Eigentlich hätte Rolf Ryf kaum einen Grund, sich zu beklagen. Sein Geschäft für Innendekoration an der Solothurner Schanzenstrasse ist ausreichend mit Aufträgen eingedeckt.

Die Angestellte ist fleissig und lässt sich weiterbilden; der Lehrling hat gerade das zweite Jahr seiner vierjährigen Lehre begonnen und arbeitet schon selbstständig. Und Interessenten für die zweite Lehrstelle im Betrieb, die Ryf im Sommer 2016 besetzen wollte, gäbe es viele.

Nur: Ob es nächstes Jahr weiterhin eine Ausbildung zum Innendekorateur geben wird, das steht noch in den Sternen.

Interieursuisse, der schweizerische Verband der Innendekorateure mit Sitz in Solothurn, hatte den Auftrag gehabt, das Ausbildungsreglement bis spätestens 2015 zu überarbeiten.

Aufgrund von Unstimmigkeiten unter den Verbänden der Branche hat das nicht geklappt. Mit der Konsequenz, dass das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) das Reglement auf Anfang 2016 aufheben wird und keine neuen Lehrverträge abgeschlossen werden dürfen.

Das faktische Aus für den Beruf

«Dieser Akt kommt faktisch dem Aus für unseren Beruf gleich», heisst es in einer Petition von Interieursuisse, die am Mittwoch in Bern an Vertreter des Staatssekretariates übergeben worden ist.

«Ohne qualifizierte Fachleute kann keine Branche überleben. Auf dem Spiel stehen rund 3000 Arbeitsplätze und damit die Einkommen und die Perspektiven zahlreicher direkt- und mitbetroffener Menschen.»

Rolf Ryf, ehemaliger Interimspräsident von Interieursuisse, erklärt: «Für mich ist das Vordringlichste, dass man Zeit gewinnen und die Frist zur Erarbeitung eines neuen Reglements um zwei oder drei Jahre aufschieben kann. Das würde auch den Lehrlingen Sicherheit geben.»

Das Reglement von 1999 sei nicht dermassen veraltet, dass man nicht mehr damit arbeiten könne, findet er und bedauert: «Das SBFI hat den falschen Weg eingeschlagen. Man darf diesen Konflikt nicht auf dem Buckel der Lehrlinge austragen.»

Denn ohne neue Lehrverträge werde man das Ausbildungszentrum in Selzach wohl innert zwei Jahren schliessen müssen, weil es finanziell nicht mehr tragbar sei, erklärt Ryf.

«Wo die aktuellen Lehrlinge dann ihre Ausbildung beenden und ihre Prüfung machen würden, wissen wir nicht.» Im Endeffekt, da ist sich der Innendekorateur sicher, würde dies den Tod seiner Branche bedeuten.

Schneider-Ammann interpelliert

Ryf konnte zwar bei der Petitionsübergabe an das SBFI nicht dabei sein. Dafür konnte er sich bereits an der HESO für seinen Berufsstand einsetzen. Am Rande einer Protestaktion sei es zu einem längeren Gespräch zwischen ihm und Bundesrat Johann Schneider-Ammann gekommen, dessen Departement das SBFI unterstellt ist.

Stummer Protest der Innendekorateure, als der Wirtschaftsminister zur HESO-Eröffnung schritt. (Archiv)

Stummer Protest der Innendekorateure, als der Wirtschaftsminister zur HESO-Eröffnung schritt. (Archiv)

«Er kannte den Sachverhalt nicht genau, hat jedoch versprochen, sich des Problems anzunehmen», sagt Ryf. «Aber er hat natürlich auch anderes zu tun – mir ist schon klar, dass wir nicht der Nabel der Welt sind.»

Dennoch besteht ein Hoffnungsschimmer, oder nicht? Peter Platzer, Geschäftsführer von Interieursuisse, bleibt skeptisch und rekapituliert die Problematik: Gescheitert sei der erste Reformversuch, weil gewisse Betriebe in der Westschweiz nicht damit einverstanden waren, dass sich das neue Reglement stärker aufs Bodenlegen konzentrieren sollte.

Daraufhin schaltete sich der Verband BodenSchweiz ein, der für die Ausbildung von Boden-Parkettlegern zuständig ist. Der Verband bot an, den Teil der Ausbildung zu übernehmen, in dem es ums Bodenlegen gehe, woraufhin das SBFI vorschlug, aus den zwei Berufen einen zu machen: den «Raumgestalter» – mit lediglich verschiedenen Fachrichtungen.

An dieser Ausgangslage wird sich vermutlich nichts ändern. Bloss: Platzer bezweifelt, dass sich die beiden Berufe vereinen lassen. «Der Innendekorateur ist einer der letzten Generalisten. Er muss flexibel bleiben. Er polstert Möbel, macht Beschattungen und Wandbespannungen, berät Kunden, gestaltet Innenräume, verlegt Böden. Das alles lernt man in einer vierjährigen Lehre. Wie soll man das mit einem Beruf verbinden, in dem man sich in einer dreijährigen Lehre nur aufs Bodenlegen spezialisiert?»

Walter Pretelli, Schulleiter des Ausbildungszentrums in Selzach, ergänzt: «Dieser Vorschlag des SBFI war ein Schnellschuss, weil irgendeine Lösung her musste. Das ist nicht durchdacht.»

Und etwas anderes macht Platzer und Pretelli Sorgen: Wenn BodenSchweiz die Bodenleger-Kurse übernehme, dann reisse dieser Verband etwa 80 Prozent der Ausbildungsmodule an sich.

Die Schule in Selzach könne dann so oder so dichtmachen. «Wenn wir aber diese Argumente dem SBFI darlegen, dann werfen sie uns Erpressung vor. Das ist doch kein Dialog. Als Dialog würde man sowas höchstens in einer Diktatur bezeichnen.»

Warnung vor Fachkräftemangel

Es sei ja nicht so, dass man nicht reformwillig wäre, räumen die beiden Interieursuisse-Vertreter ein. «Aber wir brauchen weiterhin eine Ausbildung, die es kleinen Betrieben ermöglicht, jemanden einzustellen, der alles kann.

Innendekorateure können sich in der Regel kein grosses Team von Spezialisten leisten.» So weist denn Platzer darauf hin, dass bereits jetzt ein Fachkräftemangel bestehe. «Wenn jetzt der Nachwuchs ausbleibt, geht die Branche zugrunde. Das SBFI sollte die Wirtschaft unterstützen, nicht kaputtmachen.»

Ähnlich sieht das Rolf Ryf. Das Ganze sei nicht nur verheerend für den Nachwuchs in der Branche, sondern auch ein Image-Schaden für den gesamten Berufsstand, findet er. «BodenSchweiz und das SBFI sehen die Realität des Innendekorateurs nicht. Ein Innendekorateur braucht sehr viel Wissen und Fertigkeiten.»

Natürlich könne man Synergien nutzen. Für Ryf steht auch fest: «Es sollte eine gewisse Durchlässigkeit geben bei der Ausbildung. Wenn sich ein Bodenleger bei uns weiterbilden, oder ein Innendekorateur bei BodenSchweiz weiterbilden will, sollte das möglich sein.»