Das Fazit ist klar: Mehr Behandlungen, aber ein Jahresverlust von knapp vier Millionen Franken. Wie ist das auf den ersten Blick paradoxe Ergebnis zu erklären?

Verena Diener: Es stimmt, dass wir mehr gearbeitet und weniger verdient haben. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen haben die Kürzungen beim Ärztetarif mit 10 Mio. Franken zu Buche geschlagen. Zum andern war die Abgeltung des Kantons für den Wettbewerbsnachteil durch den kantonalen Gesamtarbeitsvertrag und die Pensionskassenregelung um 3,5 Mio. Franken tiefer. Zudem verzeichneten wir grosse Investitionen in die Datensicherheit und in den Neubau des Bürgerspitals Solothurn.

Wie reagiert das Unternehmen auf die schlechten Zahlen?

Sicher nicht, indem wir Personal abbauen. Wir brauchen gut qualifizierte Mitarbeitende. Aber wir müssen unsere Abläufe optimieren – gerade im Zusammenhang mit dem Neubau. Das gilt aber auch für die anderen Häuser – Olten ebenso wie Dornach sowie für die Psychiatrischen Dienste.

Dadurch werden die zunehmenden ambulanten Behandlungen aber nicht kostendeckend.

Das ist in der Tat eine Herausforderung. Wir begrüssen die Entwicklung ambulant vor stationär, aber der geltende Tarif deckt unsere Leistungen nicht ab. Deshalb müssen wir gerade im Ambulanten die Prozesse noch besser organisieren. Da ist auch die Politik gefordert, um die Abgeltungen im ambulanten Bereich neu zu regeln. Bereits ein Drittel unserer Erträge kommt aus dem ambulanten Bereich. Das ist keine Solothurner Eigenheit, sondern beschäftigt alle Spitäler.

Es gibt auch Positives: Die Solothurner bleiben für Behandlungen vermehrt im Kanton. Zudem kommen mehr Aargauer, Basler und Berner.

Ja, das ist das schönste Kompliment. Das Vertrauen der Patientinnen und Patienten in unsere Dienstleistungen wächst. Dabei spreche ich von den Leistungen in Medizin und Pflege ebenso wie von der Behandlungs- und Aufenthaltsqualität und vom menschlichen Umgang in unseren Häusern.

In einem Jahr wird der Neubau des Bürgerspitals bezogen. Wo liegen die Herausforderungen?

Wir bekommen ein modernes, den heutigen infrastrukturellen Anforderungen an Medizin und Pflege entsprechendes Haus. Diese Chance wollen und müssen wir nutzen. Daneben gibt es sowohl ökologische als auch ökonomische Herausforderungen – und solche an die Flexibilität des Hauses. Unsere Gesellschaft wächst, und sie wird älter. Das schlägt sich auch in den Spitälern nieder.

Es gibt nicht mehr Betten, aber viel mehr Platz. Wie geht das auf?

Wir platzen heute aus allen Nähten. Deshalb ist die Kapazitätsplanung auf die nächsten 40 Jahre ausgerichtet. Die Versorgungs- und Patientenwege werden konsequent getrennt. Das braucht ebenso Platz wie der Ausbau der Infrastrukturen für die medizinische Weiterentwicklung. Deshalb brauchen wir nicht mehr Betten, aber mehr Raum.

Es gibt Stimmen, die sagen, der Neubau sei zu gross geraten und sei nicht wirtschaftlich zu betreiben.

Der Verwaltungsrat ist überzeugt, dass er auf dem richtigen Weg ist. Die soH ist die erste Anlaufstelle für Spitalbehandlungen im Kanton. Den allergrössten Teil der Behandlungen können wir selber leisten. Für Leistungen der hoch spezialisierten Medizin haben wir gute Kooperationen mit den Universitätsspitälern in Basel und Bern.

Wie bereitet sich die soH auf den Bezug und die Inbetriebnahme vor?

Wir erproben derzeit auf zwei Pilotstationen den künftigen Betrieb – eben, weil wir wissen, dass das neue Haus optimal bewirtschaftet werden muss. Darüber hinaus wollen wir bei den Prozessen Erfahrungen sammeln, die auch für Olten und Dornach wichtig sind. Das geht selbstverständlich nicht ohne intensive Diskussionen unter den Beteiligten. Ich bin sicher, dass wir bereit sein werden, wenn der Neubau bezugsbereit ist.

Von aussen gibt es den Eindruck, die soH habe bei den Ärztekadern – nicht zuletzt wegen der anstehenden Veränderungen – eine hohe Fluktuation.

Wir haben bei den Ärztekadern eine stabile Situation. Aber es gibt zwei Themen: Ärztinnen und Ärzte, die eine akademische Karriere machen wollen, bleiben uns nicht erhalten. Und es gibt Ärztinnen und Ärzte, die in die eigene Praxis gehen wollen. Beides ist eine Realität.

Stichwort Entschädigungen: Die soH baut das Lohnsystem um. Exzesse soll es künftig nicht mehr geben.

