«Verstädterung der Schweiz: Verbauen wir die Heimat?». Dannzumal ein historisch gewachsenes Städtchen, heute eine ausufernde Siedlung ohne Anfang und Ende.

Der Chef der Baloise Bank SoBa führte vor rund 400 Anwesenden im Landhaus zu Solothurn visuell und mit Fakten ins Thema des 17. Panelgesprächs ein. «Zwei Drittel der Bevölkerung leben auf einem Drittel der Fläche der Schweiz.» Gesprächsleiter Ernst Brugger doppelte nach.

Die Siedlungsfläche nehme stärker zu als das Bevölkerungswachstum. Noch stärker wachse das Bruttoinlandprodukt, es stehe somit mehr Geld pro Kopf zur Verfügung, die Ansprüche ans Wohnen und an die Verkehrsinfrastruktur stiegen. «Es ist ein Siedlungsbrei entstanden.»

«Identifikation geht verloren»

Diesen Fakt bestätigte Maria Lezzi, Direktorin des Bundesamtes für Raumentwicklung. Bereits heute lebten drei Viertel der Bevölkerung in Städten und ihren Agglomerationen. «Wenn wir so weitermachen, verbauen wir tatsächlich unsere Heimat.» Durch das Zusammenwachsen der Städte mit den Gemeinden sei ein Ortswechsel kaum mehr erkennbar, die Identifikation mit der Gemeinde gehe verloren und damit auch ein Stück «Heimat», erklärte die oberste Raumplanerin der Schweiz.

Diesen Identifikationsverlust beobachtet auch Roger Diener vom Basler Architekturbüro Diener & Diener. «Alle wissen es, trotzdem passiert wenig. Das Wachstum der städtischen Gebiete geht rasant weiter.». Langsam breite sich aber wegen der Verstädterung in der Bevölkerung ein schlechtes Gewissen aus. Als Indiz führte er die Volksabstimmung im vergangenen März zur Zweitwohnungsinitiative an. «Die Bevölkerung sagte mit ihrem Ja, jetzt ist genug.»

«Wir wollen keine Betonwüste»

Um dem Druck der Zersiedelung Stand zu halten, hätten sich 65 Gemeinden mit den drei Zentrumsstädten Olten, Aarau und Zofingen bereits vor Jahren zum Aareraum zusammengeschlossen, erläuterte der Oltner Stadtpräsident Ernst Zingg einen Lösungsansatz.

Es gelte, gemeinsam über Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinweg eine starke, nachhaltige Raum- und Verkehrspolitik mit den Pfeilern Wohnen, Leben und Arbeiten zu verfolgen. «Auch wir wollen keine Betonwüste.» A

ber die Zuwanderung in den Raum Aareland sei stark und die Zuwanderer verlangten eine entsprechende der Infrastruktur. «Darauf müssen wir reagieren. Schliesslich hat auch das Mittelland Anrecht auf einen hohen Lebensstandard, nicht nur die Grossstädte.» Dazu gehöre auch die Verkehrsinfrastruktur.

SBB befriedigen Nachfrage

Es sei denn auch Aufgabe der SBB, die Nachfrage zu befriedigen, meldete sich Jeannine Pilloud, Leiterin SBB Personenverkehr, zu Wort. Bereits heute transportierten allein die SBB täglich fast eine Million Passagiere. Und ein Ende ist nicht absehbar. Die Mobilität respektive die Pendlerströme nähmen stetig zu. «Um diese sicher und pünktlich von A nach B zu transportieren, braucht es die entsprechende Infrastruktur.» Bei deren Ausgestaltung nehme aber auch der Föderalismus Einfluss. «Jede Region will für sich das Beste. Ob dies aber unter dem Strich dann auch für die ganze Schweiz zutrifft, ist fraglich.»

Instrumentarium wäre vorhanden

Am Schluss der Diskussion waren sich alle Referenten einig, dass die Verstädterung der Schweiz unaufhaltsam und in gewisser Weise schon vollzogen sei. Die Bevölkerung wachse und jeder beanspruche für sich mehr Fläche. Es gelte nun, ein kontrolliertes Wachstum zu erreichen, um den urbanisierten Raum so zu gestalten, dass auch Ansprüche auf Freiräume, beispielsweise Landschaften, darin gewahrt werden, sagte Roger Diener.

Für Raumplanerin Maria Lezzi bietet das bestehende Raumplanungsgesetz eigentlich das nötige Instrumentarium dazu, nur «klappt der Vollzug nicht».