Milder Winter
Varroa-Milbe bedroht die Völker: Kommt bald das grosse Bienensterben?

Die warmen Temperaturen diesen Winter stören die normale Aktivität der Bienenvölker – und stärken Parasiten wie die Varroa-Milbe. Der Präsident des kantonalen Bienenzüchterverbandes Solothurn, Max Tschumi, weiss, wie die Imker dagegen ankämpfen müssen.

Noelle Karpf
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Ungewöhnlich: Das fleissige Volk ist bereits in den Wintermonaten unterwegs, um Wasser und Pollen zu sammeln.

Ungewöhnlich: Das fleissige Volk ist bereits in den Wintermonaten unterwegs, um Wasser und Pollen zu sammeln.

Hanspeter Bärtschi

Eigentlich sei er ja Nichtraucher, sagt Max Tschumi, und zündet sich eine dicke Zigarre an. «Aber der Rauch verpasst den Bienen einen kurzen Schock.» Eine Schutzhaube, wie sie typisch für einen Imker ist, trägt der Rentner an diesem ungewöhnlich warmen Februar-Tag hingegen keine.

Persönlich

Max Tschumi ist Präsident und Ehrenmitglied des Solothurner kantonalen Bienenzüchterverbandes. Ausserdem ist er Bieneninspektor und Imkerberater. Er züchtet Königinnen und kümmert sich um seine Bienenwagen. Er besitzt zwei in Rüttenen und einen in Solothurn. Bei Bedarf liefert er anderen Imkern der Region neue Bienenschwärme. Der Rentner macht nach eigenen Angaben «also eigentlich alles, was mit Bienen zu tun hat». (nk)

Er wechselt die Futterwaben für die Bienenvölker in seinem Standwagen in Rüttenen aus und betrachtet zufrieden, wie die Tiere ein- und ausfliegen.

«Dieses Wetter ist perfekt für die Bienen», meint Tschumi. «Sie können Wasser und Pollen sammeln und sich um die Brut kümmern», erklärt er. In dieser Zeit würden sie auch ihre Kotblasen leeren, die über mehrere Monate hinweg gefüllt waren. 12 Grad im Februar sind günstig für das summende Volk – genauso wie für Parasiten, leider.

Max Tschumi vor einem seiner Bienenwagen in Rüttenen. Hier herrscht schon reger Betrieb.

Max Tschumi vor einem seiner Bienenwagen in Rüttenen. Hier herrscht schon reger Betrieb.

Hanspeter Bärtschi

Vor allem ein Schädling dürfte die Imker dieses Jahr beschäftigen: «Das gibt ein Varroa-Jahr», sagt der Präsident des kantonalen Bienenzüchterverbandes Solothurn voraus. Und: Wenn ein Imker nicht richtig reagiere oder vorsorgt, könnte ein ganzes Bienenvolk infolge Futterknappheit während des warmen Winters verhungern.

Der Schädling fliegt mit

Bei der Varroa handelt es sich um eine kleine Milbe, die sich auf einer ausgewachsenen Biene festsetzt und diese als Transportmittel gebraucht. So kann dieser Schädling in die Brutzellen eindringen und den jungen Bienenlarven das Blut aussaugen. Diese schlüpfen dann mit verstümmelten Flügeln, weshalb sie nachträglich vom Volk ausgeschlossen werden.

Ist keine Brut vorhanden, werden die ausgewachsenen Winterbienen von der Varroa gestochen, sodass eine offene Wunde steht. Die gestochenen Tiere fliegen aus dem Bienenstock und sterben kurze Zeit später.

Die kleinen Parasiten können durch die Verdampfung von Ameisensäure erfolgreich bekämpft werden. Laut Max Tschumi sollte bereits im Sommer die erste Behandlung eines Bienenvolkes erfolgen. Im Winter, wenn sich der Bienenstamm aufgrund der Kälte zurückzieht und ruht, kann der ganze Stand erneut behandelt werden.

Der Imker kontrolliert seine Waben.

Der Imker kontrolliert seine Waben.

Hanspeter Bärtschi

Zu dieser Jahreszeit gibt es in einem Bienenhaus normalerweise keine Brutwaben: «Eigentlich», so der Präsident des kantonalen Bienenzüchterverbandes, «beginnen die Königinnen ab dem 25. Januar frische Eier zu legen.» Eigentlich – denn in diesem Winter berührten die Temperaturen selten den Nullpunkt. In der Folge kamen die Bienen nicht zur Ruhe.

Aufgrund der milden Wintermonate zogen sich die Bienen nicht zur sogenannten Wintertraube zurück, sondern blieben mehr oder weniger den ganzen Winter hindurch aktiv.

