Kolumne
Verborgene Welten

Myriam Frey, Kantonsrätin Grüne, Fachübersetzerin, Architektin, Olten
Myriam Frey, Kantonsrätin Grüne, Fachübersetzerin, Architektin, Olten
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Die Leute seien coronamüde. (Symbolbild)

Die Leute seien coronamüde. (Symbolbild)

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Ich wurde letzthin auf Covid-19 getestet. Ich hatte viel zu tun und deshalb online im Testzentrum ein Zeitfenster reserviert, sodass ich möglichst wenig Zeit verlieren würde. Ich rechnete angesichts der gegenwärtigen Fallzahlen mit einem gewissen Andrang. Zu meiner Überraschung war dann aber ausser mir gar niemand da. Darauf angesprochen, zuckte die Fachfrau, die mir den Test verabreichte, resigniert mit den Schultern und sagte, die Leute seien coronamüde.

Es stimmt: Die erste Welle überstanden wir mit einer Energie, die uns diesmal fehlt. Während des Lockdowns waren die Social-Media-Kanäle noch voll mit Fotos von selbstgebackenen Sauerteigbroten und Yoga-Selfies. Darüber, ob sich die Menschen dahinter auch tatsächlich gut fühlten, lässt sich streiten, aber der Elan ist auf jeden Fall verpufft; die zweite Welle ist einfach nur noch mühsam. Unsere Welt ist klein geworden, der Kreis unserer Kontakte ist geschrumpft und im Ausland waren wir auch schon ewig nicht mehr. Das dürfte noch ein Weilchen so bleiben. Was tun?

Ich mag keine «Krise als Chance»-Plattitüden. Wir müssen uns eingestehen, dass alle auf ihre Weise unter der aktuellen Situation leiden. Ich bin mir ausserdem bewusst, dass ich privilegiert bin, weil meine Existenz bis jetzt durch die Pandemie nicht bedroht ist. Ausserdem ist unbestritten, dass es jetzt unsere vordringlichste Aufgabe ist, die Arbeiterinnen, KMU und Kulturschaffenden in unserem Land vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Dennoch kann es sicherlich nicht schaden, gleichzeitig zu versuchen, in der Not unsere geschrumpfte Welt wieder etwas grösser oder zumindest facettenreicher zu machen.

Dieser Gedanke kam mir beim Lesen des Sachbuchs «Verwobenes Leben. Wie Pilze unser Leben und unsere Zukunft beeinflussen» vom Mykologen Merlin Sheldrake. Pilze sind vollständig mit unserer Welt verwoben, sie sind allgegenwärtig und überlebenswichtig. Selbst der grösste bekannte Organismus ist ein Pilz – er erstreckt sich über eine Fläche von 965 Hektaren, ist 35000 Tonnen schwer und geschätzte 2000 Jahre alt. Wer sich auf Pilze einlässt, so Sheldrake, sieht die Welt mit anderen Augen.

Die Welt der Pilze ist nur eine von vielen Ebenen, die uns ständig umgeben und darauf warten, entdeckt zu werden. Unsere Insekten, die in ihrer gesamten Vielfalt mehr wiegen als alle Menschen der Erde zusammen; unsere Bäume, die (mit Hilfe von Pilzen) über ihre Wurzeln miteinander kommunizieren; unsere Steine, die sich in allen denkbaren Formen und Farben präsentieren; unser Erdboden, der vor Leben nur so wimmelt.

Als Kinder hat uns das ganz automatisch interessiert; Merlin Sheldrake erinnert uns daran, dass wir auch als Erwachsene die Freude an den Wundern der Natur nicht verlieren müssen. Die kleinen Reisen ins zunächst Verborgene, die ich jetzt vermehrt unternehme, ändern nichts daran, wie sehr ich meine Freunde im Ausland vermisse, weil ich sie seit vielen Monaten nicht sehen darf. Aber sie machen meine Welt ein wenig grösser und reicher.

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