Man trifft sich im Restaurant Post in Rüttenen. Rolf Hasler ist letztes Jahr von der Stadt nach Rüttenen gezogen, und in der Beiz vor Ort zu verkehren und somit seinen kleinen Teil zum Fortbestand beizutragen, ist für ihn Ehrensache. Genau wie das Engagement in der Gewerkschaftsbewegung. Gewerkschafter ist Hasler vielleicht nicht so lange, wie er zurückdenken kann, aber seit er Teil der Arbeitswelt ist.

Und das sind nun schon über 40 Jahre, nächstes Jahr im Juni wird er pensioniert. «Früher war es selbstverständlich, als Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglied zu sein, das war ein Stück Kultur der Arbeitswelt, das ist heute etwas verloren gegangen», sagt der langjährige Solothurner VPOD-Präsident. Die Gewerkschaftsbewegung, das ist für ihn «die Heimat aller Arbeitnehmer». Darum sehe er auch kein Ausländerproblem, scherzt Hasler.

Er war immer und ist ein Mann der Basis geblieben. Nach der Schule absolvierte er eine Buchdruckerlehre. Aber eigentlich wollte er immer Psychiatriepfleger werden, was er nun auch seit 40 Jahren ist. «Ich weiss eigentlich selber nicht warum. Ich kann gut mit schwierigen Leuten umgehen, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen ist etwas vom Schönsten, das es gibt.»

Jedenfalls habe er den Entscheid nie bereut, die zweite Ausbildung anzupacken, als das mit 20 möglich war. Heute arbeitet er im Wohnheim Wyssestei der Solodaris Stiftung in Solothurn.

Aus der Demo kommt die Kraft

So sehr er seinen Beruf liebt, an die Nieren gehen kann er schon. Wenn Hasler am nächsten Dienstag an der 1.-Mai-Feier in Solothurn teilnimmt, dann ist das für ihn auch Regeneration. «An diesem Treffen unter Gleichgesinnten kann ich auftanken, das gibt mir Kraft.»

Klassenkampf als Erholung quasi, obwohl Hasler auch am 1. Mai alle Hände voll zu tun hat: Er läuft nicht einfach mit, er ist seit rund 20 Jahren Präsident des 1.-Mai-Komitees, also der «Tätschmeister» der Feier in Solothurn. Und er schwärmt heute wie als Jüngling von dieser «besten Plattform für die Linke, die es gibt», von dieser «wunderbaren Mischung aus Politik, Kulinarik und Kultur».

Was er sich wünschen würde: Dass auch wieder mehr SP-Mandatsträger diese Plattform nutzen und sich an den Feiern zum Tag der Arbeit zeigen, «sich auf ihre Wurzeln besinnen».

Hasler selber ist als Gewerkschafter auch eingeschriebenes Parteimitglied, hat aber abgesehen von vier Jahren im Gemeinderat seiner früheren Wohngemeinde Biberist nie eine politische, will heissen parlamentarische Karriere neben dem Gewerkschaftsengagement angestrebt. Er habe sich zwischen der Politik und der Musik entscheiden müssen, so Hasler.

Er tritt mit den «Les Amis du Jura» und den «Wöschchuchi Serenaders» an der Tuba und am Waschzuberbass auf – Folk, Blues, «Handrockpop». Klingt nach viel Spass. «Man muss Spass an der Sache haben», gilt für Hasler auch, wenn er sich für die Interessen des Personals im Öffentlichen Dienst ins Zeug legt. Er ist ein ernsthafter, aber kein humorlos verbissener Gewerkschaftskämpfer. In der Solothurner Altstadt sah man ihn schon mal als Pfarrer verkleidet den Sozialstaat begraben oder als Chefarzt einen Patienten mit dem Hammer narkotisieren, um gegen den Abbau im Service public zu demonstrieren.

Gegen die neue Feudalherrschaft

Ämter an vorderster Front hatte Hasler beim VPOD schon seit den späten 1980er-Jahren inne. Er war etwa dabei, als man an den Solothurner Spitälern in den frühen 90ern eine Protestpause einlegte, um sich die tageweise Kompensation von Überstunden zu erstreiten – was wegen des Streikverbots damals ein riskantes Unterfangen war. In bester Erinnerung ist ihm natürlich die Lohnklage des Pflegepersonals um die Jahrtausendwende: Als einer, der ja selber in einem typischen Frauenberuf arbeite, habe er selber profitiert. «Auf einmal ging es mir gut, konnte ich mir Ferien mit der Familie leisten.»

Das Präsidium der Solothurner VPOD-Sektion hat Hasler in diesen Tagen nach 15 Jahren abgegeben. Dass es nun gar keinen eigenen Sektionsvorstand, sondern nur noch den Regionalvorstand Aargau-Solothurn gibt, hat nicht nur strategische Gründe. Es ist ein Stück weit auch dem Umstand geschuldet, dass sich schlicht nicht mehr genügend Leute für ein Engagement finden liessen. Rolf Hasler hält das aber nicht unbedingt für ein gewerkschaftsspezifisches Problem.

Man sehe es ja auch in der Gemeindepolitik, es werde immer schwieriger, Leute für Milizämter zu gewinnen. Ein Grund steht für ihn fest, und da wird aus dem humorvollen Erzähler dann wieder der ernste Klassenkämpfer: «Die Politik verliert immer mehr an Macht, die Welt wird von Milliardären und Grosskonzernen bestimmt. Wir müssen gegen den Rückfall in eine Feudalherrschaft und für eine gerechtere Verteilung des Kapitals kämpfen.» Und deshalb wird Rolf Hasler auch weiter am 1. Mai auf die Strasse gehen.