Die Zahlen sind erstaunlich. So belegen die aktuellsten Daten der Solothurner Bildungsverwaltung, dass rund ein Drittel der Absolventen der Sek B nach dem Schulabschluss keine Lehrstelle findet. Erstaunlich ist das vor allem deshalb, weil mit der Reform der Sekundarstufe I die Berufsorientierung in der zweiten und dritten Klasse der Sek B (und auch der Sek E) einen zentralen Stellenwert erhalten hat. Zudem besteht im Kanton Solothurn ein breites Angebot an zweijährigen Grundbildungen mit eidgenössischem Berufsattest (EBA). Die Attestlehre richtet sich gezielt an Schulabgänger mit einem eher kleinen Schulrucksack. Und schliesslich gibt es derzeit eine recht grosse Zahl offener Lehrstellen.

Im Sommer 2014 schloss der erste Schülerjahrgang die völlig neu gestaltete Sekundarstufe I ab. Verlässliche Zahlen liegen erstmals für jenem Schülerinnen und Schüler vor, die im Sommer 2015 ihre obligatorische Schulzeit abgeschlossen haben. Von den 773 Absolventinnen und Absolventen der Sek B haben 199 Schülerinnen und Schüler (26 Prozent) keine Lehrstelle gefunden – und mussten eine Zwischenlösung in Anspruch nehmen.

An einigen wenigen Schulen im Kanton wird auf der Sekundarstufe I noch eine Kleinklasse geführt. Von den kantonsweit 58 Absolventen der Sek K sind 39 Schüler auf dem Lehrstellenmarkt nicht fündig geworden. Für den Jahrgang, der im Sommer 2016 die Schule abgeschlossen hat, liegen noch keine absoluten Zahlen vor. Hier haben 30 Prozent der Sek-B-Absolventen und 55 Prozent der Sek-K-Schüler keine Lehrstelle gefunden.

Von den Absolventen der Sek B und der Sek K, die im Sommer 2015 keine Lehrstelle gefunden haben, besuchten 129 Schülerinnen und Schüler ab August 2015 ein Brückenangebot. 46 weitere Schüler starteten ein Praktikum oder einen Sprachaufenthalt. 61 junge Leute hatten gar keine Anschlusslösung.

Trotz dem neuen Fach Berufsorientierung in der Sek B (und auch der Sek E) ist also nicht gesichert, dass die jungen Männer und Frauen den direkten Einstieg in eine Berufslehre schaffen. Das neue Fach bedeute dennoch eine klare Verbesserung gegenüber früher, betont Roland Misteli, Geschäftsführer des Verbands der Lehrerinnen und Lehrer Solothurn (LSO). «Früher haben die Lehrpersonen in verschiedenen Fächern eine Art Berufsfindungsunterricht durchgeführt». Die Konzentration auf ein bestimmtes Unterrichtsgefäss werde von den Lehrpersonen denn auch sehr positiv gewertet, so Misteli. Im Fach Berufsorientierung geht es vor allem auch darum, dass die Schüler ihre Interessen, Stärken und Schwächen kennenlernen.

Erfolgreich dank Brückenangebot

Das neue Fach bietet etlichen Schülern aber offenbar noch zu wenig Orientierung. Und sie benötigen ein weiteres Jahr, um den Einstieg in die berufliche Grundbildung zu schaffen, in eine zweijährige Attestlehre oder eine dreijährige Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). «Einige Schüler brauchen einfach länger Zeit», betont Yolanda Klaus, die stellvertretende Chefin im Volksschulamt (VSA). Mehr Zeit haben die Jugendlichen zum Beispiel, indem sie ein Brückenangebot in Anspruch nehmen.

Seit einigen Jahren stellt der Kanton ein solches Brückenjahr am Berufsbildungszentrum Olten zur Verfügung. 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler finden nach dem Übergangsjahr den Einstieg in eine Berufslehre, wie Heinz Flück festhält. Er ist Leiter für Förderpädagogik an der gewerblich-industriellen Berufsfachschule Olten. Die Motivationen, die hinter der Wahl eines Brückenangebotes stecken, sind vielfältig. «Obwohl in der Volksschule viel gemacht wird, wissen einige einfach nicht, was sie machen wollen und können», unterstreicht Flück. Etliche Schülerinnen und Schüler bewerben sich für unpassende Stellen. Andere wiederum wissen schlicht und einfach nicht, wo ihre Stärken liegen. Und wiederum andere haben einfach kein Glück, weiss Flück aus dem Schulalltag.

Etliche Absolventen der Sek B, der Sek K und des Brückenangebots am Berufsbildungszentrum Olten finden über die zweijährige Attestlehre den Einstieg ins Berufsleben. «Diese verkürzte Lehre stösst auf breite Zustimmung», hebt Yolanda Klaus hervor. Im Unterschied zur früheren Anlehre müssen die Schüler am Ende der zwei Jahre eine Prüfung absolvieren und bekommen ein anerkanntes Diplom, hält Rudolf Zimmerli fest. Er leitet die Abteilung Berufslehren im kantonalen Amt für Berufslehren, Mittel- und Hochschulen. Man werde die Attestlehre auch künftig unterstützen und fördern. Die Brückenangebote hingegen sollen nicht weiter ausgebaut werden.

Ein Blick in die Zukunft

Was aber geschieht mit Schülerinnen und Schülern, denen selbst der Einstieg in eine Attestlehre nicht gelingt? «Schulabgänger, die keine Attestlehre absolvieren können, haben auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen», stellt LSO-Geschäftsführer Roland Misteli fest. Einige tauchen wohl einfach ab, werden von den Statistiken nicht mehr erfasst. Dadurch fehlt dann auch die entsprechende Unterstützung.

Die Einführung der Sek B habe zu einer Verbesserung der Berufsaussichten für lernschwächere Schüler geführt, ist sich Yolanda Klaus vom Volksschulamt sicher. Statistisch belegen kann sie dies allerdings nicht. Die Auswertungen der Bildungsstatistik stimmen das Volksschulamt im Grundsatz positiv. Man werde jetzt erst einmal die kommenden Jahre abwarten, wie Yolanda Klaus und Rudolf Zimmerli übereinstimmend feststellen.