Kontroverse

Verursachen Behinderten-Organisationen nur Kosten?

Der Diskussionsanlass wurde von der Solothurner Sektion der Insos (Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung) veranstaltet. (Symbolbild)

Der Diskussionsanlass wurde von der Solothurner Sektion der Insos (Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung) veranstaltet. (Symbolbild)

Wirtschaftskraft oder Kostenlast: Solothurner Politiker und Wirtschaftsführer diskutierten an einem hochkarätig besetzten Podium über eine heikle Frage.

Es war eine so spannende wie provokative Frage, die am Diskussionsanlass der Solothurner Sektion der Insos (Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung) im Zentrum stand: «Sind Behindertenorganisationen primär eine Kostenlast oder auch eine nicht zu unterschätzende Wirtschaftskraft?»

So formulierte es Insos-Präsidentin Dagmar Domenig im Parktheater Grenchen vor den über 70 Besuchern. Eine von ihr in Auftrag gegebene Studie, die Bachelor-Arbeit zweier Studierenden der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), welche die über 30 Institutionen der Insos Solothurn betrachtete, widmete sich dem Thema. Die Grenchner Wirtschaftsförderin Karin Heimann führte mit präzisen Fragen gekonnt durchs Podium.

Nutzen vage und hypothetisch

Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der FHNW, zerpflückte in seinem Referat die Studie regelrecht. Während sich die Kosten recht genau beziffern liessen, sei der Nutzen schwerer zu ermitteln; er sei vage und hypothetisch. Dennoch zog er Erkenntnisse daraus. «Was für Behinderte ausgegeben wird, fliesst wieder in die Wirtschaft zurück, mit einem Multiplikator von 1,5», so Binswanger. Dies vor allem durch die Löhne. Die Behinderten würden ihr verdientes Geld wieder ausgeben.

Die Arbeitskräfte mit Beeinträchtigung machen etwa 1,5 Prozent aller Beschäftigten aus. Ihr Anteil an der Wertschöpfung beträgt gemäss Binswanger rund ein Prozent. Er verglich die Wirtschaftsleistung der Behinderten mit jener der Landwirtschaft.

Beim Output betonte er die sozialen Aspekte: etwa Integration in den Arbeitsmarkt, verbesserter Gesundheitszustand, gesteigertes Selbstbewusstsein, höhere Zufriedenheit. Bloss sei das schwierig in Zahlen zu fassen. Binswanger verwies auf die Lebenszufriedenheit: Wer Arbeit habe, sei zufriedener; ebenso, wer auf gute Arbeitsbedingungen zählen könne.

Nicht nur den Gewinn im Blick

Insos-Präsidentin Domenig stellte klar, dass es ihr und der Insos nicht darum gehe, wie hoch die Rückflussquote sei. «Aber es ist so, dass wir nicht nur Kosten verursachen und mit Geld um uns werfen.» Es gehe ihrer Organisation darum, wieder eine differenziertere Diskussion in Politik und Verwaltung anzuregen.

An der Podiumsdiskussion bezeichnete Franziska Roth (SP-Kantonalpräsidentin), die ökonomischen Erkenntnisse als hilfreich: «Damit man sagen kann, es fliesst mehr zurück als man investiert.» Gerade im Hinblick auf den Kanton Bern, wo man «wegspare», helfe das in der Diskussion mit den andern Parteien. Sandra Kolly (CVP-Kantonalpräsidentin) fand es auch hilfreich, aber: «Für mich ist nicht nur das Monetäre wichtig, sondern auch das Soziale.» Ihr jüngerer Bruder mit Down-Syndrom sei jahrelang in der Vebo glücklich gewesen, gut integriert, gefördert und gefordert.

Auch Simon Michel (FDP-Kantonsrat), der als Ypsomed-CEO 12 Personen mit mittelschwerer Behinderung beschäftigt, fand, man solle den Fokus auf das Soziale legen – wie auf die Zufriedenheit. Es gehe nicht primär um den ökonomischen Gewinn. In jedem andern Wirtschaftszweig müsste eine Firma bei entsprechender Wertschöpfung schliessen. «Solche Diskussionen sind müssig. Ich war ein wenig erstaunt über den Studienauftrag.» Wichtig fand er: «Trotzdem muss man auf die Kosten schauen.» Dies auch, weil die Anzahl Menschen mit Beeinträchtigungen zunehme. Domenig warf ein, die Behinderteninstitutionen seien bereits um Effizienz bemüht und unternehmerisch.

Daniel Probst, Direktor der Solothurner Handelskammer, sagte, es sei schwierig zu quantifizieren. Auch er fand es wichtig, die sozialen Aspekte anzusprechen. In der Solothurner Wirtschaft sei die Bereitschaft vorhanden, Behinderte anzustellen. Die Handelskammer könne unterstützen, indem sie aufzeige, wo hilfreiche Informationen zu holen seien. Roth (SP) warf ein: «Die Behinderteninstitutionen arbeiten effizienter als die Wirtschaft.» Nämlich, indem sie auch Pflege und Gesundheit abdeckten. Zudem: «Man muss ebenso die andere Seite anschauen. Einnahmen, die man woanders holen könnte, nämlich bei den Reichen.» Gleichwohl ist sie für Optimierung.

Mehr Effizienz gefordert

Für Christian Werner (Chef SVP-Kantonsratsfraktion) hat die Studie nicht zur Versachlichung beigetragen. «Sie hat mich nicht umgehauen.» Man solle das nicht zu sehr akademisieren. Im Kanton sei das Engagement für die Behinderten gar nicht umstritten, deshalb müsse man nicht in den Kanton Bern blicken. «Nicht mal die böse SVP» habe die Planung für mehr Behinderten-Heimplätze im Kantonsrat abgelehnt.

Gleichwohl sprach er sich für mehr Effizienz und Innovation aus. «Zu viel Geld zerstört die Innovation, es herrscht dann Lethargie.» Felix Wettstein (Kantonalpräsident Grüne) mahnte, Menschen mit Behinderung sollten nicht bloss beschäftigt werden, sondern Würde erleben und gemäss ihren Interessen tätig sein. Er plädierte für ambulante Möglichkeiten. Kolly (CVP) äusserte derweil Sorge über die Zunahme psychischer Beeinträchtigung, besonders durch Burnout bei Jungen.

Man war sich einig, dass auch die Verwaltung vorbildlich sein und Behinderte beschäftigen soll. Werner (SVP) fand: «Jene, die am lautesten die Schaffung von Arbeitsplätzen fordern, schaffen keine solchen.» Er warb für Anreize, etwa, dass man solche Firmen steuerlich entlastet.

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