Mordfall
Verjährt und ungeklärt: Der Fünffachmord von Seewen

40 Jahre sind seit der Gräueltat in Seewen vergangen, bei der fünf Menschen erschossen wurden. Der Fall wird nun in einem Buch abgehandelt; einem Buch über die wohl eindrücklichsten Kriminalfälle in der Schweiz – auch weil sie bis heute nicht geklärt werden konnten.

Noëlle Karpf
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Unaufgeklärt bis heute: der Fünffachmord von Seewen. In diesem Waldhaus wurden am Pfingstwochenende im Jahr 1976 fünf Mitglieder der Familie Siegrist erschossen.
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Unaufgeklärt bis heute: der Fünffachmord von Seewen 1976
Auch ein Polizeitaucher war im Einsatz. Hier reicht er seinen Fund an Land.
Diese Brieftaschen wurden aus dem Wasser gefischt.
Die Spurensicherung führte zu keinem Täter - auch die Tatwaffe wurde damals nicht gefunden.
Die Tatwaffe wurde in der Oltner Wohnung der Mutter eines ehemaligen Verdächtigen - der seit 1977 verschwunden ist - gefunden. (Von links): Max Jaeggi, damaliger Sachbearbeiter des Falls, Thomas Zuber, Chef der Kriminalpolizei Solothurn und Martin Jaeggi, damaliger Polizeikommandant Kantonspolizei Solothurn, zeigten die gefundene Waffe vor den Medien.
Der Tatverdächtige Carl Doser: Ein Jahr nach dem Mord tauchte er unter und wurde seitdem nicht mehr gesehen.
Im Jahr 1996 präsentierte die Solothurner Polizei der Öffentlichkeit die aufgefundene Tatwaffe und die Fotos des gesuchten Tatverdächtigen Carl Doser.
Das Interesse der Medien war gross, viele Journalisten an der Pressekonferenz zugegen.
Seewen ist heute ein 1000-Einwohner-Dorf im Kanton Solothurn.
Seewen liegt im Bezirk Dorneck.

Unaufgeklärt bis heute: der Fünffachmord von Seewen. In diesem Waldhaus wurden am Pfingstwochenende im Jahr 1976 fünf Mitglieder der Familie Siegrist erschossen.

Keystone

Pfingsten 1976: In Seewen werden fünf Menschen ermordet. Das Ehepaar Siegrist, die Schwester des Ehemanns Siegrist, ihre beiden Kinder. Heute, rund 40 Jahre später, schreibt Walter Hauser vom «berühmtesten Rätselmord der schweizerischen Kriminalgeschichte». Der Glarner Journalist hat dieses Jahr ein Buch über die spektakulärsten Kriminalfälle der Schweiz veröffentlicht. Ein Kapitel ist dem Fünffachmord von Seewen im Solothurner Schwarzbubenland gewidmet. Die Bezeichnung «Rätselmord» rührt daher, dass der Täter, der damals die fünf Menschen in ihrem Wochenendhaus erschoss, bis heute nicht gefunden worden ist.

Der Sohn des ermordeten Ehepaars, Robert Siegrist, ist heute 62 Jahre alt. Er selbst hat im Jahr 2001 bereits ein Buch über die Gräueltat veröffentlicht. Hauser hat für sein Buch «Hoffen auf Aufklärung» ebenfalls mit ihm gesprochen. Siegrists Eltern, seine Tante und seine beiden Cousins verbrachten das Pfingstwochenende 1976 im Wochenendhaus «Waldeggli». 13 Schüsse wurden insgesamt auf sie abgefeuert. Vier der Opfer wurden im Haus gefunden, die Mutter von Siegrist liess der Täter eingewickelt in einen Teppich auf der Treppe vor dem Häuschen liegen. Wie Hauser schildert, ging die Polizei in diesem Fall 9000 Hinweisen nach, nahm rund ein Dutzend Personen in Untersuchungshaft und klärte im Rahmen der Ermittlungen andere Delikte auf. Nur den Fünffachmord nicht.

Gefundene Tatwaffe, Verschwundener Tatverdächtiger

Einige Spuren gab es aber, wie schon in mehreren Zeitungsartikeln und nun auch im Buch noch einmal geschildert wird. Darunter diejenige, die zu einem Cousin von Robert Siegrist führte: Adolf Siegrist, welcher in «Hoffen auf Aufklärung» als jähzorniger, aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit oft verspotteter Waffennarr beschrieben wird, der vor der Tat Munition gekauft hatte, die zur Tatwaffe passte, und kein stichhaltiges Alibi hatte. Zu einer Festnahme kam es aber nie. Dieser Cousin starb noch vor Beginn der 80er-Jahre eines natürlichen Todes.

Verhört wurde auch Carl Doser – der registrierte Besitzer der Tatwaffe, der 1976 der Polizei angab, die Waffe weiterverkauft zu haben. Gefunden wurde diese Tatwaffe nicht – bis 20 Jahre später eine Wohnung in Olten saniert wurde. Dort wurde das Gewehr gefunden, zusammen mit dem Pass von Doser. Die Wohnung hatte seiner damals bereits verstorbenen Mutter gehört. Doser selbst gilt seit 1977 – nach zwei Einvernahmen durch die Polizei – als unauffindbar.

