Kein Flop, aber auch kein grossartiger Durchbruch. So lässt sich die Bilanz des Pilotprojekts «Videodolmetschen» zusammenfassen, über welches am Dienstagabend die Solothurner Spitäler AG (soH) mit erfrischender Offenheit informierte.

«Wenn man sich nicht versteht, dann kann in der Medizin die Sprachbarriere zu Komplikationen mit katastrophalen Folgen führen», sagte Nationalrätin Bea Heim (SP) in ihrer Begrüssungsrede. Die soH beweise mit dem Pilotprojekt grossen Pioniergeist. Wenn Patientinnen und Patienten die übersetzende Person auf dem Bildschirm sehen, könne das dazu beitragen, dass mehr Vertrauen und eine bessere Kommunikation entstehen, fuhr Heim fort. «Der digitale Wandel ist eine Chance. Er ermöglicht auch in der Medizin, mehr Zeit für das Menschliche einzusetzen.»

Das Grundprinzip des Videodolmetschens erscheint auf den ersten Blick einfach: Um schneller und effizienter arbeiten zu können, können seit Mai 2016 bei der Konsultation von fremdsprachigen Patientinnen und Patienten die Dolmetscher über einen Videokanal beigezogen werden. In das durch den Lotteriefonds finanzierte Pilotprojekt, das noch bis Ende Jahr weitergeführt wird, sind die Kantonsspitäler in Olten und Solothurn sowie die Psychiatrischen Dienste involviert. Das Videodolmetschen beschränkt sich vorerst auf die Sprachen Arabisch, Tigrinya und Türkisch.

Komplizierte Technik

Die Krux liegt wie so oft im Detail: Zum Schutz der Patienten wurde ein hochverschlüsseltes System mit getrenntem Ton- und Videokanal angewendet. Doch die gewählte Technik erwies sich als zu kompliziert und störungsanfällig. Die Bildqualität ist ungenügend, was sich negativ auf die Akzeptanz des Videodolmetschens auswirkte.

So wurde das Videodolmetschen während der Pilotphase in weniger als zehn Prozent der Konsultationen eingesetzt. Das habe nicht etwa an den Patientinnen und Patienten gelegen, von denen die meistens bereits per Skype und Video mit den Angehörigen in der Heimat kommunizieren, meinte Andreas Woodtli, Direktor der Personaldienste soH: «Enttäuschend ist, dass sich unsere Mitarbeiter sehr zurückhaltend verhielten und zum Teil sogar abblockten.»

Abgrenzung ist einfacher

Die dolmetschenden Personen seien grundsätzlich positiv zur neuen Technik eingestellt, sagte Sanja Lukic von der Asylorganisation Zürich (aoz), die bei der Vermittlung der Übersetzungsdienste mitwirkte. «Gestik und Mimik zu sehen, das hilft, Missverständnisse zu vermeiden. Die räumliche Distanz erleichtert bei den meisten Dolmetschenden die emotionale Abgrenzung.» In Einzelfällen sei die Distanz aber auch als Problem empfunden worden.

Ein weiteres Problem wurde in einer Analyse von der Fachhochschule Nordwestschweiz angesprochen: Wenn auf dem Bild erkennbar wird, dass Dolmetscher und Patient zwar dieselbe Sprache sprechen, aber einer anderen Ethnie oder Religion angehören, kann das Video zusätzliche Distanz schaffen oder sogar ein Vertrauensverhältnis verhindern.

Neues Projekt bereits aufgegleist

«Das Videodolmetschen ist eine von mehreren Technologien, die Zukunft haben», fasste Projektleiterin Nadia Di Bernardo ihre Erfahrungen aus dem Pilotprojekt zusammen. Das Dolmetschen vor Ort bleibe bei Einsätzen, die mehr als 20 Minuten dauern, die sinnvollste Variante. Bei kurzen Einsätzen sei dagegen das Videodolmetschen preislich günstiger, da die Anreise ins Spital wegfalle. «Unter der Voraussetzung, dass eine bessere technische Lösung gefunden werden kann, sehe ich für das Videodolmetschen bei den Gesprächen mit den Hebammen, in den Ambulatorien und speziellen Sprechstunden gute Einsatzmöglichkeiten», sagte Di Bernardo.

Sie werde nun einen Schritt weiter gehen und ein neues Pilotprojekt betreuen, in welchem vorproduzierte Videosequenzen für immer wiederkehrende Situationen zur Kommunikation eingesetzt werden sollen. Nadia Di Bernardo: «Solche Videos machen zum Beispiel bei der Beratung in Ernährungsfragen und bei Diabetes Sinn, aber auch bei der Vorbereitung auf eine Anästhesie.»