Hochwasserschutz
Unterlauf der Emme: Ein Biest wird für viel Geld gebändigt

73 Millionen Franken kostet der Schutz des Emme-Unterlaufs zwischen Biberist und der Aaremündung in Derendingen. Lässt sich die Kraft des Wassers kontrollieren?

Sven Altermatt
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Die Visualisierung zeigt, wie sich der Emme-Unterlauf in Derendingen verändern soll. Verbauungen und Revitalisierung werden die Ufer zu einem Erholungsgebiet formen.

Die Visualisierung zeigt, wie sich der Emme-Unterlauf in Derendingen verändern soll. Verbauungen und Revitalisierung werden die Ufer zu einem Erholungsgebiet formen.

Visualisierung: Virtix/AfU

Die Emme hat zwei Gesichter. Sanft und unscheinbar das eine, dunkel und hinterlistig das andere. Eine richtig hässliche Fratze. Über Monate bildet dieser Fluss ein fast armseliges Rinnsal, das zwischen den Kiesbänken plätschert. Und dann bricht die Emme los.

«Grau und grausig aufgeschwollen durch hundert abgeleckte Bergwände, stürzt sie aus den Bergesklüften unter dem schwarzen Leichentuche hervor.»

Alle paar Jahre, das wusste schon Jeremias Gotthelf, wälzt sich der Fluss mit einer immensen Wucht durchs Tal. Im 19. Jahrhundert wurde die Emme begradigt und kanalisiert. Das Ungestüm sollte im Zaum gehalten werden. Doch der Fluss ist unberechenbar geblieben, trotz oder gerade wegen der Eingriffe.

So sieht der Emme-Unterlauf heute aus

So sieht der Emme-Unterlauf heute aus

AZ

24. Juli 2014. Heftige Niederschläge überfallen das obere Emmental, innert zwei Stunden fallen hundert Liter Regen pro Quadratmeter. Im beschaulichen Schangnau tritt die Emme über die Ufer. Eine stinkende, braune Brühe bahnt sich ihren Weg, überschwemmt Bauernhöfe und Häuser. Familien verlieren ihr Zuhause. Wie Spielzeuge werden Autos durchs Dorf geschleudert. Später werden die Schäden auf einen zweistelligen Millionen-Betrag geschätzt.

4,8 Kilometer bis zum Ziel

Die Wassermassen schiessen talwärts, reissen vier, fünf Meter lange Bäume mit und ergiessen sich schliesslich bei Luterbach in die Aare. Von grossen Schäden bleibt der Kanton Solothurn verschont. «Noch haben die Hochwasser-Schutzbauten ihren Dienst erfüllen können», sagt Roger Dürrenmatt vom Solothurner Amt für Umwelt. «Wasserbau» nennt sich das Dossier des Forstingenieurs. Ein Millionengeschäft.
2005 verursachte das Emme-Hochwasser auch hier immense Schäden. Danach hegten Solothurn und Bern ehrgeizige Pläne für den Flutschutz. Ein Hauptproblem war: Oft reichte das eigene Herrschaftsgebiet nicht weit genug, die Anstrengungen endeten an der Kantonsgrenze. «Heute denken die Berner Kollegen sehr langfristig», lobte Führungsstabchef Diego Ochsner im Juli. Lange wurde ein gemeinsames Krisenmanagement vermisst, nun bezeichnete Ochsner die Zusammenarbeit der beiden Kantone als «eng und unkompliziert». Das Flussbett zwischen der Berner Kantonsgrenze und dem Wehr Biberist ist seit 2012 breiter, die Schutzdämme sind höher.

Allein, das Hochwasser im Juli war für die Bauten keine wirkliche Bewährungsprobe. «Das Emmental erlebte ein Ereignis, wie es statistisch nur einmal in 300 Jahren vorkommt», erklärt Dürrenmatt. Der Kanton Solothurn jedoch sei nur von einem zehnjährigen Hochwasser getroffen worden. «Nur!» Die Finger des Ingenieurs malen Gänsefüsschen in die Luft. Auch wenn im oberen Teil der Emme zünftig eingegriffen wurde, ist dem Hochwasserschutz noch nicht genüge getan. Dürrenmatt: «Im unteren Teil sind wir jetzt gefordert.»

Raum für Fische und Pflanzen

Flutschutz ist das eine, ökologische Aufwertung das andere. Die Emme muss zwischen Biberist und der Aaremündung nicht nur besser vor Hochwasser geschützt werden, der Fluss soll sich hier auch revitalisieren können. Ziel dabei ist vor allem eine bessere Strukturvielfalt. Konkret heisst das:

Zwei Initialgerinne stellen die Überflutung der Auenwälder sicher. Dabei werden Rinnen geschaffen, in die der Flusslauf umgeleitet wird.
Ein Hinterwasser dient als Aufenthaltsort für Jungfische, Stillgewässer als Lebensraum für Amphibien.
Dank Fischtreppen sollen die vier Flusskraftwerke umwandert werden können.

