Ein Dorf? Der Begriff kann hier ja nur falsche Erwartungen wecken. Schliesslich kommt man nicht umhin, zuerst einmal aufzuzählen, was es in Kammersrohr nicht gibt: keine Beiz, keine Schule, keine Kirche, keine Läden, keine Kantonsstrasse, keine Anbindung an Bus oder Bahn. Nicht einmal eine Strassenlampe leuchtet in der Nacht. Und eine eigene Website hat die Gemeinde schon gar nicht.

Fremde verirren sich kaum je nach 4535 Kammersrohr. Die Ortschaft im unteren Leberberg, versteckt zwischen Hubersdorf und Günsberg am Südhang der ersten Jurakette, ist alles andere als eine Durchgangsgemeinde. Am Ende eines Einfamilienhausquartiers in Hubersdorf zieht sich ein enges Strässchen hügelan, um nach zwei Kurven gleich wieder sanft abzufallen. Wer zu flott den Hang hinaufbrettert, übersieht das Ortschild am Rande eines Weizenfelds glatt – und blickt dann ein paar Häuser später verwundert auf den Wegweiser nach Günsberg.

War da irgendwo noch eine Abzweigung? Nein. Wo dieses Dorf anfängt und aufhört, bleibt für Besucher schlicht ein Rätsel. Mit einer Fläche von knapp einem Quadratkilometer und 30 Einwohnern ist Kammersrohr in doppelter Hinsicht die kleinste Gemeinde im Kanton Solothurn. Selbst der ausgiebigste Spaziergang durch den Ort dauert keine halbe Stunde. Oder besser: ein Rundgang von Anwesen zu Anwesen. Einen eigentlichen Dorfkern sucht man vergebens. Gerade einmal 13 Haushaltungen werden in offiziellen Statistiken ausgewiesen. Wachstum ist quasi nur von innen möglich. Denn Bauland ist schlicht nicht vorhanden.

Kein Zeichen der Verwurzelung

Also wohnen die Kammersrohrer seit je in ihren stolzen Herrenhäusern, auf dem Gemeindegebiet liegen zudem drei schmucke Bauernhöfe und ein paar moderne Einfamilienhäuser. In der Bevölkerung sind Bauernfamilien und Berufspendler heute gleich stark vertreten. Viele leben seit Generationen hier, Mutationen im Einwohnerregister sind selten.

Ein Zeichen der tiefen Verwurzelung ist das allerdings mitnichten, so scheint es: Kein einziger der Einwohner hat Kammersrohr als Heimatort. Von den 971 Ortsbürgern ist niemand hier wohnhaft. Das ist einmalig im Solothurnischen. Und könnte beispielhaft dafür stehen, wie ein vermeintlich identitätsstiftendes Symbol an Bedeutung verloren hat.

Der Heimatort ist eine helvetische Eigenheit. Für viele Schweizer ist er so was wie ein historisches Zubehör, das im Pass steht und gelegentlich auf ein Formular der Behörden gekritzelt werden muss. Andere Länder kennen das Konzept des Heimatorts nicht. Ihre Bürger haben lediglich eine reine Staatsbürgerschaft. In offiziellen Dokumenten wird stattdessen der Geburtsort aufgeführt.

Im Alltag ist der Heimatort jedoch nebensächlich geworden. Rechtliche Ansprüche kann niemand mehr aus ihm ableiten, und Geld gibt es schon gar keins. Vor fünf Jahren verlor die Institution ihre wichtigste Bedeutung. Damals beschlossen die eidgenössischen Räte, dass sich eine Heimatgemeinde fortan nicht mehr an den Sozialhilfekosten ihrer Bürger beteiligen muss.

Ein erfülltes Leben im Idyll

Was bleibt, ist die emotionale Dimension. Der Heimatschein gilt als Zeugnis für die Herkunft einer Familie. Gerade deshalb haben die Behörden bisher auf die Abschaffung verzichtet. Entsprechende Anläufe hagelten jeweils Proteststürme. Der Heimatort sei unentbehrlich, so der Tenor entsprechender Debatten im eidgenössischen Parlament. Jeder wolle schliesslich wissen, wer er ist und woher er kommt. Das fanden auch die SBB, als sie im Jahr 2009 mit einem vergünstigten «Heimatbillett» dazu animierten, mal wieder seinen Heimatort zu besuchen. «Eine Reise zu den eigenen Wurzeln», versprachen die Bundesbahnen.

