Oberschule

«Viele Schulabgänger arbeiten sich langsam von unten nach oben»

Mit beiden Beinen auf dem Boden: Hansruedi Baumberger, 64 (l.), und Markus Flury, 60.

Mit beiden Beinen auf dem Boden: Hansruedi Baumberger, 64 (l.), und Markus Flury, 60.

Mit dem Ende des Schuljahres im Juli lief auch das Modell der Sekundarstufe I aus. Die beiden Lehrer Hansruedi Baumberger und Markus Flury bedauern das Verschwinden einer bewährten Schulabteilung.

Sie kennen den Laden, «ihre» Oberschule nämlich, sowie die Grenzen und Möglichkeiten «ihrer» Schüler. Hansruedi Baumberger und Markus Flury. Die zwei Lehrerpersönlichkeiten starteten ihre Schulkarriere in der Mitte der 70er-Jahre. Baumberger an der Oberschule in Olten, wo er Anfang Juli auch pensioniert worden ist. Flury in Bettlach, wo er immer noch unterrichtet. Schon alleine durch diese rund 40-jährige Unterrichtstätigkeit repräsentieren sie «die» Oberschule im Kanton Solothurn.

Explizit von einer «Oberschule» spricht man in Solothurn erst seit dem neuen Volksschulgesetz von 1969. Faktisch gibt es den Schultyp seit 1958, als flächendeckend Sekundarschulen gegründet worden sind. Dies war die Geburtsstunde der dreiteiligen Oberstufe mit den oberen Klassen der Primarschule (der Oberschule eben), der Bezirks- und der Sekundarschule. Die oberen Klassen der Primarschule freilich, namentlich die siebte und achte Klasse, waren bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts obligatorisch, die neunte Klasse dann ab 1969.

Oberschüler machen ihren Weg

Ihre aktive Zeit als Lehrer markiert dabei nicht nur den Start der Oberschule im Kanton, sondern auch deren Endpunkt, wenn Anfang Juli die Oberschule endgültig in der neuen Sek B aufgegangen ist. Für Baumberger, Flury und viele weitere Oberschullehrer ist dies kein freudiges Ereignis. Von Beginn an standen diese der Reform auf der Oberstufe kritisch gegenüber – und das hat sich auch nach den ersten beiden Jahren der Umsetzung nicht geändert. «Meine Skepsis hat sich vollkommen bestätigt», sagt Markus Flury. Doch davon später.

Die immer wieder «Restschule» genannte Oberschule ermöglichte eine individuelle Förderung der betreffenden Schülerinnen und Schüler, sind Flury und Baumberger überzeugt. Die Schaffung von Sekundarschulen Ende der 50er-Jahre habe für beide Schülergruppen, sowohl die neuen Sekundarschüler als auch die Oberschüler, «einen grossen Fortschritt» gebracht, betont Markus Flury. «In der Sekundarschule wurden seither die sprachlich und mathematisch begabteren Schüler besser gefördert.»

Die Oberschule konnte sich dagegen ganz auf die Stärken der eher praktisch veranlagten Schülerschaft konzentrieren. Und diese individuelle Förderung habe dann auch den erwünschten Erfolg gezeigt. Baumberger: «Schüler, die wirklich wollten, haben immer eine Lehrstelle gefunden.» Daran waren freilich auch ihre Lehrer nicht ganz unschuldig. Zum einen sahen sie ihre Aufgabe darin, den Jugendlichen die Augen für die Realität zu öffnen: «Luftschlösser zu bauen war fehl am Platz, sondern jeder musste bereit sein, eine Berufslehre zu machen, die auch wirklich seinen oder ihren Fähigkeiten entsprach», betont Hansruedi Baumberger.

Und Markus Flury bringt das «breite Netzwerk» ins Spiel, über das gerade so mancher Oberschullehrer verfügt. «Es kommt immer wieder vor, dass ein Lehrmeister bei mir anruft, ob ich nicht wieder einen passenden Lehrling für ihn habe.» Beigetragen hat zu diesem guten Netzwerk auch, dass etliche Lehrpersonen gerade in den 70er-Jahren erst nach einer Berufslehre quer in den Lehrberuf eingestiegen sind. Hansruedi Baumberger zum Beispiel entschied sich nach einer Lehre als Feinmechaniker dazu, Lehrer zu werden. Zusätzlich zu seiner Arbeit als Oberschullehrer hatte er auch ein Pensum an der Gewerbeschule für allgemeinbildende Fächer. «Dadurch wusste ich auch immer sehr genau, welche Qualitäten in der Berufswelt gefragt sind.»

Stolz verfolgt Baumberger so manche Berufskarriere seiner Schützlinge: «Gestärkt durch ein kleines Erfolgserlebnis nach dem anderen arbeiten sich viele langsam von unten nach oben.» Und: «Keiner empfindet es als Nachteil, die Oberschule besucht zu haben.»

Sek B: «Fast nicht machbar»

Am Konzept der neuen Sek B kritisieren Baumberger und Flury «die Tendenz zur Akademisierung», sowohl bei der Ausbildung der Lehrpersonen als auch im Unterricht. Längerfristig sollen etwa auch in der Sek B Fachlehrer unterrichten. «Dadurch aber fehlt den Schülern eine Bezugsperson, die sie eng auf ihrem Weg in die Berufslehre begleiten kann», hält Baumberger fest.

Hart ins Gericht gehen die beiden Oberschullehrer mit der «Theorie-lastigen Stundentafel». Flury: «Der Werkunterricht, der den Oberschülern immer wieder zu Erfolgserlebnissen verholfen hat, wird in der Sek B zurückgedrängt.» Stattdessen müssen die Schüler bis zum Ende der Schulzeit Französisch und Englisch büffeln und in der neunten Klasse selbstständig eine Projektarbeit realisieren. Flury: «Das ist fast nicht machbar.» «Etliche Lehrer klagen bereits über Frustrationen und Disziplinlosigkeit als Folge der Überforderung.»

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