Innendekoration
Verpatzte Reform gefährdet Berufszentrum in Selzach und ganze Branche

Das Ausbildungsreglement für den Beruf Innendekorateur hätte überarbeitet werden müssen - der Reformversuch ist aber gescheitert. Nun dürfen keine neuen Lehrverträge abgeschlossen werden. Auf dem Spiel steht die Zukunft der ganzen Branche.

Christoph Neuenschwander
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Berufsbild in der Sackgasse? Die Schweizerische Fachschule für Wohnen und Gestalten in Selzach.

Berufsbild in der Sackgasse? Die Schweizerische Fachschule für Wohnen und Gestalten in Selzach.

Hanspeter Baertschi

Eigentlich hätte Rolf Ryf kaum einen Grund, sich zu beklagen. Sein Geschäft für Innendekoration an der Solothurner Schanzenstrasse ist ausreichend mit Aufträgen eingedeckt.

Die Angestellte ist fleissig und lässt sich weiterbilden; der Lehrling hat gerade das zweite Jahr seiner vierjährigen Lehre begonnen und arbeitet schon selbstständig. Und Interessenten für die zweite Lehrstelle im Betrieb, die Ryf im Sommer 2016 besetzen wollte, gäbe es viele.

Rolf Ryf: «Man darf diesen Konflikt nicht auf dem Buckel der Lernenden austragen.»

Rolf Ryf: «Man darf diesen Konflikt nicht auf dem Buckel der Lernenden austragen.»

Hanspeter Bärtschi

Interieursuisse, der schweizerische Verband der Innendekorateure mit Sitz in Solothurn, hatte den Auftrag gehabt, das Ausbildungsreglement bis spätestens 2015 zu überarbeiten.

Aufgrund von Unstimmigkeiten unter den Verbänden der Branche hat das nicht geklappt. Mit der Konsequenz, dass das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) das Reglement auf Anfang 2016 aufheben wird und keine neuen Lehrverträge abgeschlossen werden dürfen.

Ausbildungsreform ist gehörig in Verzug

Das Bundesgesetz über die Berufsbildung vom 13. Dezember 2002 legte fest, dass «die geltenden kantonalen und eidgenössischen Bildungsverordnungen innert fünf Jahren nach Inkrafttreten dieses Gesetzes anzupassen beziehungsweise zu ersetzen» seien (Artikel 73).

Die Ausbildung der Innendekorateurinnen und Innendekorateure basiert aber noch auf dem alten Reglement vom Mai 1999. Dieses sei, wie das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) auf Anfrage mitteilt, «nicht mehr zeitgemäss und nicht auf die Bedürfnisse des aktuellen Arbeitsmarktes ausgerichtet.

Die Zahl der Lernenden ist abnehmend, von 348 Lehrverhältnissen über alle vier Ausbildungsjahre im Jahr 2002 auf 210 Lehrverhältnisse im Jahr 2013.» Die Berufsreform für Innendekorateure wurde zwar bereits 2010 durch die Interieursuisse vorbereitet, jedoch vom damals zuständigen Bundesamt abgelehnt, da die «repräsentative Zusammensetzung der Reformkommission nicht gegeben war».

Im Herbst 2013 wurde die Reform des Reglements erneut in Angriff genommen. Das SBFI machte laut eigenen Angaben mehrere Unterstützungsangebote, um die Zusammenarbeit zwischen Interieursuisse und einigen kleinen Westschweizer Verbänden zu fördern.

Doch auch der zweite Reformversuch blieb erfolglos, weil «keine Einigung zwischen den betroffenen Organisationen erzielt werden» konnte, wie das SBFI erklärt. «Auf Vorschlag des Staatssekretariates, eine Absichtserklärung für die Schaffung eines Berufsfelds Raumgestaltung (zusammen mit BodenSchweiz, Anm. d. Red.) zu erarbeiten, ist der Branche Zeit bis Ende Oktober 2015 eingeräumt worden.»