Die eigenen Wurzeln? «Um die zu spüren, muss ich Kammersrohr nicht verlassen.» Der Mann, der diesen Satz fallen lässt und dazu den Kopf schüttelt, kennt den Ort so gut wie nur wenig andere: Anton Probst ist hier geboren, hier aufgewachsen, hier sesshaft. «Seit bald 60 Jahren musste ich nie weg», sagt er. Also steht der Bauer auch an diesem Julitag auf dem Betrieb, den schon seine Eltern in Pacht geführt haben. Das Wohnhaus seiner Familie und die Landwirtschaftsgebäude gehören zum mittleren Mattenhof, einem weitläufigen Anwesen mit Herrenhaus, das denkmalgeschützt ist und sich heute im Besitz eines Rechtsanwalts befindet.

«Der Heimatort? So was zählt doch nur auf dem Papier.»

Anton Probst, Ur-Kammersrohrer

«Der Heimatort? So was zählt doch nur auf dem Papier.»

Probst ist Vater von acht Kindern, ein Hüne mit grossen Händen und braun-grau melierten Haaren. Der frühere Kranzschwinger sieht die Dinge locker. Dass im Dorf noch jeder jeden kennt, sei in Kammersrohr keine Floskel, sagt er. «Wir halten zusammen und sind gerne unter uns.» Es sind keinesfalls Anonymität und Ablenkung, die im grünen Idyll ein erfülltes Leben verheissen.

Bürgergemeinde ist am Ende

Anton Probst tritt auf die Strasse vor seinem Hof, blickt rauf zum Wald und hält inne. Man muss es ihm nur einmal gleichtun. Die Stille ertragen. Probst vermutet, die Abgeschiedenheit schaffe Gemeinschaft. Der Bauer mag sein Dorf, auch wegen dessen Eigenheiten. Ja, das mache ihn ein bisschen stolz. Wünscht er sich da nicht manchmal, dass Kammersrohr auch sein Heimatort sei? Probst hebt die Hände und schweigt kurz. Dann sagt er: «So was zählt doch nur auf dem Papier.» Sein Heimatort sei übrigens Mümliswil, so viel verrät er noch, aber was tue das schon zur Sache. Im Übrigen habe man im Kammersrohr genug Scherereien gehabt wegen der Bürgergemeinde.

Tatsächlich stand diese während Jahrzehnten unter der Sachverwaltung des Kantons. Im Dorf wohnten nur noch wenige Personen mit Bürgerrecht, die sich in die Führungsgremien hätten wählen lassen können. Als im Jahr 1995 dann gar kein Ortsbürger mehr ansässig war, wurde der Druck aus Solothurn zu gross: Die Bürgergemeinde musste mit der Einwohnergemeinde fusionieren, die Gremien verschmolzen. So wurde Kammersrohr zur ersten Einheitsgemeinde im Kanton, wie es im Beamtenjargon heisst.

Fusionen sind immer noch ein so aktuelles wie delikates Thema. Dass die Kleinstgemeinde ihre Eigenständigkeit bewahren kann, hat sie vor allem ihrer Finanzkraft zu verdanken. Kammersrohr kann sämtliche Leistungen locker einkaufen und hat einen rekordtiefen Steuerfuss von 65 Prozent. Alles ist schlank gehalten. Selbst die Gemeindeversammlung wird jeweils im Wohnzimmer eines Einfamilienhauses abgehalten. Die Gemeinde hat weder mit steigenden Sozialkosten zu kämpfen, noch muss sie teure Infrastruktur wie Schulhäuser erhalten. Probleme bereitet ihr einzig, dass immer weniger Kandidaten für den Gemeinderat und die Finanzkommission bereitstehen. Das Milizsystem bröckelt unaufhaltsam.

