Kanton Solothurn

Warten auf «Stadtmist» – Entscheid aus Bern: Rückblick auf 12 Jahre als Chef des Amtes für Umwelt

Martin Würsten blickt auf 12 Jahre als Chef des Amtes für Umwelt (AfU) zurück.

Martin Würsten blickt auf 12 Jahre als Chef des Amtes für Umwelt (AfU) zurück.

Martin Würsten, «Mister Umwelt» des Kantons, geht in Pension. Ein durchzogener Rückblick – mit der Hoffnung auf ein letztes Erfolgserlebnis.

Die Hochwassersicherung und Renaturierung von Aare und Emme zählt er zu den Highlights seiner fast 12-jährigen Amtszeit als Chef des Amts für Umwelt (AfU). Gestern, einen Tag vor seiner Pensionierung, präsentierte Martin Würsten – quasi als letzte Amtshandlung – den Bericht über den Zustand der Solothurner Gewässer. Im Interview zieht er eine nicht ungetrübte Bilanz.

Bei allen Fortschritten der letzten Zeit: Letztlich müssen Sie sich doch als Sisyphus vorkommen?

Martin Würsten: Wir versuchen, die Probleme von heute zu lösen. Doch viele von unseren heutigen Lösungen werden dann zu den Problemen von morgen werden. Es gibt in vielen Belangen einen stetigen Fortschritt, doch die Entwicklungen holen einen immer wieder ein. Sei es, weil Fortschritte durch einen Mehrkonsum wieder kompensiert werden oder weil sich etwas als Problem herausstellt, an das man seinerzeit nicht denken konnte – oder nicht denken wollte.

Das Klima spielt verrückt. Der Klimawandel ist für alle greifbar geworden. Was hat sich dadurch verändert?

Wir können Greta Thunberg nur beneiden: Was sie mit ihrem anfänglich stummen Protest weltweit ausgelöst hat, gab eine Dynamik, die mit allen Aufklärungs- und Informationskampagnen nie hätte bewirkt werden können. Das löste bei vielen Menschen etwas aus, nicht nur in der Wahrnehmung der Probleme, sondern auch in der Einsicht, dass gehandelt werden muss.

Spürten Sie das in Ihrer Arbeit?

Auf jeden Fall! So ging der Kantonsrat bei Entscheiden – ganz im Gegensatz zu früher – teilweise über die Anträge der Verwaltung hinaus. Ich denke da an die Forderung des Parlaments, dass die Regierung ein Massnahmenpaket Klimaschutz ausarbeiten muss. Das AfU ist im Moment daran, erste Schritte in die Wege zu leiten. Eine Stossrichtung ist, dass der Kanton überall dort, wo er direkt handeln kann – bei den eigenen Gebäuden oder der Mobilität – eine Strategie aufzeigen soll.

Wie steht es um die künftige Energiegesetzgebung im Kanton, nach dem Nein zum Energiegesetz 2018?

Hier stehen wir vor der Frage, ob es im Bereich Gebäude/Energie Sinn macht, eine neue Gesetzesvorlage zu stemmen oder ob man darauf setzen will, dass der Bund mit der neuen CO2-Gesetzgebung die Vorgaben macht. In den Gesprächsrunden mit Stakeholdern bestand ein breiter Konsens darüber, dass die Bundesgesetzgebung abgewartet werden soll. Einige der diskutierten Ideen können relativ bald angepackt werden, andere – wie die wieder stärkere Förderung der CO2-Einsparung durch Wärmepumpen oder Holz – sind bereits angelaufen. Der Regierungsrat wird voraussichtlich Anfang Mai über den Schlussbericht des Stakeholder-Prozesses befinden. Ich gehe davon aus, dass dieser Schub weiter anhält.

Das Idealbild vom sauberen Trinkwasser, das einfach so aus den Hahnen fliesst, ist getrübt, Stichwort: Chlorothalonil-Rückstände ...

Für mich ist das «Wasserschloss Schweiz» ein Teil unserer DNA. Wir haben die Wasserqualität weitgehend in den eigenen Händen, nicht so wie die anderen Länder, die unterhalb liegen. Wir haben auch viel für die Wasserqualität getan, in all den Jahren. Doch nun stellen wir im Grundwasser Pestizid-Belastungswerte fest, die einem schlaflose Nächte bereiten.

