Es ist die Werkhalle von einem der grössten Kabelkonfektionierer der Schweiz. Aber nur auf den ersten Blick ist dies hier ein gewöhnlicher Arbeitgeber, nicht nur weil gerade ein schwarzer Mischlingshund dem Chef die Aufmerksamkeit stiehlt. «Djoubi» wird gekrault, gestreichelt, geherzt. Die Menschen, die den Hund berühren, freuen sich vielleicht auch etwas mehr über den Hund, als man dies in einer anderen Fabrikhalle tun würde.

Denn auf den zweiten Blick sind auch die Menschen in der hellen Lagerhalle nicht ganz gewöhnlich. 120 Menschen mit einer Beeinträchtigung arbeiten bei der Zuchwiler Vebo Solutions, einer von acht Betrieben der Oensinger Vebo Genossenschaft. Menschen mit geistigen Einschränkungen, Ausgesteuerte, die wieder in den Arbeitsprozess kommen möchten oder Mitarbeitende mit psychischen Problemen, die den Alltag nur dank starker Medikamente bewältigen. Doch hier soll ihr Alltag nicht viel anders als sein als derjenige aller anderen Fabrikarbeiter: Sie fertigen Industrieprodukte an wie Kochkellen oder Sensoren für Pneus, die es auf dem freien Markt mit der Konkurrenz aufnehmen müssen.

«Wer arbeitet, ist Teil der Gesellschaft», sagt Daniel Ziegler. Er ist Geschäftsführer der Vebo Solutions und seine Devise heisst «Wertschätzung durch Wertschöpfung». Menschen mit Beeinträchtigung sollen durch ganz normale Arbeit etwas zur Gesellschaft beitragen und in die Gesellschaft integriert werden. «Inklusion» nennen dies Fachleute.

Gute Schulung und anspruchsvolle Einsatzplanung

Peter* arbeitet seit über 15 Jahren an der Maschine in der Ecke der hellen Lagerhalle. Er richtet sie selbst ein. Ziegler erklärt: Jeder soll nach seinen Fähigkeiten eine Tätigkeit erhalten, die er alleine ausführen kann. Es gibt hier Menschen, die die Plastiksäcke öffnen, in die später die gefertigten Teile eingepackt werden. Es gibt Mitarbeitende, die Maschinen, auf denen komplexere Teile gefertigt werden, selbst einrichten. «Wir müssen jeden so lange schulen, bis er oder sie vollständig autonom seinen Job erledigen kann.» Manchmal ist dazu wochenlangens Training nötig. Möglich machen dies nicht zuletzt 22 reguläre Mitarbeitende – in der Administration, Betreuung oder in leitender Funktion. Neben dem Industriewissen aus ihrem angestammten Beruf bringen sie jeweils eine soziale Zusatzausbildung mit.

Dani setzt an einem weissen Tisch kleine Teile für ein Elektroprodukt zusammen. Er strahlt, wenn er auf seine Arbeit angesprochen wird. Seit 47 Jahren arbeitet er hier. Und wie alle erhält er – neben seiner IV – einen Lohn, der ausgerichtet ist nach Leistungsfähigkeit und Leistung. Maximal ca. 10 Franken pro Stunde beträgt er. «Wir sehen uns als KMU», sagt Geschäftsführer Ziegler. Qualität, Termin, Preis: Wie jeder andere Betrieb auch müsse die Vebo Solutions hier mithalten können – auch wenn die meisten Menschen hier nur Teilzeit arbeiten können, und auch wenn die Krankheitsausfälle hoch sind. «Die Kapazitätsplanung ist deshalb sehr anspruchsvoll», sagt Ziegler. Gearbeitet wird in einer 42-Stunden-Woche und im Schichtbetrieb ab 6 Uhr morgens. Erfordert es der Betrieb, gibt es auch Samstagsschichten.

Eine verlängerte Werkbank der Solothurner Industrie

Von Kritik verschont bleiben Institutionen wie die Vebo nicht. Der Vorwurf: Sie können dank der IV-Renten günstig produzieren und konkurrenzieren andere Firmen in der Region. Geschäftsführer Ziegler widerspricht. «Wir sind nie Konkurrenz zur Industrie», sagt der Ingenieur, der früher für Firmen wie den Seilbahnbauer Garaventa oder die Bettlacher Mathys AG gearbeitet hat. «Wir sind eine Ergänzung zur Industrie.» Ziegler bezeichnet die Vebo in Zuchwil – im Gegenteil – als «verlängerte Werkbank» der regionalen Industrie.

Es sei klassische Arbeit, die längst nach Ungarn oder in die Ukraine verlagert worden wäre, würde sie die Vebo nicht in der Schweiz anbieten. «Wir können gar nicht zu Dumpingpreisen offerieren», sagt der 51-Jährige. Denn der Betreuungsaufwand ist hoch und die Maschinen unterscheiden sich nicht von denjenigen in anderen Betrieben. «Wir müssen selbst auch Gewinn schreiben, um investieren zu können», so Ziegler.

Früher die Grossindustrie als Kunden, heute KMU

Der schwarze Mischlingshund ist nun in der Kreativwerkstatt. Voller Stolz zeigt eine Frau die Blumen, die sie auf einer Papierkarte mit Filzstift ausgemalt hat. Später wird diese im eigenen Laden verkauft. Es geht weiter durch die Näherei, wo für die SBB-Servicewagen Taschen genäht werden.

Vor ziemlich genau 20 Jahren ist der Neubau der Vebo Solution AG in Zuchwil eröffnet - und seither ausgebaut worden. Lange Zeit waren einst grosse Solothurner Firmen wie Scintilla, Ascom oder Sulzer die einzigen Kunden der Vebo. Nachdem diese die Produktion verlagerten, ist der Kundenstamm viel breiter geworden. Basis sind nach wie vor Unternehmen aus dem Kanton wie der Zuchwiler Kaffeemaschinenhersteller Schaerer oder die EAO in Olten. 30 Prozent beträgt der Exportanteil. Kabel werden nach China, Indien, Malaysia, Russland oder Ungarn geliefert, oft in Werke der Firma Bosch. Waren es früher Grossserien, werden heute bei der Vebo Solutions meist Kleinserien von 200 bis 400 Stück hergestellt. Die Firma behauptet sich in einem Stückzahlbereich, in dem sich für die Kunden die eigene Fertigung nicht lohnt, bzw. diese nicht vollautomatisiert werden kann.

Nochmals hält Daniel Ziegler an beim Betriebsrundgang. Eben erst stand er bei einer Gruppe junger, topmotivierter Männer, die zu Scherzen aufgelegt sind. Nun wird er über einen Konflikt informiert, wie er in einem anderen Betrieb auch vorkommt. Man gehe erfrischend ehrlich miteinander um, sagt Ziegler. Für alle Fälle hat er «Djoubi» dabei, seinen ausgebildeten Sozialhund. «Es gibt Leute, die lieber ihm eine Geschichte erzählen als mir», sagt er lächelnd.