Im Frühling 2015 musste es deshalb plötzlich schnell gehen: Der dreiköpfige Gemeinderat gab bekannt, man wolle rasch eine Fusion mit Günsberg, Hubersdorf oder Feldbrunnen anstreben. Die Präsidenten der betroffenen Gemeinden zeigten sich überrascht von den Plänen. Zumal Feldbrunnen nicht einmal an Kammersrohr grenzt. Doch die zweite Steueroase im Solothurnischen schien geradezu ideal für eine Fusion, denn nur dank ihr hätte die fiskalische Belastung tief gehalten werden können.

Fusion nur im äussersten Fall

Es blieb vorerst bei Annäherungsversuchen. Nach wenigen Monaten wurden die Verhandlungen abgebrochen, weil eine Fusionsabstimmung mit einer Auswahl mehrerer Gemeinden gesetzlich ausgeschlossen ist. Der Gemeinderat sistierte das Projekt. Mit Ach und Krach gelang es nochmals, für die neue Legislatur alle Posten zu besetzen.
Früher oder später rückt eine Fusion wieder auf die Agenda, das bestreitet in Kammersrohr niemand mehr. Einmal angenommen, es ist so weit: Was würde künftig im Pass eines Ortsbürgers stehen? Der Name der neuen Gemeinde. Laut Gesetz kann ein neuer Name geschaffen oder einer der beiden bisherigen weiter verwendet werden. Als kleiner Partner dürfte Kammersrohr da wohl den Kürzeren ziehen.

Kammersrohr, weg von der Landkarte: Dieser Gedanke erscheint Antoinette Schwaller unerhört. Aber nicht unrealistisch. Man müsse das pragmatisch sehen, sagt sie. «Sind wir ehrlich, das mit dem Heimatort ist ein alter Zopf.» Schwaller, eine Lehrerin mit warmer, aber bestimmter Stimme, mag diese Institution nicht zum Heiligtum verklären.

Als die Stadtsolothurnerin heiratete, hatte das noch direkte Auswirkungen auf das Bürgerrecht. Frauen wurden diesbezüglich erst im Jahr 2013 den Männern rechtlich gleichgestellt. Antoinette Monteil, wie sie ledig hiess, bekam mit der Heirat neben dem Familiennamen auch den Heimatort ihres Ehemanns Urs verliehen und wurde so Bürgerin von Kammersrohr. Obwohl sie mit der Leberberger Gemeinde eigentlich nichts verband.

Und so wäre es wohl geblieben, hätte sie nicht entdeckt, welche Superlativen und Kuriositäten in Kammersrohr stecken. All die Eigenheiten prägten das Selbstbild der Gemeinde, sagt Schwaller. «Dieses Dorf ist nicht wie jedes andere.» Oft müsse sie schmunzeln, wenn sie etwa daran denke, dass die Gemeindeversammlung in einem Wohnzimmer tagt.

Brief aus dem Heimathafen

Wann die Vorfahren der Schwallers in Kammersrohr ihre Wurzeln geschlagen haben, ist nicht restlos geklärt. Die Familie lässt sich aber immerhin bis zum Franzoseneinfall von 1798 zurückführen. Weil die Kirchenbücher bei französischen Übergriffen verbrannt worden sind, fehlen ältere Belege.

Vererbt wird das Bürgerrecht freilich noch immer mit der Geburt. Darum wächst die Zahl der Kammersrohrer Ortsbürger sanft, aber stetig: in den vergangenen zehn Jahren immerhin um 13 Personen. Dem sogenannten Abstammungsprinzip wurde sich Antoinette Schwaller so richtig bewusst, als sich ihre beiden Kinder vor Jahren an der Uni einschrieben und die dafür erforderlichen Heimatscheine in Kammersrohr anfordern mussten.

Dem Brief mit den Papieren war übrigens eine handgeschriebene Karte beigelegt – der damalige Gemeindepräsident überbrachte die besten Wünsche für das Studium. Eine rührende Geste. Schwaller erinnert sich, dass da selbst bei ihren Kindern so etwas wie Heimatgefühle aufgekommen sind. Plötzlich war da ein Hafen, noch einer.