Auch die Königinnen der einzelnen Stämme machten keine Pause: Sie füllten den Winter hindurch Brutzellen mit Eiern. Wegen dieser regen Aktivität ist die Bekämpfung und Kontrolle der von den vorhergehenden Behandlungen übrig gebliebenen Varroa-Milben dieses Jahr aufwendiger als zuvor.

Bei bereits infizierten Bienenvölkern kann auch Experte Max Tschumi keine Winterbehandlung mit Oxalsäure vornehmen, da die Winterbienen, die sich um den Nachwuchs kümmern, die Brutzellen, die von der Varroa befallen sind, bereits verschlossen haben.

Das Imkern ist strenger geworden

Um das Aussterben seines ganzen Bienenvolkes zu verhindern, untersucht der Experte seine Stände jetzt regelmässig auf Varroa-Milben. Dazu hat er unter den einzelnen Bienenstöcken in seinem Wagen ein Gitter und ein Blatt weisses Papier gelegt. Fallen pro Tag mehr als drei Milben durch das Gitter und auf das Blatt, wo sie von Auge gut zu erkennen sind, so ist eine Behandlung mit Ameisensäure dennoch notwendig.

Die Arbeit eines Imkers heutzutage sei nicht mehr vergleichbar mit dem geringen Aufwand, den ein Imker früher noch betreiben musste. Damals gab es jeweils eine Saison im Jahr, in der Honig geerntet und die Bienen gepflegt wurden. Heute muss sich der Imker das ganze Jahr über um seine Bienen kümmern.

Wer das richtig macht, kann laut Max Tschumi auch heute verhindern, dass seine Bienen krank werden, und Honig ernten. Und solange man dieses Jahr die richtige Menge Winterfutter gegeben habe, sollte es eigentlich nicht zu Engpässen kommen. «Nur über den Haufen neuer Arbeit jammern hilft nicht», fügt der Rentner an.

«Ein Imker ist dazu verpflichtet, seine Stämme gesund zu halten», erklärt der Experte. Es gäbe aber viele, die sich der Komplexität dieser Tätigkeit nicht richtig bewusst seien und auf Kontrollen und Behandlungen verzichten würden. «Die Bienenzucht ist derzeit im Trend – einige sehen sich den Film ‹More than Honey› an und wollen gleich selber Imker werden. Aber zu diesem Beruf gehört einfach mehr», sagt Tschumi.

Wenn Bienen erkranken, geschehe dies, weil der Imker sich nicht richtig um die Stämme kümmere. Einfach einen Kurs zu besuchen, reiche eben nicht aus. «Es dauert mindestens fünf Jahre, bis einer das Handwerk richtig beherrscht», meint Max Tschumi. Jedes Jahr könne sich die Population anders entwickeln.

Gefährliche «Sauerbrut»

Was muss ein Imker tun, wenn sich seine Tiere infizieren? Durch die Varroa-Milben kann zum Beispiel die «Sauerbrut» ausbrechen, von der innert kürzester Zeit ein ganzes Volk betroffen ist. Die Krankheit wird schnell auch auf Bienen in einem anderen Häuschen übertragen und ist deshalb sehr gefährlich.

Laut dem Experten komme in einem solchen Fall eine «Schwefelbombe» zum Einsatz, mit welcher der Stamm ausgerottet wird. «Innerhalb von zehn bis fünfzehn Sekunden sind die Bienen dann tot», weiss Max Tschumi. «Dann werden die Bienenwaben in der Müllverbrennungsanlage entsorgt.» Daraufhin müssten die Bienenstände gereinigt und saniert werden.

60 Jahre Erfahrung

Nach der Ausrottung der Tiere müsse der Imker aus einem seiner «Reservevölker» einen neuen Stamm züchten. Dasselbe könne auch mit einem wilden Schwarm gemacht werden, der auf Anfrage von Max Tschumi geliefert wird. «Letztes Jahr habe ich 24 Stück geholt», erzählt der Präsident des kantonalen Bienenzüchterverbands. «Mit der Feuerwehr und einer Drehleiter.» Er selbst habe vier solcher «Ersatzschwärme» bereit. Das reiche für Notfälle aus.

Er muss es wissen: Schon als Zehnjähriger habe er mit Bienen zu tun gehabt. «Und jetzt bin ich siebzig Jahre alt.» Dem Profi kann heute kein Bienenstich mehr etwas anhaben – oder 20, wie er sagt. «So etwas macht nichts», meint er grinsend, als ihn eine Biene sticht. Das würde er ertragen. Ein anderer wäre schon längst zu Boden gegangen.

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