Strassenverkehr
Video-Patrouillen jagen Drängler – es drohen happige Strafen

Wer mit zu wenig Abstand zum Vorderwagen erwischt wird, riskiert seinen Führerausweis. Kritiker sagen, oft sei es unmöglich, die Regeln einzuhalten. Die Polizei betont, man nehme vor allem rücksichtslose Fahrer ins Visier.

Sven Altermatt
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Wer hält hinreichend Abstand zum Vordermann, wer nicht? Blick auf die A1 bei Boningen.

Wer hält hinreichend Abstand zum Vordermann, wer nicht? Blick auf die A1 bei Boningen.

KEYSTONE

Es ist nicht so, dass es Adrian Hofer* besonders eilig hatte an diesem Nachmittag. Aber einigermassen pünktlich nach Hause kommen, das wollte er schon. Wie immer herrschte viel Verkehr auf der Autobahn. Hofer war in seinem Kombi aus dem Seeland ins Niederamt unterwegs.

Auf den ersten Kilometern habe er genügend Abstand zu seinem jeweiligen Vordermann gehalten, wie üblich, betont er. Kurz nach der Einfahrt Oensingen jedoch drängte sich ein weiteres Auto in die Lücke zwischen ihm und dem vorausfahrenden Wagen. Hofer bremste kurz ab. «Aber nicht zu fest», erzählt er, «denn dicht hinter mir fuhr ein weiteres Auto.» In den nächsten Augenblicken, das will Hofer erst gar nicht abstreiten, hielt er zu wenig Sicherheitsabstand. «Ich war quasi während Minuten im Sandwich der beiden Autos und wollte keinen Unfall riskieren.» Was er da noch nicht weiss: Seine Fahrt wird aufgezeichnet.

Die Kantonspolizei Solothurn ist just an dem Tag mit einem speziell ausgerüsteten Video-Fahrzeug unterwegs, um Dränglern auf die Spur zu kommen. Das System misst die Distanz zwischen zwei Fahrzeugen, wenn diese zu klein ist. So kann die Polizei bestimmen, wie lange ein Autolenker mit ungenügendem Abstand unterwegs ist und welchen Minimalabstand er dabei einhält.

Für Hofer hat das fatale Folgen. Sein Vergehen wird nämlich nicht mehr mit einer einfachen Ordnungsbusse geahndet: Weil der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug bei Tempo 120 lediglich 18 Meter oder umgerechnet rund 0,5 Sekunden betrug, hat er nun ein Verfahren am Hals – wegen einer Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften. Ihm drohen eine Geldstrafe und der Entzug des Führerausweises für mehrere Monate.

Führerausweis lange weg

Es gehört zu den elementaren Pflichten eines Fahrzeuglenkers, genügend Abstand einzuhalten. Wer anderen Autofahrern zu nahe an die Stossstange rückt, riskiert eine happige Strafe. Gemäss Bundesrecht gilt der Grundsatz: «Der Abstand ist dann hinreichend, wenn das hintere Fahrzeug bei überraschendem Bremsen des voranfahrenden Fahrzeugs noch rechtzeitig zu halten vermag.»

Aber was heisst das konkret? Im Gesetz sind die meist synonym verwendeten Begriffe «ausreichender Abstand», «Minimalabstand» und «Sicherheitsabstand» nicht weiter definiert. Das Bundesgericht verlangt einen Abstand entsprechend einem halben Tachowert. Als Faustregel ist ein minimaler zeitlicher Abstand von knapp zwei Sekunden allgemein anerkannt (siehe Kontext). Einheitliche Regeln gibt es allerdings nicht.

Das müssen Autofahrer beachten

Der ungenügende Abstand ist eine der häufigsten Unfallursachen auf Schweizer Autobahnen – trotz klarer gesetzlicher Regeln: Ein Autofahrer muss beim Hintereinanderfahren einen ausreichenden Abstand wahren, sodass er beim überraschenden Bremsen des voranfahrenden Fahrzeuges rechtzeitig halten kann. Das Bundesgericht fordert in seiner Rechtsprechung einen Abstand entsprechend einem halben Tachowert. Bei einer Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern müsste man demnach einen Abstand von 60 Metern einhalten. Allerdings ist es in einem fahrenden Auto schwierig, die Distanz in Metern richtig einzuschätzen. Bewährt hat sich deshalb die Zwei-Sekunden-Regel, die auch vom nationalen Fahrlehrerverband empfohlen wird: Dafür fixiert man einen Punkt auf der Fahrbahn oder am Rand. Wenn das vorausfahrende Auto daran vorbeifährt, zählt man «Einundzwanzig, Zweiundzwanzig». Erst dann darf man selbst den angepeilten Punkt erreichen, sonst ist der Abstand zu gering. Einmal damit konfrontiert, seien viele Autofahrer erstaunt, wie falsch sie Abstände einschätzen würden, heisst es bei den Fahrlehrern. Der Verband Auto Schweiz gibt zudem zu bedenken: «Bei 90 Stundenkilometern braucht ein Auto rund 62 Meter, bis es stillsteht. Das sind ungefähr 13 Wagenlängen.» Viele moderne Fahrzeuge sind mit einem Assistenten zum automatischen Halten des Abstands ausgestattet. Der sogenannte ACC funktioniert über einen Radarsensor, der das vorausfahrende Fahrzeug erkennt und bei Bedarf automatisch die Geschwindigkeit senkt, um den empfohlenen Abstand wieder herzustellen. (sva)

Zum einen beurteilen die kantonalen Behörden das Unterschreiten des Minimalabstands unterschiedlich. Zum anderen müssen die Umstände des konkreten Falls berücksichtigt werden. So sind Faktoren wie die Strassenverhältnisse oder das Verkehrsaufkommen ebenfalls relevant. Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass bei einer Unterschreitung bis 0,6 Sekunden eine einfache Verletzung der Verkehrsregeln vorliegt. Bei Abständen von 0,6 Sekunden und weniger handelt es sich um eine grobe Verletzung, die eine strafrechtliche Geldstrafe zur Folge hat. Als administrative Massnahme droht wegen «schwerer Widerhandlung» zusätzlich der Entzug des Führerscheins für mindestens drei Monate.

