Das Thermometer zeigt 28 Grad an, als Thomas Studer am Dienstagnachmittag in seinen Toyota steigt. Es ist bald Ende September, geregnet hat es lange kaum, und im Auto herrscht Hochsommer-Hitze. Förster Studer ist beunruhigt. Sein Wald ist daran, sich zu verändern. «Es ist ein Prozess über Jahrzehnte. Aber wir sind mittendrin», sagt Studer. «Das sind die Auswirkungen der Klimaerwärmung.»

Langsam fährt er mit seinem silbernen Geländewagen bergwärts, hinauf in den Wald ob Selzach. Studer findet hier einige Bäume, die der Hitze nicht mehr standhalten können. Weisstannen, die 120 Jahre alt sind, müssen gefällt werden. Vom einen aufs andere Jahr gehen sie ein. «Es ist im ganzen Mittelland so», sagt Studer, der von Bettlach über Lommiswil bis Kammersrohr und Flumenthal für den Leberberger Wald verantwortlich ist.

Mit dem Feldstecher sucht Studer von aussen den Wald ab. Wo er ausgedorrte, braune Kronen sieht, weiss er, dass der Baum wohl nicht mehr lange lebt. Es ist nicht nur die Hitze, die den Bäumen zusetzt. Es ist auch der Borkenkäfer, der seit dem Sturm «Burglind» den Bäumen zusätzlich zu schaffen macht. «In jeden Baum, der abstirbt, kommt der Borkenkäfer», sagt Studer.

400 Liter Wasser pro Tag

Dramatisieren will der Förster die Situation nicht. Aber während er auf dem Schotterweg bergwärts marschiert berichtet er: «Die Bäume haben Stress. Von den grossen nimmt es jetzt viele.» Da ist eine Weisstanne, die nur noch wenige ausgedünnte grüne Kränze hat. Dort zeigt er auf eine Buche, die bereits früh ihre Blätter fallen liess, um der Hitze zu entkommen. «Sie überlebt», sagt Studer. 400 Liter Wasser braucht ein solcher Baum pro Tag – idealerweise. So feucht aber ist der Waldboden längst nicht mehr, auch wenn das Grün noch üppig scheint und es im Wald kühler ist als ausserhalb. «Der Regen kam nicht bis zum Boden durch», sagt Studer.

Nach ein paar hundert Metern Fussmarsch gelangt Studer zu einer Weisstanne, die den Hitzesommer 2018 nicht überleben wird. «Sie war das Highlight bei Waldführungen», sagt der langjährige Förster. Gegen 200 Jahre alt, 1,5 Meter dick und 40 Meter hoch ist der Baum. Es war die grösste Weisstanne im Leberberg, der Stolz eines Försters. Jetzt ist sie oben dürr. Mit dem Finger fährt Studer über das Moos am Stamm. Bohrmehl, das vom Borkenkäfer stammt.

«Einen ganzen Lastwagen Holz gibt dieser Baum», so Studer. «Freiwillig würden wir ihn nie fällen.» Die grosse alte Weisstanne, deren letzte Stunde bald schlägt, geniesst den Respekt des Försters, weil sie so lange gelebt hat, weil sie aus einer Zeit stammt, als es noch keine Autos gab. Studer würde den stummen Zeitzeugen aus einer vergangenen Epoche gerne stehen lassen. Aber das ist wegen des nahen Wanderwegs zu gefährlich.

Überall ist der Borkenkäfer

Am Boden neben der Tanne stehen kleine Ahornbäume und Eichen. Wenn die grosse Tanne weg ist, werden sie im neu gewonnenen Licht wachsen. Studer ist überzeugt, dass sich das Bild des Waldes aufgrund höherer Temperaturen ändern wird. «Die Flachwurzelnden wie die Fichten werden im Mittelland seltener. Sie werden schwierige Zeiten haben», sagt Studer.

Eichen oder Edelkastanien, die der Hitze gut angepasst sind, würden dagegen häufiger werden. Zwar pflanzen die Förster nur selten selbst Bäume. Zu 95 Prozent lässt man den Wald sich selbst ergänzen. Aber dort, wo es getan wird, setzt Studer heute häufiger Eichen. «Die Natur würde den Prozess auch machen. Bei uns geht es einfach etwas schneller.»

Während Studer spricht, ist das Hämmern eines Spechtes zu hören. «Der Baum wird jetzt auseinandergenommen. Die Natur regiert», so Studer. Denn nicht nur der Borkenkäfer nagt am Baum. Auch der Specht hat sich am dicken Stamm der alten Weisstanne schon zu schaffen gemacht. Der Vogel profitiert von der aktuellen Lage: Er frisst die Borkenkäfer. Seine Population wird aufgrund des grossen Nahrungsangebots wachsen.

Für die Waldwirtschaft dagegen ist der Borkenkäfer eine Plage. Er vermehrt sich wahnsinnig rasch. Wo ein Baum leidet, ist der Schädling nicht weit. Drei Generationen hat es diesen Sommer gegeben. Mit zwei hatten Studer und seine Kollegen gerechnet. «Nasses Wetter wäre das Beste», sagt Studer. Dieses macht dem Käfer zu schaffen. Die Kälte dagegen überhaupt nicht. Er überlebt auch bei Minustemperaturen.

Es gibt jetzt zu viel Holz

Die Bäume, die vom Borkenkäfer befallen sind, holen Studer und seine Mannschaft rasch aus dem Wald, um Schlimmeres zu verhindern. Doch ganz einfach ist es nicht, derzeit die Bäume loszuwerden. «Die Verarbeitungskette kann sie nicht mehr aufnehmen. Die Holzkanäle sind proppevoll», erklärt Studer. Schon «Burglind» hat für zu viel Holz gesorgt. Noch immer liegen Bäume auf dem Waldboden, die der Sturm gefällt hat, als er im Januar über die Wälder fegte. Die Preise für das Holz sind inzwischen gefallen. 30 Prozent tiefer als letztes Jahr liegt der Preis, damals lag er knapp über 70 Franken pro Kubikmeter. «1990 waren es noch 110 Franken», blickt der 54-Jährige zurück.

Der Förster, der auch CVP-Kantonsrat ist, geht davon aus, dass die heissen Sommer auch in der Schweizer Holzindustrie zu Anpassungen führen werden. «Das Schweizer Bauwesen ist nadelholzlastig, und die Sägereiindustrie ist darauf ausgerichtet.» Zwar würde vermehrt die Buche verwendet. «An die Aussenfassade kann man sie aber nicht tun.» Das Eichenholz wiederum ist zwar wirtschaftlich nicht uninteressant, die Bäume wachsen aber viel langsamer als die Tannen.

Studer schreitet aus dem Wald zum Auto zurück. Der Förster ist trotz allem nach wie vor fasziniert vom Lebensraum, für den er mitverantwortlich ist. «Der Wald ist ein beeindruckendes Phänomen. Ich staune, wie die Bäume dies trotz allem prästieren», sagt er. «Die meisten schaffen es.»