Vorab: Die soH zahlt keine exorbitanten Löhne. Es gab einen einzigen «Ausreisser». Wir sind gesamtschweizerisch gesehen im Durchschnitt. Abgesehen davon ist der Lohn nicht alles. Es gibt viele andere Faktoren, die einen Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit und die Verweildauer an einem Arbeitsort haben. Wir haben denn auch keine Schwierigkeiten bei der Rekrutierung unseres Personals. Ich sage immer: Das Package muss stimmen. Und das tut es bei uns, ohne dass wir mit unserem Lohnsystem die Neidkultur befördern würden – das wollen wir ausdrücklich nicht. Aus diesem Grund hat es uns auch keine Mühe bereitet, Transparenz über die Bezüge in den einzelnen Disziplinen herzustellen und den höchsten Lohn offenzulegen.

Bei der Ärzteschaft tönt es zum Teil etwas anders. Die Hälfte der Ärzte hat den neuen Anstellungsvertrag, der die Bezüge begrenzt und reduziert und Nebentätigkeiten in der Privatpraxis verbietet, immer noch nicht unterschrieben.

Ja, das ist so. Es ist menschlich, dass man sich für die Wahrung des Besitzstands einsetzt. Das ist nicht nur bei den Ärztinnen und Ärzten so. Ich bin zuversichtlich, dass die neuen Anstellungsbedingungen bis Ende Jahr akzeptiert sind. Der Verwaltungsrat stellt fest, dass das Verständnis für das neue System bei der Ärzteschaft wächst. Wir wollen unsere Angestellten – und ich rede von allen, die bei uns arbeiten – anständig und marktgerecht entlöhnen. Diese soziale Verantwortung haben wir gegenüber allen Berufsgruppen.

Sie rechnen also nicht mit langen gerichtlichen Auseinandersetzungen? Die Ärzteschaft lässt sich anwaltlich vertreten …

… ich hoffe es nicht. Und plädiere für Augenmass in der Diskussion. Polemik um Arztlöhne hilft ebenso wenig wie das Vertuschen der Realität. Deshalb haben wir bei der soH schon vor mehreren Jahren angefangen, das System zu überprüfen – lange, bevor die Politik intervenierte. Im Übrigen freue ich mich darauf, wenn der Fokus künftig von der Lohndiskussion vermehrt auf die Anerkennung der ärztlichen Leistungen gerichtet werden kann.

Die soH bewegt sich in einem kompetitiven Umfeld um die besten Kräfte – gerade auch mit Blick auf die Bespielung des Neubaus.

Ja, aber wir haben ausserhalb der Nachwuchssorgen, welche die ganze Branche beschäftigen, keine spezifischen Probleme. Sorgen bereitet uns die Rekrutierung insbesondere bei der Intensivpflege und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Was ist für den Verwaltungsrat die wichtigste Herausforderung in den nächsten Jahren?

Ganz klar die Ökonomie und die Erhaltung der hohen Qualität der Leistungen! Es reicht eben nicht, wenn wir eine schwarze Null schreiben. Wir müssen vor Zinsen und Abschreibungen einen namhaften Gewinn erwirtschaften, damit wir unsere Investitionen finanzieren können. Das ist bei der aktuellen Tarifentwicklung nicht einfach. Deshalb müssen wir uns auch immer wieder fragen, was wir uns leisten können und was nicht. Auch vor dem Hintergrund, dass wir Menschen behandeln wollen und nicht Diagnosen. Das ist mir und dem Verwaltungsrat ein zentrales Anliegen.

Abläufe optimieren, mehr verdienen – das geht nur mit mehr Leistung. Beginnt die soH nun wie andere Häuser auch damit, auf Teufel komm raus Fälle zu bolzen?

Nein, das wollen wir nicht, im Gegenteil. Wir müssen unnötige Eingriffe verhindern. Mehr als 40 Prozent der Solothurnerinnen und Solothurner lassen sich heute noch ausserkantonal behandeln. Diesen möchten wir unsere Leistungen ebenfalls angedeihen lassen. Das ist unser Ziel – gerade mit den guten Infrastrukturen und Kompetenzen, die wir bald an allen Standorten anbieten können.

Und wie ist das Einvernehmen mit dem soH-Eigentümer Kanton Solothurn, der ein durchaus handfestes Interesse an einem funktionierenden Betrieb hat?

Sehr gut! Wir arbeiten vertrauensvoll und professionell mit Regierung und Verwaltung zusammen. Dass der Kanton ebenso wie die soH aufs Geld schauen muss, ist klar. Wir übernehmen beispielsweise die Gebäude vollständig im Baurecht – auch den Neubau des Bürgerspitals. Das hat Abschreibungen zur Folge, die innerhalb eines Jahres von 3 auf 11 Mio. Franken steigen werden. Diese Mittel müssen wir erst betrieblich erwirtschaften – als professioneller medizinischer Dienstleister, der den Patienten, die Patientin ins Zentrum stellt. Daran gibt es auch in Zukunft nichts zu rütteln.