Gastkolumne
Vielleicht sind Wunder ganz normal

Gastkolumne zum Frühlingserwachen der Natur und zur Auferstehung.

Tatjana Disteli
Tatjana Disteli
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Die Knospen wachsen, die Natur erblüht.

Die Knospen wachsen, die Natur erblüht.

Die Natur ist unsere Freude. Die Natur ist unsere Lehrmeisterin: Wir lernen von den Blättern im Herbst das Fallenlassen, vom Winter das stille Sein und von den leuchtenden Blumen im Frühling die Erneuerung. Grün, gelb, blau und violett schiesst es überall aus totgeglaubten Zweigen und dunklen Böden hervor. Und der Kirschbaum! Er steht in voller Blüte. Die Bienen und die Vögel des Himmels erfreuen sich an ihm, genauso, wie das menschliche Auge.

Im christlichen Kulturkreis ist die Natur ein wunderschönes Symbol für Karfreitag und Ostern. Ist doch schon längst vorbei, denken Sie jetzt? Oh, nein. Wir stehen knappe vier Wochen danach noch immer im 50 Tage dauernden Osterfestkreis, der seinen Abschluss im Pfingstfest findet. Aber die orthodoxen Christen feierten Ostern erst am letzten Wochenende, dafür mit doppelt so viel Kerzenlicht und prächtigem Gesang.

Ja, das Licht und die Wärme – mit Ostern sind beide zurück! Nach der langen Winterzeit sehnen sich alle nach den Strahlen der Sonne, sie verkünden die erwartete helle Auszeit vom allzu langen, grauen Alltag. Auszeiten schaffen Raum für Perspektivenwechsel. Prioritäten verschieben sich, und wir entdecken Dinge plötzlich ganz neu: Ist es nicht ein «Wunder», wenn nach dem Winter die verloren geglaubte Lebenskraft der Natur so plötzlich und farbenfroh aus dem scheinbaren Tod erwacht? Ist es nicht ein «Wunder», wenn Du, schon hoffnungslos verzweifelt, nach ewiger Suche neue Arbeit findest? Oder wenn jemand nach einer hartnäckigen Krankheit, gleich einem persönlichen Karfreitag, seine zurückkehrende Kraft und Vitalität wie zum allerersten Mal spürt?

Weshalb eigentlich nennen wir es nicht ein «Wunder», wenn wir es schaffen, nach einem heftigen Streit ein Kreuz an die Decke zu malen, um uns mit allen Ecken und Kanten neu zu vertrauen? Oder wenn einer aus der langjährigen Abhängigkeit auf(er)steht, wieder auf den Weg zu sich selber zurückfindet – soll das etwa kein «Wunder» sein?

Ist es nicht vielmehr so, dass uns im hektischen Alltagsgrau oft diese andere Perspektive fehlt? Eine, die Distanz verleiht, die Zeit und Raum schafft für eine Tiefe, in der anders gewertet und gewichtet, in der scheinbar Selbstverständliches zum «Wunder» wird?

Der Erlebnishorizont menschlicher Ostererfahrung ist weiter und tiefer: Was also ist schon so-genannt «selbstverständlich» und «normal»? Unser Alltags-Erleben oder eine andere, tiefere Wahrnehmung der Realität? Oder gar das Eine verborgen im Anderen?

Für den Rabbi Jesus aus Nazareth war der tägliche Perspektivenwechsel normal. Er stellte gängige Wertigkeiten gern auf den Kopf. Der Mensch war für ihn wichtiger als das Gesetz, Barmherzigkeit grösser als Machtausübung und Gerechtigkeit edler als der eigene Gewinn. Er stand kreuz und quer in seiner Zeit. Bis heute. Der göttliche Querkopf spielte sich an den Rand der Gesellschaft – und endete am Kreuz. Weil aber der Schock seines gewaltsamen Todes, wider alle Vernunft, nicht das Ende bedeutete, sondern die Verbreitung seiner lebensbejahenden Perspektive in alle Welt hinaus, deshalb feiern wir Ostern! Fiat lux! Als hoffende, zweifelnde und glaubende Menschen haben wir von ihm dieses zentrale Testament erhalten: Mensch, weite Deinen Horizont. Beurteile Deine Existenz von Ostern her. Du bist getragen und wirst am Kompass des roten göttlichen Fadens geführt in allem Auf und Ab Deines Lebens, sodass Du, in welchem Tod auch immer, niemals endgültig stecken bleibst.
Nun denn. Vielleicht sind wir ver-rückt, wenn wir glauben, es gebe das «Wunder» der Auferstehung und alles habe einen Sinn. Vielleicht liegen wir vollkommen quer, wenn wir hoffen, es gebe ein Leben nach dem Tod und einen gerechten Gott ... Vielleicht aber sind wir und all diese «Wunder» auch nur einfach: «ganz normal».