Zahnärzte-Gesellschaft
«Viele Kinder wissen heute gar nicht mehr, was Karies ist»

Hans Peter Hirt, Präsident SSO-Solothurn, der Zahnärzte-Gesellschaft des Kanton Solothurns, sagt, die Zeiten, in denen ganze Zahnreihen gezogen wurden, seien vorbei. Die Kariesprophylaxe sieht er als Erfolgsmodell.

Urs Byland
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Hans Peter Hirt, Präsident SSO-Solothurn, über Schulzahnpflege

Hans Peter Hirt, Präsident SSO-Solothurn, über Schulzahnpflege

bko/key

Nach wie vor haben Menschen Angst vor dem Zahnarzt. Herr Hirt ist das in der Zahnärzte-Gesellschaft auch ein Thema?

Hans Peter Hirt Das ist alle Tage ein Thema. Es ist eine Tatsache, dass die Zahnbehandlung für viele Patienten nicht angenehm ist. Der Zahnarzt versucht, jeden Patienten individuell abzuholen. Das ist eine spezielle Herausforderung. Die Zahnärzte-Gesellschaft unterstützt seine Mitglieder diesbezüglich mit Kursen.

Wobei man heute vor allem von Zahnärztinnen sprechen muss. Warum stossen heute mehr Frauen als Männer zu diesem Beruf?

Generell absolvieren heute mehr Frauen erfolgreich die Maturität, in vielen Studienrichtungen sind sie in der Überzahl. Zahnärztinnen schätzen, dass sie Beruf und Familie vereinbaren können. Sie müssen wenig Nacht- oder Wochenenddienste leisten. Deshalb wählen viele Frauen den zahnärztlichen Studienweg: Die berufliche Tätigkeit lässt sich leichter organisieren als zum Beispiel in der Medizin.

Ist wie bei den Hausärzten das Modell der Einzelpraxis ein Auslaufmodell?

Der Trend zur Gruppenpraxis ist da. Man kann sich die Arbeitszeit teilen, hat einen Austausch und verschiedene Fachbereiche finden Platz unter einem Dach. Damit können auch die Bedürfnisse der Patienten abgedeckt werden. Ebenso können teure Investitionen auf mehreren Schultern verteilt werden. Das ist klar die Zukunft. Die Einzelpraxis wird aber nicht vollständig von der Bildfläche verschwinden.

Heute hört man weniger von der Kariesvorbeugung. Hat die Gesellschaft diese Vorbeugung verinnerlicht?

Die von der SSO geförderte Kariesprophylaxe ist ein Erfolgsmodell. Viele Kinder wissen heute gar nicht mehr, was Karies ist. Das ist auch gefährlich, weil das Fehlen von Karies selbstverständlich geworden ist. Hinter der guten Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen steckt aber nach wie vor viel Arbeit in der Schulzahnpflege. Dort lernen die Schulkinder, wie sie ihre Zähne gesund erhalten können – durch Ernährungsberatung und Fluoridierung der Zähne. Bestes Beispiel sind die Kinder der Migranten, die oft mit schlecht gepflegten Zähnen zu uns kommen. Mit der Schulzahnpflege haben sie die gleichen Chancen für gesunde Zähne. Das ist gelebte Integration.

Ist die Schulzahnpflege in Gefahr?

Heute ist diese an die Gemeinde delegiert. Manch ein Gemeinderat spart in der Schulzahnpflege, um das Gemeindebudget zu entlasten. Gerade im Kanton Solothurn gibt es Gemeinden mit besseren und schlechteren Verträgen im Bereich Schulzahnpflege. Dabei kostet ein Schaden, der nicht entsteht, am wenigsten.

Müssten nicht gerade die Zahnärzte Freude an schadhaften Zähnen haben?

Das mag so scheinen. Das Gegenteil ist aber der Fall, alles andere würde unserer Ethik wiedersprechen. Die heutige Zahnmedizin erfordert die Mitarbeit des Patienten. Jede noch so kleine Füllung, jede Zahnregulierung erfordert konsequente Zahnpflege des Einzelnen. Zu den Zeiten, in denen ganze Zahnreihen gezogen und eine Totalprothese eingesetzt wurde, will niemand zurück.

Nach wie vor werden Zahnarztrechnungen mit Ausnahmen nicht von der Kranenkasse übernommen. Warum?

Weil Zahnschäden vermeidbar sind. Zahnpflege gehört in die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Bei einer Übernahme der Zahnarztkosten durch eine Versicherung würden Versicherte bestraft, die eine gute orale Hygiene betreiben – sie müssten die Zahnschäden jener Versicherten bezahlen, die ihre Mundhygiene vernachlässigen.

Auffallend ist, dass der Bund von 2002 bis Ende 2014 insgesamt 4222 ausländische Diplome anerkannte. Wie empfinden Sie die Konkurrenz?

Durch die Annahme der bilateralen Verträge sind ausländische EU-Diplome den schweizerischen gleichgestellt. Ausländische Zahnärzte können ihre Diplome durch die Schweiz anerkennen lassen und hier arbeiteten. Nicht alle, die ihr Diplom anerkennen lassen, arbeiten auch in der Schweiz. Einige, die hier praktiziert haben, sind bereits wieder abgereist. Aber es ist schon so, wir haben einen sehr grossen Zuwachs von ausländischen Zahnärzten. In manchen Berufsgattungen, beispielsweise in der Kieferorthopädie, ist der Zuwachs überdurchschnittlich.

Konkurrenz?

Wir haben absolut genug Zahnärzte. Aber wir fürchten uns nicht vor Konkurrenz, eine gesunde Konkurrenz fordert uns zu besseren Dienstleistungen heraus. Vor Jahren hatten wir in gewissen ländlichen Gebieten eine Unterversorgung. Heute gibt es gerade in Städten und Agglomerationen eine Überversorgung. Weiter herrscht bei Patienten eine grosse Unzufriedenheit darüber vor, dass die ausländischen Fachkräfte manchmal weniger gut ausgebildet sind.

In der Schweiz arbeiten aktuell 4800 Zahnärzte, 1675 pro Einwohner. In Solothurn arbeiten 130 Zahnärzte, das macht 2023 Einwohner pro Zahnarzt. Ist das genug?

In diesen Zahlen nicht erfasst sind Assistenzärzte, Dentalhygienikerinnen und Prophylaxeassistentinnen. Heute erhält jeder Patient in angemessener Frist einen Behandlungstermin. Im Notfalldienst, den wir der Bevölkerung aus Überzeugung anbieten, erhält der Patient noch am gleichen Tag einen Behandlungstermin. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Kanton Solothurn zahnmedizinisch sehr gut versorgt. Aber es ist klar, in Städten und Agglomerationen haben wir einen Verdrängungsmarkt.