Nach «Traviata» und «Perlenfischer» liefert das Duo Louis Désiré (Regie) und Diego Méndez-Casariego (Ausstattung) mit Puccinis «Madama Butterfly» die stimmigste Inszenierung am Theater Biel-Solothurn (Tobs): Eine traurige und irgendwie gemeine Geschichte, die der Komponist und seine beiden Textdichter als «Tragödie einer Japanerin» bezeichneten.

Von allen seinen Opern liebte Puccini «Butterfly» am meisten. Seine Musik trifft denn auch ins Herz. Und dies kann sie mit aller Kraft, weil sich Louis Désiré auf den Kern des Geschehens konzentriert und auf Opernkitsch oder Firlefanz verzichtet. Die Geschichte ist ohnehin zeitlos: Eine Frau hält eine erotische Tändelei für Liebe, wird verlassen, verschiedene Kulturen bleiben sich fremd. Ein Schicksal, das an die Nieren geht.

Verstossene Butterfly

Mit US-Leutnant Pinkerton bricht der «Way of Life» in die Strukturen eines Geisha-Hauses ein, wo der gewissenlose Goro (hervorragend: Konstantin Nazlamov) an Ehen auf Zeit kräftig verdient. Deren Unverbindlichkeit kennt Leutnant Pinkerton, der sich einzig für exotische Abenteuer interessiert, bevor er zu seiner amerikanischen Verlobten heimkehrt.

Butterfly bleibt schwanger zurück, wird von der konservativen Verwandtschaft verstossen (überzeugend der Chor und Javid Samadov als Onkel Bonzo). Sie akzeptiert und hofft auf die Rückkehr ihres «Ehemannes». Doch sie trifft nur einen anständigen Mann: Sharpless, ein Konsul vom Scheitel bis zur Sohle, und von Leonardo Galeazzi einmal mehr wundervoll gesungen und charakterisiert.

Brillante Sopranistin

Glanzpunkt der Aufführung sind indessen zwei Sängerinnen, beide aus Südkorea, und der kleine Junge, der als «Bambino» verzaubert. Hye Myung Kang wirkt als Butterfly scheu und gefangen von den «kleinen Dingen» des Alltags. Steigert sich allmählich in ihr persönliches Drama hinein: Klangschön und expressiv. Eine Frau, die an der Wahrhaftigkeit ihrer Gefühle und der Konfrontation der Mentalitäten zerbricht. Die Sopranistin brilliert mit Stilgefühl für die italienische Kantilene, ausgeglichener Stimme, flexibel und in allen Lagen und legatofähig. Pianissimo-Töne haucht sie traumwandlerisch sicher. Singt exquisit und ohne zu forcieren selbst im kräftigsten Forte. Gestaltet ein anrührendes Porträt, das unmittelbar ergreift.

Auch Sunghee Shin verschmilzt mit ihrer Figur, interpretiert Suzuki mit dunkel-suggestivem Mezzo. Wie Hye Myung Kang in der Titelrolle, agiert auch die Dienerin mit weichen Lyrismen und dramatischer Kraft, sensibel und hochmusikalisch. Dem setzt der ebenfalls junge, aus Mexiko stammende Tenor Rodrigo Porras Garulo als Pinkerton italienischen Schmelz, satte Farben und dunkles Timbre gegenüber.

Dirigent Manilo Benzi leuchtet mit dem Sinfonie Orchester Biel-Solothurn jede Nuance aus, ordnet alles dem dramatischen Gestus unter. Tobs ist das Kunststück gelungen, als kleines Haus alle Partien einer Puccini-Oper adäquat zu besetzen und mit einem eindringlichen Opernabend zu begeistern.