Doch auch hier kam es nicht zur Einigung. Das Staatssekretariat erklärt, es werde die Branche weiterhin unterstützen, wollte sich aber zu einer möglichen Fristverlängerung nicht äussern. (cnd)

Das faktische Aus für den Beruf

«Dieser Akt kommt faktisch dem Aus für unseren Beruf gleich», heisst es in einer Petition von Interieursuisse, die am Mittwoch in Bern an Vertreter des Staatssekretariates übergeben worden ist.

«Ohne qualifizierte Fachleute kann keine Branche überleben. Auf dem Spiel stehen rund 3000 Arbeitsplätze und damit die Einkommen und die Perspektiven zahlreicher direkt- und mitbetroffener Menschen.»

Rolf Ryf, ehemaliger Interimspräsident von Interieursuisse, erklärt: «Für mich ist das Vordringlichste, dass man Zeit gewinnen und die Frist zur Erarbeitung eines neuen Reglements um zwei oder drei Jahre aufschieben kann. Das würde auch den Lehrlingen Sicherheit geben.»

Das Reglement von 1999 sei nicht dermassen veraltet, dass man nicht mehr damit arbeiten könne, findet er und bedauert: «Das SBFI hat den falschen Weg eingeschlagen. Man darf diesen Konflikt nicht auf dem Buckel der Lehrlinge austragen.»

Denn ohne neue Lehrverträge werde man das Ausbildungszentrum in Selzach wohl innert zwei Jahren schliessen müssen, weil es finanziell nicht mehr tragbar sei, erklärt Ryf.

«Wo die aktuellen Lehrlinge dann ihre Ausbildung beenden und ihre Prüfung machen würden, wissen wir nicht.» Im Endeffekt, da ist sich der Innendekorateur sicher, würde dies den Tod seiner Branche bedeuten.

Schneider-Ammann interpelliert

Ryf konnte zwar bei der Petitionsübergabe an das SBFI nicht dabei sein. Dafür konnte er sich bereits an der HESO für seinen Berufsstand einsetzen. Am Rande einer Protestaktion sei es zu einem längeren Gespräch zwischen ihm und Bundesrat Johann Schneider-Ammann gekommen, dessen Departement das SBFI unterstellt ist.

Stummer Protest der Innendekorateure, als der Wirtschaftsminister zur HESO-Eröffnung schritt. (Archiv)

Stummer Protest der Innendekorateure, als der Wirtschaftsminister zur HESO-Eröffnung schritt. (Archiv)

Hanspeter Baertschi

«Er kannte den Sachverhalt nicht genau, hat jedoch versprochen, sich des Problems anzunehmen», sagt Ryf. «Aber er hat natürlich auch anderes zu tun – mir ist schon klar, dass wir nicht der Nabel der Welt sind.»

Dennoch besteht ein Hoffnungsschimmer, oder nicht? Peter Platzer, Geschäftsführer von Interieursuisse, bleibt skeptisch und rekapituliert die Problematik: Gescheitert sei der erste Reformversuch, weil gewisse Betriebe in der Westschweiz nicht damit einverstanden waren, dass sich das neue Reglement stärker aufs Bodenlegen konzentrieren sollte.

Daraufhin schaltete sich der Verband BodenSchweiz ein, der für die Ausbildung von Boden-Parkettlegern zuständig ist. Der Verband bot an, den Teil der Ausbildung zu übernehmen, in dem es ums Bodenlegen gehe, woraufhin das SBFI vorschlug, aus den zwei Berufen einen zu machen: den «Raumgestalter» – mit lediglich verschiedenen Fachrichtungen.

An dieser Ausgangslage wird sich vermutlich nichts ändern. Bloss: Platzer bezweifelt, dass sich die beiden Berufe vereinen lassen. «Der Innendekorateur ist einer der letzten Generalisten. Er muss flexibel bleiben. Er polstert Möbel, macht Beschattungen und Wandbespannungen, berät Kunden, gestaltet Innenräume, verlegt Böden. Das alles lernt man in einer vierjährigen Lehre. Wie soll man das mit einem Beruf verbinden, in dem man sich in einer dreijährigen Lehre nur aufs Bodenlegen spezialisiert?»

Walter Pretelli, Schulleiter des Ausbildungszentrums in Selzach, ergänzt: «Dieser Vorschlag des SBFI war ein Schnellschuss, weil irgendeine Lösung her musste. Das ist nicht durchdacht.»

