Ratna ist 23 Jahre alt und Inderin. Ihre Eltern haben lange gesucht und für sie drei Männer für die Heirat gefunden. Ihre Tante Edha freut sich so sehr, dass sie bereits ein Geschenk für ihre Nichte ausgewählt hat. Ratnas Chefin, Frau Kunz, hingegen schüttelt nur den Kopf ...

Dies ist nur ein fiktives Beispiel einer Konfliktsituation im Zusammenhang mit Religionen. Ein Beispiel aber, das vor allem in der westlichen Welt häufig vorkommt. Doch wie soll man damit umgehen? Was sind eigentlich die Unterschiede der verschiedenen Religionen? Und was glaube ich selbst?

All dies sind Fragen, denen am Dienstagabend in der Moschee in Bellach rund 50 Jugendliche verschiedener Religionen nachgegangen sind. Viele von ihnen waren mit ihren Religionslehrern gekommen, andere wiederum auch alleine – aus reinem Interesse. Muslime, Reformierte, Konfessionslose und Katholiken, sie alle wollten ihres Gegenübers Religion besser kennenlernen. Der Workshop «Hey, was glaubst Du eigentlich?» wurde im Rahmen der Woche der Religionen (wir berichteten) organisiert.

Geleitet wurde er von Religionswissenschaftlern des Vereins «WissensWert Religionen». Dessen Mitgliedern geht es vor allem darum, «ihr Gelerntes weiter zu vermitteln», wie Madlaina Pestalozzi in ihrer Begrüssung erzählte. Organisatorin Yvonne Schär, Jugendarbeiterin der reformierten Kirchgemeinde Solothurn, erklärte das Ziel des Workshops: «Da Religion oft ein Tabu-Thema ist, erhofften wir uns, dass durch diesen Anlass die Hemmschwelle überschritten wird und die Jugendlichen über ihre Religion diskutieren.»

Religionsdurchmischte Gruppen

Die Teilnehmer wurden herzlich von den Mitgliedern der Moschee Bellach empfangen. Trotzdem schienen am Anfang einige noch etwas nervös. Verständlich, viele von ihnen waren wohl das erste Mal zu Besuch in einer Moschee. Als die Teilnehmer dann aber in drei möglichst Religionsdurchmischte kleinere Gruppen aufgeteilt wurden, ging das Diskutieren los. Um die Vielzahl an Religionen besser kennenzulernen, stellten die Religionswissenschaftler zu Beginn jeder Gruppe verschiedene Gegenstände verschiedener Religionen vor. Am Anfang ergriffen dabei vor allem die Muslime das Wort: Sie beeindruckten mit ihrem wissen über den Islam.

Bei anschliessender Diskussion ging es um die Hauptfrage des Abends: «Was glaube ich eigentlich?» Daraus entwickelte sich ein spannender Dialog. Einer der Jüngsten in der Gruppe sagte, dass er mehr der Wissenschaft vertraue, als der Religion. Darauf erklärte ihm einer der Muslime, dass im Koran bereits viel geschrieben stehe, was erst später wissenschaftlich bewiesen werden konnte. Diese Erklärung entlockte dem Jungen ein lautes «Hm» und «aha».

Die Diskussionen verliefen so angeregt, dass es den Workshop-Leitern beinahe schwer fiel, zum nächsten Thema, den Konfliktsituationen, zu kommen. Zurück also zu Ratna, der 23-jährigen Inderin. «Soll Ratna einen der Männer auswählen und heiraten?», fragt die angehende Religionswissenschaftlerin Annina Schlatter in die Runde. Die Muslima Ebru Tütüncü meldet sich. Sie sehe darin eine Art Zwang, die Tante habe ja schliesslich das Hochzeitsgeschenk bereits gekauft.

«Trotzdem finde ich Ratna kann die drei Männer ja einmal kennenlernen und anschliessend immer noch Nein sagen.» Die Eltern möchten ja schliesslich immer das Beste für ihre Kinder. Die Jugendlichen in der Runde nickten und schienen sich einig. Was nicht selbstverständlich ist, in einem Raum voller Menschen mit unterschiedlichem Glauben.