Kennen Sie Commissario Montalbano? Salvo Montalbano ist die Hauptfigur in den Krimis des kürzlich 93-jährig verstorbenen Autors Andrea Camilleri. Der eigensinnige Montalbano ermittelt und löst seine Fälle auf Sizilien. Die Bücher von Camilleri sind nicht nur spannend, sondern halten der italienischen Gesellschaft mit all ihren zugleich schillernden und auch faszinierenden Facetten kritisch den Spiegel vor. Jedesmal, wenn ich einen Montalbano lese, bin ich – obwohl mehr als 200 Seiten lang – viel zu schnell damit fertig. Einfach ein Genuss.

Montalbano selber ist auch ein Geniesser. Unter anderem hat er eine Vorliebe für gutes Essen. Wenn er zum Tafeln in seine Lieblingstrattoria da Enzo geht, tönt es dann etwa so: «Un antipasto di mare?» (Meeresfrüchte) «Buono!» «Spaghetti ai ricci di mare?» (mit Seeigeln). «Benissimo!» «Triglie die scoglio fritte?» (gebratene Felsenbarben). «Ottimo!» «Vino della casa?» «Va bene». … «Er bestellte alles, was sein Herz begehrte, und bald füllte sich sein Tisch mit den herrlichsten Köstlichkeiten. Von einigen bestellte er sogar eine zweite Portion. Am Ende hatte er Mühe, vom Stuhl hochzukommen. Der Spaziergang bis zum Ende der Mole war daher unerlässlich, auch wenn er ganz gemächlich einen Fuss vor den anderen setzte».

Wenn ich solche Zeilen lese und selber Hunger habe, bin ich kaum mehr zu halten. Da es zu Hause aber nicht möglich ist, auf die Schnelle ein solches Menu hervorzuzaubern, beschränke ich mich meist darauf, vorerst eine Flasche Vino della casa – meist Weisswein – zu öffnen und so den Apéro einzuläuten. Da es leider in unseren Breitengraden an Meeresfrüchten und -fischen mangelt, kommen beim anschliessenden Essen auch immer wieder Fleischgerichte auf den Tisch. Beim Ablauf der Speisen halten wir es aber wieder mit Montalbano: Oft bleibt es ebenfalls nicht nur bei einem Gang.
Wäre ich Raucher, würde ich mir während der Lektüre wie Montalbano auch ab und zu eine Zigarette genehmigen («Er setzte sich auf die Veranda, rauchte ein paar Zigaretten und dachte an …»). Seine Dauerverlobte Livia besucht er jeweils mit dem Flugzeug («Dann buchte er einen Platz für den nächsten Flug nach Genua um 14 Uhr»). Dies, obwohl Genua ab dem sizilianischen Siracusa ohne Umsteigen auch mit dem Nachtzug erreichbar wäre. Ich würde wohl abwechseln.

Sie sehen: Die Lektüre der Krimis von Commissario Montalbano animiert zum Rauchen, zum Genuss von Alkohol, zu ausgedehntem Fisch- und Fleischkonsum sowie zum unnötigen Fliegen. Rauchen und Alkohol wird bereits heute mit übertriebenen Werbeverboten und sonstigen Restriktionen begegnet. So wie es aussieht, dürften Fleischkonsum und Fliegen wohl bald ähnlich bekämpft werden. Jedenfalls wird in dieser Hinsicht gegenwärtig kräftig die Moralkeule geschwungen: Wer Fleisch isst, handle gegenüber der Umwelt verantwortungslos und wer fliege, soll sich schämen («Flugscham»).
Viele dieser teilweise militanten Bestrebungen, uns Menschen zu einem bestimmten Verhalten erziehen zu wollen, schiessen über das Ziel hinaus. Manchmal habe ich den Eindruck, jedes Augenmass sei verloren gegangen. Die Lektüre der Krimis von Camilleri ist auch deshalb ein Hochgenuss, weil Montalbano sich wohltuend solchen Entwicklungen widersetzt. Wie gut, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese Bücher einer Zensur zu unterwerfen!