Vergehen wird oft unterschätzt

Die Solothurner Behörden orientieren sich offenbar eng an der bundesgerichtlichen Rechtsprechung. In der «polizeilichen Verzeigungspraxis» sei vorgesehen, dass ein Abstand von 0,6 Sekunden und weniger als grobe Verkehrsregelverletzung einzustufen ist, heisst es bei der Kantonspolizei Solothurn. Der abschliessende Entscheid liege bei der Staatsanwaltschaft.

So viel zur Theorie. Entsprechende Verstösse finden auf hiesigen Strassen tagtäglich statt, da bestehen für Fachleute keine Zweifel. Doch nur einen kleinen Bruchteil der Vorfälle können die Behörden überhaupt verfolgen. Manchmal versucht ein Autofahrer bewusst, einen Vorausfahrenden zum Platzmachen zu bewegen. Bisweilen ist es jedoch kaum möglich, den Sicherheitsabstand permanent einzuhalten. Gerade im dichten Stossverkehr quetschen sich überholende Fahrzeuge immer wieder in die Lücken und zwingen andere Autofahrer zum Handeln.

So erging es auch Adrian Hofer. Dass er wegen ungenügenden Abstands belangt werden soll, sei zwar «so weit noch verständlich», sagt er. Als ungerecht empfindet er aber die Härte der drohenden Konsequenzen. Tatsächlich ist das vorgesehene Strafmass ähnlich drakonisch wie bei einem Raser-Delikt – nur ist das den wenigsten bekannt. Das Unwissen diesbezüglich sei gross, berichtet der auf Strassenverkehrsrecht spezialisierte Rechtsanwalt Mathias L. Zürcher in einem Aufsatz. «Viele Autofahrer sind sich der Konsequenzen, welche beim Unterschreiten des gebotenen Abstandes drohen, nicht bewusst.» Kein Wunder, empfinden Betroffene diese nicht selten als Schikane.

Häufige Unfallursache

Schikane? Für die Solothurner Kantonspolizei beweist die grosse Zahl an Auffahrunfällen freilich das Gegenteil. Der ungenügende Abstand ist im Kanton die häufigste Unfallursache auf Autobahnen. Und schweizweiten Zahlen zufolge sind bis zu 40 Prozent der Unfälle darauf zurückzuführen. Bei den Behörden betont man einhellig, es gehe darum, die Ursachen an der Wurzel zu bekämpfen.

«Ungeachtet des Verkehrsaufkommens ist immer ein ausreichender Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einzuhalten», erklärt Yves Staub von der Kantonspolizei. Der Chef Verkehrstechnik kann aber nachvollziehen, dass der Abstand «aufgrund diverser Fahrmanöver im dynamischen Verkehr kurzfristig auch einmal nicht eingehalten werden kann». Dafür habe er Verständnis, betont Staub. «Deshalb ahnden wir den ungenügenden Abstand grundsätzlich nur, wenn über eine längere Distanz rücksichtslos dem vorausfahrenden Fahrzeug aufgefahren wird.» Dann also, wenn gemeinhin von Drängeln die Rede ist.

Die Kantonspolizei verfügt über zwei Fahrzeuge, die mit Video-Technik ausgerüstet sind. Laut Staub stehen sie bis zu dreimal pro Woche im Einsatz. Eine Software misst automatisch den Abstand zwischen Fahrzeugen und weist diesen in Sekunden aus. 62 Überschreitungen führten 2016 nach einer Videoaufzeichnung zu einer Anzeige, im Jahr 2015 waren es deren 47.

Gibt es keine solchen Beweise, muss die Staatsanwaltschaft beurteilen, inwieweit sie sich auf andere Beweismittel oder Zeugenaussagen stützt. «Entsprechende Widerhandlungen können auch visuell durch die Polizei festgestellt werden», sagt Staub. Wenn immer möglich, würde man die Vorfälle mit Fotos festhalten. Zudem gibt es regelmässig Fälle, in denen sich Privatpersonen mit Handy-Aufnahmen oder mit Videos von sogenannten Dashcams bei der Polizei melden.

Andere setzen auf «Superradar»

«Kein Thema», so Staub, sei in Solothurn derzeit die Anschaffung eines automatischen Verkehrskontrollsystems. Im Unterschied zu den herkömmlichen Methoden kann damit ein definierter Strassenabschnitt über mehrere Stunden konsequent kontrolliert werden. Das System funktioniert mit sogenannten Identkameras und registriert Fahrer, die sich nicht an den Mindestabstand halten. Als erstes Korps der Schweiz setzt die Kantonspolizei Bern auf den «Superradar». Seit der Einführung im Jahr 2011 wurde ein Vielfaches an Fahrzeugen mit ungenügendem Abstand registriert.

Dass die Solothurner Polizei bisher ohne Verkehrskontrollsystem nach Dränglern jagt, ist für Adrian Hofer nur ein schwacher Trost. «In der Schweiz wird man wegen Unterschreitens des Mindestabstands wie ein Raser angepackt», findet er. «Das ist unverhältnismässig.»

* Name der Redaktion bekannt.