Und etwas anderes macht Platzer und Pretelli Sorgen: Wenn BodenSchweiz die Bodenleger-Kurse übernehme, dann reisse dieser Verband etwa 80 Prozent der Ausbildungsmodule an sich.

Die Schule in Selzach könne dann so oder so dichtmachen. «Wenn wir aber diese Argumente dem SBFI darlegen, dann werfen sie uns Erpressung vor. Das ist doch kein Dialog. Als Dialog würde man sowas höchstens in einer Diktatur bezeichnen.»

Warnung vor Fachkräftemangel

Es sei ja nicht so, dass man nicht reformwillig wäre, räumen die beiden Interieursuisse-Vertreter ein. «Aber wir brauchen weiterhin eine Ausbildung, die es kleinen Betrieben ermöglicht, jemanden einzustellen, der alles kann.

Innendekorateure können sich in der Regel kein grosses Team von Spezialisten leisten.» So weist denn Platzer darauf hin, dass bereits jetzt ein Fachkräftemangel bestehe. «Wenn jetzt der Nachwuchs ausbleibt, geht die Branche zugrunde. Das SBFI sollte die Wirtschaft unterstützen, nicht kaputtmachen.»

Ähnlich sieht das Rolf Ryf. Das Ganze sei nicht nur verheerend für den Nachwuchs in der Branche, sondern auch ein Image-Schaden für den gesamten Berufsstand, findet er. «BodenSchweiz und das SBFI sehen die Realität des Innendekorateurs nicht. Ein Innendekorateur braucht sehr viel Wissen und Fertigkeiten.»

Natürlich könne man Synergien nutzen. Für Ryf steht auch fest: «Es sollte eine gewisse Durchlässigkeit geben bei der Ausbildung. Wenn sich ein Bodenleger bei uns weiterbilden, oder ein Innendekorateur bei BodenSchweiz weiterbilden will, sollte das möglich sein.»

Verband Bodenschweiz: «Wir würden Selzach sicher mitbenutzen»

Interieursuisse ist nicht begeistert davon, dass sich BodenSchweiz in ihre Ausbildungsreform einmischt. Doch wie sehen das die Boden-Parkettleger aus Oberentfelden? Geschäftsführer Daniel Heusser: «Wir haben sicher Berührungspunkte und Synergien, die wir nutzen könnten. Für Interieursuisse mag eine engere Zusammenarbeit negativ scheinen, aber für uns besteht kein Konflikt. Ich sehe das als eine Chance für alle.»

So würde BodenSchweiz die Innendekorateure bei einer Reform aktiv unterstützen. Man habe kein Interesse, Interieursuisse zu übernehmen oder Mitglieder abzuwerben. Diese Ängste seien vollkommen unbegründet.

Auch in Bezug auf das Ausbildungszentrum in Selzach. «Wir sind am Anschlag in Oberentfelden, wir sind voll ausgelastet. Darum besteht keine Gefahr, dass das Ausbildungszentrum der Innendekorateure aufgegeben würde. Im Gegenteil, wir würden sicher die Schule in Selzach mitbenutzen, falls diese nicht ausgelastet wäre.»

Doch wie sieht es mit den unterschiedlichen Ausrichtungen der beiden Lehrgänge aus? «Wir haben nur den Boden», sagt Heusser. «Natürlich gehört bei den Innendekorateuren mehr dazu, der Beruf ist breiter gefächert. Der Boden-Parkettleger hat primär Freude an schönen Böden. Unsere Boden-Parkettleger arbeiten vor allem im Objektbereich, wenn es um anspruchsvolle Bodenlösungen geht.»

Der Innendekorateur komme eher für Gesamtlösungen im Innenbereich zum Zug. Aber gerade darum, so Heusser, glaube er, dass die Berufe zusammenpassen würden und man voneinander profitieren könnte.

«Es bedarf lediglich einer konstruktiven Zusammenarbeit.» Gerade diesbezüglich scheinen allerdings in Oberentfelden gewisse Vorbehalte gegenüber dem Solothurner Verbandssekretariat von Interieursuisse zu bestehen. (cnd)

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