waadtland, Alexandre Yersin, den Erreger der Seuche zu finden.

Und heute?

Heute erkranken laut WHO an der Pest durchschnittlich noch 3000 Personen weltweit. Der letzte Ausbruch fand 2014 auf Madagaskar statt. In der Schweiz sind in den letzten 30 Jahren keine Pestfälle beim Menschen mehr aufgetreten. Bei den zuletzt gemeldeten Fällen erfolgte die Infektion im Ausland, schreibt das Bundesamt für Gesundheit.

Für eine erfolgreiche Pest-Therapie wird heute Antibiotika eingesetzt. Wird die Krankheit nicht behandelt, stirbt nahezu jeder Patient daran. Bei rechtzeitiger Behandlung sinkt die Sterblichkeit der Lungenpest aber auf 20 bis 50 Prozent; die der Beulenpest auf 1 bis 5 Prozent.