Gegen Adolf Siegrist und Carl Doser wurden 2013 erneut Vorwürfe erhoben. Ebenso gegen einen Rentner, der mit den beiden unter einer Decke gesteckt und mit ihnen im Kleinbasler Waffenhändler-Milieu verkehrt haben soll. Ein ehemaliger Freund des beschuldigten Rentners sagte damals, Doser habe die Waffe dem Rentner verkauft, Cousin Siegrist hätte die Munition beschafft. So hätten sie zusammen den Anschlag geplant. Laut Hausers Schilderungen soll dieser dem Vater Siegrist gegolten haben. Sein Sohn kann sich nicht genauer erklären, wieso. Die Vorwürfe liessen sich aber wieder nicht erhärten. Auch diese Spur führte ins Nichts.

Keine neuen Ermittlungsansätze – aber weiterhin Hinweise

Der Sohn der Opfer erhält laut Hausers Schilderungen bis heute noch Hinweise. Diese hätten ihn aber noch keinen Schritt weitergebracht. Bei der Kantonspolizei Solothurn heisst es auf Anfrage: «Der Fünffachmord bewegt in der Tat auch heute noch.» In den vergangenen Jahren seien bei der Kantonspolizei immer wieder Hinweise dazu eingegangen. «Neue Ermittlungsansätze ergaben sich daraus nicht», so Mediensprecher Andreas Mock.

Der Mord ist zudem verjährt, was es laut Mock der Polizei unmöglich mache, noch «strafprozessual zu ermitteln». Den eingegangenen Hinweisen sei man im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten zusammen mit der Staatsanwaltschaft des Kantons nachgegangen. Das heisst: Die Polizei kann Hinweise zwar noch aufnehmen und diesen ein Stück weit nachgehen; Hausdurchsuchungen, Verhöre ohne Einwilligung oder gar Festnahmen kann sie aber nicht mehr durchführen. Würde noch ein Täter gefunden, könnte dieser auch nicht mehr bestraft werden. Glaubt die Polizei überhaupt noch an eine Aufklärung? Diese Frage könne man nicht beantworten, so Mock, da man keine Prognosen abgebe.

«Hoffen auf Aufklärung»: Verjährung abschaffen?

Im Buch «Hoffen auf Aufklärung» befasst sich der Autor Walter Hauser auch mit der Verjährung. Diese tritt in der Schweiz bei Mord nach 30 Jahren ein. Der Rechtswissenschafter, der in den 70er- und 80er-Jahren als freier Journalist über Kriminalfälle berichtete, schreibt im Vorwort, dass ihn einige dieser Fälle nie mehr losgelassen hätten – diese schildert Hauser im Buch.

So geht es in einem Kapitel etwa über den Kristallhöhlenmord von Oberriet im Kanton St. Gallen. 1982 verschwanden zwei Mädchen auf einer Velotour. Einige Tage später fand ein Wanderer die Leichen der beiden Mädchen unterhalb einer Höhle. Die Tat bleibt ungeklärt. Ein anderes Kapitel des Buches ist dem ebenfalls ungelösten Fall von Braunwald gewidmet: Bei einer Wanderung eines Ehepaars im Kanton Glarus kam die Frau ums Leben – bis heute ist nicht abschliessend geklärt, ob durch einen Steinschlag oder einen Schlag mit dem Stein auf den Kopf durch den Ehemann.
Die Fälle, die Hauser schildert, sind nicht nur ungelöst, sondern auch allesamt verjährt. Deshalb könnte ein Täter heute gar nicht mehr belangt werden. Hauser, der früher grundsätzlich ein Befürworter der Verjährung war, schreibt, nach seinen Recherchen und Gesprächen mit Angehörigen sei er mittlerweile vom Gegenteil überzeugt. Es sei eine Illusion zu glauben, dass dreissig Jahre nach einem Mord Normalität ins Leben der Betroffenen zurückkehre. (NKA)

«Hoffen auf Aufklärung – Ungelöste Morde in der Schweiz zwischen Verfolgung und Verjährung», Walter Hauser, Limmataler Verlag, 144 Seiten, Fr. 26.–.

In einem früheren Interview mit dieser Zeitung erklärte auch der mittlerweile abgetretene Kriminalpolizei-Chef Urs Bartenschlager, er habe immer noch Anfragen, jedes Jahr, wenn sich das Delikt jähre um Pfingsten. Er fasste dazu klarere Worte: «Man geht davon aus, dass Carl Doser der Täter ist.» Man mache in diesem Fall aber inzwischen nichts mehr. Neuen Hinweisen würde man allenfalls aus historischem Interesse so weit als möglich noch nachgehen. Und weiter: «Wir werden den Fall wohl nicht mehr klären.»

Sohn Siegrist selbst hofft weiterhin auf eine Abklärung. Nicht, weil er den Täter bestrafen wolle, sagt er gegenüber Hauser. «Die Hoffnung auf die Klärung des Unfassbaren treibt mich an.» Auch wenn diese Hoffnung schwinde.