Solothurn
Verstopfung erwies sich als Darmverschluss – Patientin erhebt schwere Vorwürfe ans Bürgerspital

Dagmar Grolimund und ihr Mann Beat erheben schwere Vorwürfe an die Adresse der Verantwortlichen des Solothurner Bürgerspitals. Ein durch einen Tumor verursachter Darmverschluss sei wie eine Verstopfung behandelt worden – mit fatalen Folgen für sie. «Die medizinische Behandlung war zu jedem Zeitpunkt korrekt», heisst es derweil vonseiten der Solothurner Spitäler (soH).

Hans Peter Schläfli
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Elf Tage klagte die Patientin gemäss ihrer Darstellung im Spital über eine zunehmend schmerzhaftere Verstopfung. – Als Ursache wurde schliesslich ein Tumor festgestellt.

Elf Tage klagte die Patientin gemäss ihrer Darstellung im Spital über eine zunehmend schmerzhaftere Verstopfung. – Als Ursache wurde schliesslich ein Tumor festgestellt.

Oliver Menge

Mitte Januar wurde Dagmar Grolimund wegen unerträglichen Bauchschmerzen ins Solothurner Bürgerspital aufgenommen. Als es ihr immer schlechter ging, holte sie ihr verzweifelter Mann zwölf Tage später Hals über Kopf aus dem Bürgerspital und fuhr mit ihr nach Bern in die Klinik Beau-Site.

Dort erhielt sie nach eigener Aussage innert zwei Stunden die Diagnose: Darmkrebs. Der Tumor hatte zu einem Darmverschluss geführt und sie wurde in aller Eile operiert.

Nun erhebt Dagmar Grolimund schwere Vorwürfe gegen das Bürgerspital: Nicht nur sei bei ihr der durch einen Tumor verursachte Darmverschluss wie eine Verstopfung behandelt worden, man wolle jetzt auch noch den Fehler vertuschen. «Die medizinische Behandlung war zu jedem Zeitpunkt korrekt. Alle Schritte und Gespräche sind einzeln dokumentiert», heisst es dagegen vom Bürgerspital.

Chefarzt spricht nicht mit den Medien

Am Bürgerspital spricht der behandelnde Arzt nicht direkt mit Journalisten – auch wenn wie in diesem Fall die Patientin schriftlich ihre Einwilligung, ja ihren ausdrücklichen Wunsch dokumentiert. «Verantwortlich ist Chefarzt Daniel Inderbitzin. Jede Patientin und jeder Patientin hat jederzeit das Recht auf ein Gespräch mit dem verantwortlichen Kaderarzt, aber die Ärzte kommunizieren nicht über die Medien mit den Patienten», erklärt Anette von Ballmoos, Qualitätsbeauftragte des Bürgerspitals.

Sie ist ausgebildete Pflegefachfrau und gab am 7. März zusammen mit soH-Mediensprecher Eric Send anhand der Aktenlage Auskunft. Das Gespräch wurde im allseitigen Einverständnis aufgezeichnet.

Häufige Komplikationen

«Als ich wegen Bauchweh, Krämpfen und Schüttelfrost zu meinem Arzt ging, stellte der fest, dass mein Entzündungswert im Blut extrem hoch war und ich bekam Antibiotika. Als das nichts nützte, schickte er mich ins Spital. Im Notfall wurde ich sofort untersucht. Das Bild des Computertomografen zeigte Divertikel, also entzündete Ausstülpungen im Dickdarm», erzählt Dagmar Grolimund, wie ihre Leidensgeschichte begann.

In den Akten des Bürgerspitals steht, dass es sich bei ihr um das erste Auftreten einer Divertikulitis handelte. Am entzündeten Darm operieren die Chirurgen ungern, weil die Wundheilung langsam erfolgt und es häufig zu Komplikationen kommt. So könnte der Bauchraum durch Bakterien verunreinigt werden.

