Oft hört man vom Chorsterben. Viele Chöre klagen, sie hätten zu wenig Nachwuchs und würden überaltern. Auch haben bereits mehrere Chöre in den letzten Jahren ihre Tätigkeit eingestellt, so zum Beispiel der reformierte Kirchenchor in Kriegstetten oder der reformierte Kirchenchor Derendingen.

Die Mitgliederzahlen der Schweizerischen Chorvereinigung (SCV) sind in den letzten Jahren tatsächlich gesunken. Im Jahr 2012 zählte die Chorvereinigung noch 1716 Chöre, die Mitglieder waren. Im Jahr 2014 waren es nur noch 1566. Diese Fakten seien jedoch mit Vorsicht zu geniessen, sagt Andreas Gabriel, Vizepräsident der Schweizerischen Chorvereinigung.

«Zum Teil sind die Chöre in einem spezialisierten Verband und in der SCV Mitglied, zum Teil aber auch nicht.» Laut Gabriel haben vor allem traditionelle Chöre Probleme, Nachwuchs zu finden.

Probepräsenz oft ein Problem

Fragt man Chorleiter, beobachten diese das Chorsterben eher als Reorganisation der gesamten Branche. Tatsächlich wurden in den letzten Jahren auch einige Chöre neu gegründet.

«Kirche, Vereinswesen, wöchentliche Verpflichtung am Feierabend, lange Projektzeiten, vermeintlich altmodisches Repertoire, alle diese Umstände sind heute nicht in Mode», erklärt Patrick Oetterli, musikalischer Leiter der Solothurner Vokalisten und des Projektchores Porta Secunda.

Die heutigen Chöre müssen dem Zeitgeist entsprechen. Lose Gruppierungen sind «in». Diese bieten ansprechende, moderne Literatur. Die Probepräsenzzeiten werden oft nicht vorgeschrieben.

Ausserdem sind die Chorsänger nicht an fixe Vereinsstrukturen gebunden und können den Chor nach einem Projekt wieder verlassen. «Die Unabhängigkeit der einzelnen Sängerinnen und Sänger ist wohl eine der Stärken, die uns interessant machen», erklärt Achim Glatz, Leiter des Ensembles Stimmig. Er hat dieses während seines Studiums gegründet. In seinem Ensemble verpflichten sich die Sänger jeweils nur für ein Projekt.

Von dieser Neustrukturierung sind aber nicht alle Dirigenten begeistert. Die Probepräsenz sei bei kleineren Formationen oft ein Problem, ausserdem bleibe die langzeitliche musikalische Entwicklung aus, gibt Patrick Oetterli zu bedenken.

Die Sänger können aussuchen

Auch die traditionellen Formationen haben den Trend vom Projektchorsingen erkannt. Sie versuchen, mit einzelnen Projekten neue Mitglieder anzuwerben, meistens mit wenig Erfolg. Der Kirchenchor St. Josef Luterbach konnte mit diesem Modell zuletzt vor 10 Jahren 3 Mitglieder zum Bleiben motivieren.

Der Konkurrenzkampf um die Sänger ist gross. «Das Angebot ist so vielfältig, dass die guten Sängerinnen und Sänger sich aussuchen können, wo sie mitsingen wollen», so Markus Oberholzer, Chorleiter des Konzertchores Leberberg und des Singkreises Wasseramt. Bei dieser Entscheidung spielt nicht zuletzt das Repertoire eine grosse Rolle.

Zwar singen die Jungen auch immer noch gerne Bach und Mozart. Jedoch mischen neuzeitliche Komponisten kräftig mit auf dem Markt. Werke von John Rutter oder Eric Whitacre sind sehr beliebt. Auch andere Werbekanäle sind wichtig. «Wir haben Flyer produzieren lassen, die uns neue Chormitglieder anwarben. Die Leute müssen aktiv und individuell angesprochen werden», sagt Gabriella Toth, Dirigentin des Kirchenchors Matzendorf.

Marianne Lutz-Brügger, Präsidentin des Kirchenchors St. Martin Olten, geht ähnlich vor: «Wenn ich während des Gottesdienstes höre, dass jemand gut mitsingt, dann spreche ich ihn gleich danach an.» Jüngere Chöre versuchen zudem, ihre Mitglieder via Social Media zu erreichen.

Männerstimmen fehlen

Fragt man herum, hat praktisch jeder Chor Mangel an Personal in einer Singstimme. Ein traditioneller Chor ist der Kirchenchor St. Josef in Luterbach. Laut Präsident Jürg Schläfli ist der Bestand in den letzten zehn Jahren um sieben Mitglieder geschrumpft. «Grund dafür war vor allem das Alter der einzelnen Mitglieder», erklärt er.

Beim Kirchenchor Flumenthal-Hubersdorf hingegen könne man sich nicht beklagen, meint Chorleiterin Gabriela Cslovjescek. «Wenn die Leute regelmässig in die Proben kommen, sind wir ein qualitativ guter Chor mit einem schönen Klang. Probleme entstehen etwa, wenn jemand krankheitshalber ausfällt.»

Dann würde es höchstens an Altistinnen fehlen. Beim Konzertchor Solothurn fehlt es an einer anderen Stelle: Der Bestand an Männerstimmen sei mager, erzählt Therese Woodtli. «So ist es schwierig, das Gleichgewicht zwischen den Stimmen aufrecht zu erhalten.

»Der Gesamtbestand sei in den letzten Jahren gleich geblieben oder nur leicht zurückgegangen. Auch der Kammerchor Buchsgau kann einen stabilen Bestand verzeichnen. «Wer einmal dabei ist, bleibt meistens auch dabei», erklärt Projektleiter Christophe Della Valle.

Modernes ist beliebt

Beim Chor Les Marmottes hingegen ist der Bestand nicht gleich geblieben. Im Gegensatz zu anderen Chören haben sie die engeren Zeiten überwunden: «Waren wir Ende 2009 noch ca. 25 Mitglieder, konnten wir uns unserer Wunschgrösse annähern», erklärt Daniel Kradolfer, Präsident von Les Marmottes.

Momentan besteht die Formation aus 46 Personen. Dazu beigetragen habe vor allem die gute Stimmung im Chor, begründet er. Ein weiterer Chor, der in den letzten Jahren Mitglieder dazu gewonnen hat, ist der Solothurner Mädchenchor.

Zur Zeit zählt er 45 Mitglieder. Um den Ansprüchen der älteren Sängerinnen gerecht zu werden, wurde sogar ein Frauenensemble gegründet. Auch die Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn konnten ihren Bestand in den letzten Jahren halten. Nach wie vor sei es aber schwierig, Knaben für das Singen zu begeistern, fügt Chorleiter Andreas Reize an. Deswegen setzt er beim Repertoire auf moderne Chorliteratur.