Uraufführung in Solothurn
Theaterstück «Ferferi» - Vorurteile sind Dämonen

Standing Ovations für die Uraufführung von «Ferferi» von und mit Atina Tabé am Tobs in Solothurn.

Angelica Schorre
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Atina Tabé spielt und ist Ferferi.

Atina Tabé spielt und ist Ferferi.

Joel Schweizer

«Das süsse Leben». So heisst das Ein-Frau-Unternehmen der taffen Bäckerin Ferferi mit persischen Wurzeln, die sich ihre Umwelt mit Ironie auf Distanz hält. Sie scheint im Leben hier in der Schweiz angekommen zu sein. Doch sie kann den Führerschein nicht machen, da ihr die Papiere fehlen. Den Spruch, sie sei gar nicht so wie andere Ausländer, kann sie nicht mehr hören. Und sie glättet jeden Tag ihre Lockenpracht, um ernstgenommen zu werden.

«Ferferi. Vom Ankommen und Fernbleiben.» So der Titel des Theaterstücks und eigentlichen Ein-Frau-Unternehmens, das in Solothurn uraufgeführt wurde: Autorin und alleinige Darstellerin ist Atina Tabé, langjähriges Mitglied des Tobs-Ensembles.

Schlicht grossartig und zauberhaft

Atina Tabé ist in Teheran geboren; sie flüchtete als kleines Mädchen während der islamischen Revolution mit ihrer Familie nach Deutschland. Das Stück mag autobiografische Züge haben, doch Tabé thematisiert mit der fiktiven Figur der Bäckerin latenten Rassismus und Ausgrenzung, lässt Erinnerungen wie in einem Bilderbuch wach werden, singt sich Wut und Sehnsucht aus dem Leib. Und das schlicht grossartig, mitreissend – und zauberhaft.

Vorurteile helfen dem Gehirn, Dinge leicht einzuordnen. «Aber sie sind Dämonen», lässt sie die Bäckerin Ferferi sagen. Und sie erzählt von ihrer Begegnung, spielt die Begegnung mit Neonazis, die glimpflich abläuft. Aber die stolze Frau hatte Todesangst. «Dann musste ich backen, bis der Arzt kommt. Ich muss mich durchs Leben backen.»

Ihre Erinnerungen an früher werden in von Tabé selbst gemalten Bildern an eine Wand projiziert. Sie kann zum Beispiel im fremden Land die Strassennamen nicht lesen. Früher hatte sie sich über ihren Geruchssinn orientiert: «Links am Jasminduft vorbei geht’s zu meiner Tante.» Zur Tante, bei der Süsses und Umarmungen auf das Mädchen warten. Oder es wird an ihren lustigen Schulfreund Björn erinnert, dessen Eltern ihm den Umgang mit ihr verboten haben. An angstvolle Nächte, in denen das Kind sich zum Trost selbst vorsang.

Auf Augenhöhe

Die sehnsuchtsvollen, persischen Lieder öffnen Fenster in eine sinnliche, orientalische Welt. Das von Tabé selbst geschriebene Lied erzählt vom Wind, der weiter weht, egal was geschehen ist (Vertonung: Olivier Truan). Wut, aber auch Resignation im Chanson «Je veux pleurer comme Soraya».

Im Verlauf des Stücks verliert die Bäckerin Ferferi zunehmend ihre ironische Distanz, aber nicht ihren Humor. Sie will nicht mehr alles Persische an ihr wie ihre Locken verstecken («Ferferi» heisst Löckchen). Sie will den Führerschein, sie will einen Pass. Sie will die Angst nicht mehr, zurückgeschickt zu werden. Sie will auf Augenhöhe wahrgenommen werden.

Tabé spannt geschickt den Bogen von der heiteren Bäckerei «Das süsse Leben» bis zum Goethe-Lied am Schluss: «Wer nie sein Brot mit Tränen ass (…), Ihr lasst den Armen schuldig werden, Dann überlasst ihr ihn der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.» Aber dem trockenen Staub des Brotmehls der Bäckerin ist eine gehörige Portion Sternenstaub beigemischt.

(Szenische Einstudierung: Katharina Rupp; Bühnenbild: Vazul Matusz; Dramaturgie: Svea Haugwitz.)

Vorstellungen: Sa 25.9. 19 Uhr; Do 14.10. 19.30 Uhr; Fr 22.10. 19.30 Uhr; So 28.11., 17 Uhr; Di 7.12., 19.30 Uhr

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