Bürgerspital Solothurn
Verschnaufpausen gibt es in der Notfallaufnahme nur selten

Das Bürgerspital Solothurn liess sich für die Medienvertreter etwas Spezielles einfallen: Ärzte und Laienschauspieler simulierten, wie hektisch der Alltag auf der Notfallstation sein kann und warum lange Wartezeiten nicht zu vermeiden sind.

Manuela von Arx
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Doktor Eva Maria Genewein erklärt die Notfallsituationen vor Ort
17 Bilder
Einlieferung eines Patienten mit Verdacht auf Schlaganfall
Erstversorgung und Abklärung bei einem Patient mit Verdacht auf einen Schlaganfall.
Erstversorgung und Abklärung bei einem Patient mit Verdacht auf einen Schlaganfall.
Erstversorgung und Abklärung bei einem Patient mit Verdacht auf einen Schlaganfall.
Frau Doktor Eva Maria Genewein erklärt vor Ort
Erstversorgung und Abklärung bei einem Patient mit Verdacht auf einen Schlaganfall.
Ein Betrunkener mit einer Platzwunde an der Stirn wird eingeliefert
Die Wunde ist natürlich nicht echt...
Die Ärzte behandeln den «Notfall»-Patienten dennoch
Der aggressive betrunkene Patient muss beruhigt werden.
Die Patientin hat Bauchschmerzen, kann sich aber nur auf Albanisch verständigen.
Die Patientin hat Bauchschmerzen, kann sich aber nur auf Albanisch verständigen.
Die Patientin wird vom Auto auf die Notallstation gebracht
Auf der Notfallstation des Bürgerspitals Solothurn
Medienkaffee mit Austausch zwischen Spitalpersonal und Medienleuten

Doktor Eva Maria Genewein erklärt die Notfallsituationen vor Ort

Hanspeter Bärtschi

«Meine Frau sitzt draussen im Auto, ihr ist schwindlig und sie ist verwirrt», sagt der ältere Herr, der aufgeregt zur Eingangstür des Notfalls im Bürgerspital Solothurn hineinkommt. Roger Schwab, leitender Pfleger der Notfallstation, ist sofort zur Stelle. Schnell ist die Frau aus dem Auto in einen Rollstuhl verfrachtet und in einer der Notfallkojen auf das Bett verlegt. Während Schwab den Blutdruck misst, stellt ein Assistenzarzt der älteren Dame viele Fragen. «Ist Ihnen schlecht? Haben Sie Kopfschmerzen? Nehmen Sie Medikamente?», fragt er.

Dann plötzlich ein Anruf: Ein Rettungswagen mit einem Hirnschlagpatienten kommt gleich an. Jetzt muss es schnell gehen, für den Patienten muss sofort alles vorbereitet werden. Die verwirrte Dame muss deshalb erst einmal warten. Während der Hirnschlagpatient rasch in einen Schockraum transportiert und versorgt wird, tönen plötzlich laute Stimmen von draussen: Ein völlig betrunkener, aggressiver Jugendlicher mit Platzwunde an der Stirn torkelt mit seinem unbeholfenen Kollegen durch den Gang.

Es dauert eine Weile, bis er sich beruhigt hat und im nächsten Raum auf ein Bett bugsieren lässt. Doch an eine Verschnaufpause ist nicht zu denken: Bereits stolpert eine junge Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Notfallstation. Sie spricht kaum Deutsch, und scheint starke Bauchschmerzen zu haben. Die hektische Szenerie erinnert an «Emergency Room», nur ohne George Clooney.