Deshalb wurde die Entzündung mit hohen Dosen Antibiotika intravenös behandelt. Dass Dagmar Grolimund auch unter Diabetes und Bluthochdruck leidet, erschwerte die Therapie, weil die Einstellung des Blutzuckers gestört werden kann. Zu diesem Thema führte der Diabetes-Spezialist mit ihr ein Gespräch.

Auch eine sogenannte «Differenzialdiagnose» steht beim Spitaleintritt am 19. Januar in den Akten. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass alle anderen Ursachen untersucht und ausgeschlossen werden, bevor die Ärzte als letzte Möglichkeit eine Krebserkrankung ins Auge fassen. «Ich erklärte den Ärzten, dass in meiner Familie Darmkrebs vorgekommen ist.

Aber niemand ist darauf eingegangen», sagt Dagmar Grolimund. «Man wollte sie mit einer möglichen Krebsdiagnose nicht unnötig belasten, bevor diese Diagnose erhärtet werden konnte», sagt dazu Eric Send, Mediensprecher der soH.

«Ich hatte einen geschwollenen Bauch und verspürte einen gewaltigen Druck. Ich bekam ein Abführmittel, aber das brachte nichts. Dann schickte mich die stellvertretende Chefärztin nach Hause. Trotz Abführmittel war ich damals schon mindestens eine Woche ohne Stuhlgang.»

So beschreibt Dagmar Grolimund die folgenden Tage. Ihr Ehemann ergänzt: «Rückblickend ist das für mich völlig unverständlich. Wenn starke Abführmittel nichts genützt haben, dann müsste doch ein Arzt auf die Idee kommen, dass es sich nicht um eine Verstopfung, sondern um einen Darmverschluss handelt.»

Darmspiegelung zu grosses Risiko

Am 25. Januar wurde die Therapie auf Antibiotika-Tabletten umgestellt und die 54-Jährige durfte nach Hause, steht in den Akten. Eine Spiegelung im entzündeten Darm wäre ein zu grosses Risiko für einen Darmdurchbruch gewesen. Deshalb wurde beim Spitalaustritt bereits eine weitere Untersuchung durch die stellvertretende Chefärztin sowie eine spätere Darmspiegelung organisiert.

«Alle sagten, ich solle viel trinken. Ich habe es versucht, aber es ging fast nicht. Dann schaute mein Hausarzt in den Dickdarmarm. Der war absolut leer. Da schickte er mich am 28. Januar mit Verdacht auf Darmverschluss wieder zurück ins Bürgerspital», sagt die Patientin. Man habe den Verdacht auf Darmverschluss bei der Aufnahme gemeldet.

Aus den Akten des Bürgerspitals ist zu entnehmen, dass Dagmar Grolimund unter Verstopfung litt und das Gefühl hatte, ihr Bauch platze. Das Antibiotikum wurde gewechselt und wieder intravenös verabreicht. Mittlerweile war sie trotz Abführmitteleinsatz seit mindestens zehn Tagen ohne Stuhlgang.

Statistisch betrachtet ist ein Tumor zu 60 Prozent die Ursache eines Darmverschlusses. Im Bürgerspital wurde am 29. Januar ein hoher Einlauf durchgeführt, um der seit mindestens elf Tagen anhaltenden Verstopfung entgegenzuwirken.

Mitten in der Nacht auf den 30. Januar kam es zum Erbrechen und der Zustand der Patientin verschlechterte sich. «Es wurde um 2.38 Uhr dokumentiert, dass es beim Erbrochenen nach Beimengung von Stuhl aussah», umschreibt man das vonseiten des Bürgerspitals auf Nachfrage. Beat Grolimund hat später in den Akten zwei Worte gelesen: «Erbrochenes, stuhlig.»

«Ekelhaft und ganz schrecklich»

Das subjektive Erlebnis klingt dramatisch: «Mitten in der Nacht kam oben das heraus, was eigentlich unten herauskommen müsste. Das war ekelhaft und ganz schrecklich für mich», beschreibt die Patientin das Prozedere. Eine Erklärung habe sie nicht erhalten. «Ich bekam eine riesige Magensonde und erbrach weiter. Der Arzt sagte einfach, da müsse ich jetzt durch, es gebe keinen anderen Weg.»