Hier steht die Landwirtschaft in der Pflicht …

Nicht nur. Ich hoffe, dass man in Zukunft weniger von Landwirtschaftspolitik spricht, sondern von Ernährungspolitik. Denn das alles betrifft nicht nur die Bauern, sondern uns alle. Wie kann man von Ernährungssicherheit sprechen, wenn wir das Tierfutter in rauen Mengen importieren müssen? Zu dieser Diskussion gehört auch die Frage, wie wir uns grundsätzlich ernähren wollen. Im Moment konzentriert sich noch immer alles um Fruchtfolgeflächen und das Ziel, möglichst viel zu produzieren. Es kann aber nicht wirklich intelligent sein, dafür Gift auf Nahrungsmittel zu spritzen. Das Ziel für die Schweiz müsste eine weitgehend biologische Landwirtschaft sein.

Als «letzte Amtshandlung» präsentierten Sie den Bericht über den «Zustand Solothurner Gewässer» (siehe unten): Was ist Ihr Fazit bezüglich der Fliessgewässer?

Verbesserungen wurden erreicht. Insbesondere dort, wo kleine Kläranlagen, die zuvor kleine Bäche belastet haben, aufgehoben und an grössere Anlagen angeschlossen wurden. Aber es gibt nach wie vor Problemfälle, wie die Dünnern, die wegen ihrer geringen Abflussmenge einen grossen Abwasseranteil abbekommt. Ein weiteres Problem ist die zunehmende Erwärmung der Fliessgewässer, die vielen Kleinlebewesen sehr zu schaffen macht.

Was ist zu tun?

Die Fliessgewässer sind – was die Artenvielfalt betrifft – die Regenwälder Europas. Wir haben sie schon längst abgeholzt und kanalisiert – und zeigen nun mit den Fingern auf Länder wie Brasilien, die heute ihre Regenwälder abholzen. Wir sind nun daran, unsere Fehler wieder zu korrigieren. Aber die Widerstände, die das auslöst, sind schon fast unanständig gross. Ich verstehe nicht, dass man sich im Gäu derart gegen eine Renaturierung der Dünnern wehrt. Für die Gebäude, die dort in der Landwirtschaftszone gebaut werden – für Hühner- und Schweineställe oder Scheunen – braucht es jedenfalls mehr Fruchtfolgeflächen als für die geplante Renaturierung.

Frühere Sünden, die heute Altlasten sind, warten auf die Sanierung. Stichwort Solothurner «Stadtmist». Wie ist der Stand der Dinge?

Letzten Dezember haben wir beim Bund ein Gesuch für die Totalsanierung der Deponien zur Neubeurteilung eingereicht. Wer das Dossier liest, kann eigentlich nur einen Entscheid treffen: Totalsanierung. Wir konnten schon vor Jahren aufzeigen, dass die ursprünglich budgetierten Sanierungskosten von 300 Millionen Franken weit überrissen sind. Neue Berechnungen lagen dann bei 130 Millionen und im Zuge einer Submission ging sogar ein Angebot von unter 100 Millionen Franken ein. Und dennoch gabs in Bern kein grünes Licht.

Und jetzt?

Im neuen Gesuch zeigen wir auf, dass die vom Bund vorgesehenen Hunderten von Lanzen, mit denen Sauerstoff in die Deponien eingebracht werden soll, schlicht «ein Seich» sind: Die Schwermetalle und schwerabbaubaren Stoffe bleiben im Boden – das ist und bleibt ein Mist. Wir haben in der neuen Eingabe belegen können, dass Teilsanierungen letztlich teurer werden und niemals die gewünschten Resultate bringen könnten. Das gibt uns die Zuversicht, dass nun doch endlich der Durchbruch gelingen wird. Der Bescheid des Bundes sollte diesen Frühling eintreffen. Wenn’s gelingt, dann wird dies natürlich auch zu meinen schönsten Erinnerungen an meine Amtszeit gehören.

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Autor

Urs Mathys

Urs Mathys

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