Ein Schauspiel zeigt den Alltag

«Solche Situationen sind Alltag auf dem Notfall des Bürgerspitals», sagt Eva Maria Genewein, ärztliche Leiterin des Notfalls. Ein Dienstagmorgen ist normalerweise nicht so hektisch wie dieser. Das liegt aber daran, dass all diese Patienten Laienschauspieler sind. Das Bürgerspital Solothurn hat sich für die Medienvertreter nämlich etwas Spezielles ausgedacht. «Um zu zeigen, wie der Alltag im Notfall des Bürgerspitals aussieht, reichen Zahlen, Daten und Fakten nicht aus», so Kurt Eichenberger, Direktor des Bürgerspitals. Darum wolle man mit dem kleinen Schauspiel die Realität auf der Notfallstation zeigen.

Auch brenzlige Situationen gehören zum Alltag im Notfall, was man mit dem betrunkenen Jugendlichen demonstriert habe: «Alkohol und Aggressionen sind normal, besonders am Wochenende», so Genewein.

Kapazität des Notfalls wird mit dem neuen Spital massiv erhöht

Mit dem neuen Bürgerspital, das Ende 2022 fertig werden soll, wird auch der Notfall ausgebaut. Dessen Kapazität werde etwa verdoppelt, wie CEO Martin Häusermann sagt. Der neue Notfall soll also für Patienten wie Angestellte angenehmere Bedingungen bieten, da die jetzigen Platzverhältnisse viel zu eng seien. Statt den bisherigen 10 Notfallkojen gibt es im neuen Bürgerspital deren 14. Zudem wird es neu drei anstatt zwei Schockräume geben, wo Notfallpatienten in lebensbedrohlichem Zustand behandelt werden. Das sei zwar eher knapp bemessen, doch mit einem guten Zeitmanagement werde das kein Problem sein, sagt Eva Maria Genewein, ärztliche Leiterin des Notfalls. Die Ambulanz erhält separate Eingänge, damit sie die Patienten diskreter in die Kojen bringen kann. Allgemein sollen die Wege im neuen Notfall kurz gehalten werden, damit beispielsweise Hirnschlagpatienten noch schneller behandelt werden können. Vor vier Jahren hatte das Solothurner Stimmvolk deutlich «Ja» gesagt zum 340-Millionen-Kredit für das neue Bürgerspital. Im April 2015 war der offizielle Spatenstich. (mva)

Für Missstimmung bei den Patienten sorgen aber auch öfters die langen Wartezeiten. «Das ist für beide Seiten unangenehm, daher versuchen wir natürlich, die Wartezeiten möglichst kurz zu halten.»

Sie kommen alle zur gleichen Tür herein: die Patienten mit einem Insektenstich und die mit schlimmen Verletzungen. Nach der Registrierung kommt jeder Patient in einen Triageraum, wo der Patient befragt wird und sein Leiden nach dem «Emergency Severity Index» beurteilt wird. Je nach Stufe muss der Patient dann sofort behandelt werden oder wird zuerst ins Wartezimmer geschickt. «Wir behandeln nach Dringlichkeit und nicht in der Reihenfolge, in der die Patienten den Notfall betreten haben», erklärt Genewein.

Bagatellfälle werden häufiger

Auch Bagatellfälle füllen das Wartezimmer des Notfalls. «Natürlich spüren wir den Hausärztemangel», sagt Genewein. So kommen auch oft Menschen mit harmlosen Beschwerden in die Notaufnahme, «zum Beispiel wegen eines Zeckenbisses oder eines eingerissenen Zehennagels». Hinzu komme, dass viele Ausländerinnen und Ausländer das Hausärzteprinzip nicht kennen und direkt in den Notfall kämen. Viele Leute wollen zudem sofort behandelt werden, dann wenn sie gerade Zeit haben, und das sei halt oft am Wochenende. «Was uns aber hauptsächlich beschäftigt, sind ältere Patienten und Patientinnen, die viele Krankheiten haben und bei denen plötzlich neue Beschwerden auftauchen. Wenn ihr Hausarzt dann in den Ferien ist, landen sie auf dem Notfall. Wir kennen die Vorgeschichte dieser Patienten nicht und müssen bei null anfangen. Die Diagnose ist dann jeweils sehr schwierig», erklärt sie.