Für den nächsten Morgen wurde auf 9.30 Uhr eine Computertomografie angeordnet. Auf dem Bild sei zu erkennen, dass die Verengung des Darms fortgeschritten war und dass sie kurz vor einem Darmverschluss stehe, steht in den Akten.

Als Beat Grolimund am 30. Januar von seiner Frau erfuhr, dass sie Stuhl erbrochen hatte, verlor er die Geduld. Hals über Kopf fuhr er sie ins Berner Spital Beau-Site. «Nach zwei Stunden sagte dort der Arzt, sie habe einen Tumor. Das war das erste Mal, dass wir die Diagnose Krebs hörten», sagt der Ehemann. «Natürlich war es ein Schock, das zu hören. Aber es war auch eine Erleichterung, endlich zu wissen, was ich wirklich habe», sagt Dagmar Grolimund. Sie wurde während viereinhalb Stunden operiert.

Hilfsbereite Pflegerin

«Ja, genau so war es», sagt Beat Grolimund, als er sich das im allseitigen Einverständnis am 7. März im Bürgerspital aufgezeichnete Gespräch zur Krankengeschichte anhörte. «Wie der Herr vom Bürgerspital sagt, auf das Gespräch mit dem verantwortlichen Arzt wollten wir am 30. Januar nicht mehr warten, das kam nicht mehr zustande, weil alles zu lange dauerte. Es gab kein Austrittsgespräch und wir haben das Spital ohne die üblichen Formalitäten verlassen. Eine Pflegerin ist uns dann noch nachgerannt und hat uns auf dem Parkplatz die CD mit den neusten Bildern aus dem Computertomografen übergeben. Sie war sehr hilfsbereit.»

Am 24. März korrigierte Mediensprecher Eric Send die ursprüngliche Aussage vom 7. März zum Austritt schriftlich: «Nach einem Gespräch mit der verantwortlichen Oberärztin wollte die Patientin das Spital verlassen.»

Beat Grolimund beschreibt das so: «Von der genannten Oberärztin verlangten wir lautstark nur immer wieder, dass sie endlich die Magensonde entfernt, damit wir gehen können.»

Das Bürgerspital schreibt weiter: «Es ist in unserem Informationssystem mit digitalem Zeitstempel klar dokumentiert, dass die Patientin am 30. Januar nach der Durchführung der Computertomografie vor der Entlassung aus dem Bürgerspital über die Verdachtsdiagnose Krebs informiert wurde. Der behandelnde Arzt in Bern kam aufgrund der Voruntersuchungen zur selben Diagnose wie die Ärzte im Bürgerspital Solothurn.»

Schliesslich reagierte das Bürgerspital Solothurn: Dagmar Grolimund wurde für den 22. März zu einem klärenden Gespräch mit dem verantwortlichen Chefarzt Daniel Inderbitzin eingeladen. Das Gespräch wurde für sie zu einem Desaster: «Was wir da gehört und gesehen haben, schockierte uns noch mehr», sagt Beat Grolimund.

«So soll am 30. Januar um 11 Uhr noch ein Arzt mit meiner Frau gesprochen und ihr erklärt haben, dass Sie ein Karzinom hat. Dieser Arzt war nie am Bett meiner Frau. Auch meine Töchter waren da und wissen nicht, wer das ist. Der Eintrag in die Krankengeschichte zeigt aber, dass ein solches Gespräch stattgefunden haben soll.»

Das kommunikative Desaster

Dagmar Grolimund litt während 12 Tagen und erlebte dazu noch ein kommunikatives Desaster. «Erklärt wurde mir nichts. Jeden Tag kam ein anderer junger Arzt zu mir ans Bett. Ich wusste bis zuletzt nicht, wer der verantwortliche Arzt ist. Der einzige, den ich etwa dreimal gesehen hatte, war der Oberarzt.»

