Amtsgericht
Vergewaltigung im Asylzentrum: Täter muss 5 Jahre ins Gefängnis

Es geschah ohne Zeugen. Aber das Gericht hält die Hinweise in diesem Vergewaltigungsfall für «lehrbuchhaft». Der Täter muss fünf Jahre ins Gefängnis, danach wird er für zehn Jahre des Landes verwiesen – wobei der Vollzug von letzterem unmöglich ist, wenn er in seiner Heimat an Leib und Leben gefährdet ist.

Ornella Miller
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Das Kurhaus Balmberg.

Das Kurhaus Balmberg.

Oliver Menge

Ein syrischer Asylbewerber soll Ende 2016 eine sieben Jahre jüngere Bewohnerin des Durchgangszentrums Balmberg vergewaltigt haben, obwohl seine Frau und seine beiden Kinder quasi vor Ort waren. Deshalb stand A.* am Montag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. Der nun 34-Jährige war aus politischen Gründen in seiner Heimat verurteilt worden und dann geflüchtet.

In der Schweiz lebte er bereits in einer Wohnung bei Olten, Frau und Kinder folgten per Familiennachzug in die Schweiz und befanden sich im Durchgangszentrum. Regelmässig besuchte er diese und brachte ihnen auch Essen mit. Dabei lernte er die Klägerin B.* kennen, eine unverheiratete junge Frau aus Albanien, die aus Angst vor ihrem Vater hochschwanger in die Schweiz geflüchtet war. Ihr Asylantrag war bereits abgelehnt. Er half der sozial isolierten Frau manchmal, den Kinderwagen in den Bus zu heben oder half ihr beim Umgang mit dem Handy.

An jenem Silvestertag 2016 gab B. dem Syrer für einen Moment ihr Handy, weil er für seine Frau den Internetanschluss einrichten sollte. Dabei bemächtigte er sich ihrer Telefonnummer und schickte ihr am frühen Nachmittag per Whatsapp eine SMS mit der Anfrage, ob sie Sex mit ihm haben wolle. «No», so ihre unmissverständliche Antwort. Trotzdem drang er etwas später in ihr Zimmer ein, wo sie mit ihrem ein Monate alten Baby Mittagsschlaf hielt. Sie versuchte erfolglos, ihn zurückzudrängen.

Er nahm ihr das Baby aus den Armen und warf es aufs Bett. Als sie telefonieren wollte, liess er ihr Handy auf den Boden fallen und schlug ihre Drohungen, den Heimleiter oder die Polizei anzurufen mit «Fuck Police, fuck Chef» in den Wind. Mit Gewalt habe der Syrer sie überwältigt, sei mit seinem Glied in ihre Vagina eingedrungen, so die Aussage am Montag vor Gericht. B. habe sich zu wehren versucht und geschrien. Die Wunden des bei der Geburt erfolgten Dammschnitts waren noch nicht geheilt.

Die junge Frau erschien vor Gericht und machte sehr detaillierte und umfangreiche Aussagen, während der Angeklagte im Nebenraum per Videoübertragung zuschaute. Sie sprach mit sanfter Stimme und weinte oft leise, besonders auch als sie davon erzählte, dass sie das schreiende Baby nicht aufnehmen konnte. Sie sei bereits mit 16 Jahren in Albanien vergewaltigt worden. Schon als sie in die Schweiz gekommen sei, habe sie psychische Probleme gehabt, was nun verstärkt worden sei. «Ich kann kaum schlafen und bin auf psychiatrische Hilfe angewiesen», sagte sie. «Es war wie ein Albtraum. Ich habe versucht, es zu verdrängen.»

Der Angeklagte verweigerte die Aussage vor Gericht. Aus der Verhandlung wurde klar, dass er während der Strafuntersuchung zuerst alles abgestritten und gar geleugnet hatte, jemals auf dem Balmberg gewesen zu sein. Dabei wurde dort eine Anwesenheitsliste geführt und das Haus mit Kameras überwacht. Erst als man ihm sagte, dass die Unterhosen auf Sperma untersucht werden können, gab er zu, Sex mit ihr gehabt zu haben. Jedoch sei die Initiative von der Frau ausgegangen. Staatsanwalt Toni Blaser fand: «Er hat rohe Gewalt und Zwang angewendet. Er handelte skrupellos.»

Landesverweis unklar

Sowohl Verteidiger Patrick Hasler als auch Opferanwältin Andrea Gfeller führten an, die Gegenpartei mache widersprüchliche Aussagen. In seinem Plädoyer legte der Verteidiger dem Gericht Fotos und Beiträge aus B.s Chat-Verlauf vor, in denen sie beispielsweise mit Drittpersonen sexuelle Inhalte teilte. Manche davon seien sogar am Tag nach den Vorfällen geschrieben worden, deshalb sei die Frau völlig unglaubhaft, so der Anwalt. Das Material kannten weder der Staatsanwalt noch die Opferanwältin, obwohl es in den «Akten» war – auf einer CD, die mehr als zweitausend Seiten umfasste.

Das Richtergremium mit Rolf von Felten, Christoph Mathys und Rosmarie Châtelain sprach A. der Vergewaltigung und des Hausfriedensbruchs schuldig. A. muss fünf Jahre ins Gefängnis, danach wird er für zehn Jahre des Landes verwiesen, wobei der Vollzug von letzterem unmöglich ist, wenn er in seiner Heimat an Leib und Leben gefährdet ist, was die Migrationsbehörde in den letzten zwei Jahren noch nicht herausgefunden hat. Selten fände man bei einem 4-Augen-Delikt solch deutliche Hinweise, es sei lehrbuchhaft, urteilte das Gericht. B. erhält eine Genugtuung von 10'000 Franken.

*Namen geändert.

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