Sie hat eine Liste mit elf Namen von Ärzten erstellt. Es könnten aber noch mehr gewesen sein. Annette von Ballmoos erklärt das so: «Im Hintergrund haben die Kaderärzte den Therapieplan besprochen. Es gab tatsächlich einige Wechsel. Dass nicht alle Kaderärzte mit ihr persönlich Kontakt hatten, war nicht ideal.»

Mediensprecher Eric Send ergänzt: «Das Problem des häufigen Ärztewechsels ist bekannt. Wir setzen viel daran, dass Patienten mehrheitlich von einem Kaderarzt betreut werden.»

Für Beat Grolimund war selbst nach dem Wechsel ins Beau-Site der Ärger noch nicht vorbei: «Als meine Frau in Bern schon erfolgreich operiert worden war, bekam ich vom Bürgerspital noch einmal einen Anruf. Meine Frau solle eine Darmspiegelung machen. Da wurde ich richtig wütend. Wie krank ist eigentlich die Kommunikation in diesem Bürgerspital?»

Emotional geladene Stimmung

Wurde gestritten oder führten die Ärzte sachliche Gespräche? Fakt ist: Die Stimmung beim Austritt war emotional geladen. Das subjektive Erleben der Familie Grolimund steht den Angaben des Bürgerspitals zu den Akteneinträgen teilweise diametral entgegen.

Sofort hat die Familie die komplette Krankengeschichte angefordert und sie erwägt, den Fall mittels einer Strafanzeige unabhängig beurteilen zu lassen.

«Es ging mir immer schlechter und es passierte nichts, bis ich so schwach war, dass ich dachte, ich sterbe», fasst die Patientin ihren Leidensweg zusammen. Sie ist sich bewusst, dass das Bürgerspital nicht schuld an ihrer Krebserkrankung ist.

Sie kann aber nicht verstehen, warum sie mit Abführmitteln gegen Verstopfung behandelt wurde. «Hätte man den Darmverschluss früher erkannt, dann ginge es mir heute sicher schon wieder viel besser», glaubt die Patientin.

Ihre Hoffnung, dass der Krebs mit der Operation in der Klinik Beau-Site besiegt sein könnte, hat sich mittlerweile zerschlagen. Dagmar Grolimund wird derzeit auf der Intensivstation der Klinik Beau-Site mit einer Chemotherapie behandelt.

Darmkrebs und Chemotherapie

Darmkrebs ist in der Schweiz die dritthäufigste Krebsart. Diese tritt vermehrt bei Personen auf, die über 50 Jahre alt sind und in deren Familie bereits Fälle von Darmkrebs vorgekommen sind.

Laut der Krebsliga Schweiz gibt es zur Früherkennung einen Stuhltest und es wird eine Darmspiegelung vorgenommen. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse zu 100 Prozent, ohne dass die Patienten eine Franchise oder einen Selbstbehalt übernehmen müssten.

Wird Darmkrebs früh erkannt, ist er in den meisten Fällen heilbar. Zu 80 Prozent ist nach der operativen Entfernung eines Tumors, wie er im beschriebenen Fall aufgetreten ist, keine Chemotherapie nötig.

Das Risiko, dass eine Chemotherapie nötig wird, weil sich Krebszellen im Körper ausgebreitet haben, erhöht sich mit der bis zur Behandlung verstrichenen Zeit. Eine unsachgemässe Operation oder ein Darmverschluss können mechanisch auf einen Tumor einwirken und so ebenfalls das Risiko erhöhen, dass sich Krebszellen vom Tumor lösen und über die Lymphflüssigkeit oder das Blut in andere Organe transportiert werden.

Die Krebsliga Solothurn bietet Hilfe an: www.krebsliga-so.ch

Für rasche Beratung betreibt die Krebsliga Schweiz ein Krebstelefon: 0800 11 88 11.