Im modernen Hochwasserschutz wird der natürlichen Rückhaltung von Wasser grosse Bedeutung zugemessen. Während Jahrhunderten wurden Flüsse zurückgedrängt. Heute sollen verbaute Flüsse wieder zu freien Flüssen werden – gefördert mit üppigen Subventionen des Bundes. (sva)

Um das zu verstehen, lasse man seinen Blick auf der Emmenbrücke in Biberist von Süden nach Norden schweifen. Im Süden ist das Flussbett erheblich breiter. Kiesbänke sind zu sehen, Dämme scheinen deutlich markanter. «Ein verlässlicher Hochwasserschutz», meint der Experte zufrieden. Bald soll das auch im unteren Teil der Emme so sein. Doch der Weg dahin ist mühsam, und es geht nur langsam voran. 4,8 Kilometer lang ist die zweite Etappe, das Teilstück bis zur Aaremündung. Fachleute haben hier «erhebliche Defizite» ausgemacht: zu geringe Abflusskapazität, mögliche Verstopfungen bei Brücken, drohende Dammbrüche. Kurz, die Folgen eines schweren Hochwassers könnten fatal sein. Noch immer.

Viel Wald verschwindet

Amt für Umwelt in Solothurn. Im grossen Konferenzraum hat Roger Dürrenmatt die neusten Pläne ausgebreitet, seit ein paar Tagen werden diese auch öffentlich aufgelegt. Was da vor ihm auf dem Tisch liegt, ist ein Beispiel dafür, wie Hochwasserschutz heute funktioniert. Viele Massnahmen sind teuer. Und ein Patentrezept gegen die grösste Naturgefahr der Schweiz gibt es nicht. Erfolg verspricht zumindest eine Kombination aus Renaturierung, technischen Vorkehrungen und Vorsorge. Die Emme braucht vor allem eines: mehr Platz. Das heute 25 Meter breite Flussbett am Unterlauf wird bis 2022 im Minimum um 15 Meter verbreitert.

Im Emmeschachen wird der Fluss sogar 60 Meter breit. Hier soll das möglich sein, was als «eigendynamische Entwicklung» bezeichnet wird: Die Emme darf abtragen und ablagern, die Natur kann sich entfalten. Das enge Korsett wird gelockert, damit der Geschiebehaushalt des Flusses im Gleichgewicht bleibt.

Wo Verbreiterungen nicht ausreichen, werden Dämme gebaut. Zudem müssen sieben Brücken gesichert und Uferverbauungen saniert werden. 245 000 Quadratmeter Wald werden für die Bauarbeiten entlang des Flussufers gerodet. Eine riesige Fläche. Natürlich würden Narben entstehen, bestätigt Dürrenmatt: «Diese verheilen nach Aufforstungen wieder. Mittelfristig wird sich die Situation bestimmt normalisieren.» Der grosse Teil der Waldflächen befindet sich im Besitz der Bürgergemeinden, Proteste sind trotzdem nicht ausgeschlossen.

Kosten: 73 Millionen Franken

Nach aktuellen Schätzungen wird das Projekt insgesamt 73 Millionen Franken kosten. 90 Prozent übernehmen Bund und Kanton, den Rest teilen sich die Gemeinden Biberist, Gerlafingen, Zuchwil und Luterbach. Bereits vor zwei Jahren wurde bekannt, dass das Projekt doppelt so teuer wird wie ursprünglich geplant. Fast die Hälfte der Kosten verschlingen nämlich die Sanierungen der alten Kehrrichtdeponien in Derendingen und Zuchwil sowie die Sanierung der Bioschlammdeponie auf dem «Papieri»-Areal in Biberist. Der Müll in den drei Deponien – rund 120 000 Kubikmeter Material – muss ausgehoben und entsorgt werden. Die Gruben werden als Überflutungsflächen für die Emme offen gelassen. Darin sollen Weichholz-Auen entstehen.

In Biberist wird auch die Besitzerin des «Papieri»-Areals einen Teil der Sanierung bezahlen müssen. «Wir stehen im Gespräch mit den Behörden», bestätigt Michele Muccioli von Hiag Immobilien. Weitere Details seien noch nicht spruchreif. Derweil beobachten Spaziergänger in Derendingen regelmässig eine rostige Flüssigkeit im Fluss. Bei tiefem Pegelstand werde Deponiesickwasser sichtbar, heisst es beim Amt für Umwelt: «Der Rost ist aber ungefährlich.» Bis Ende 1978 wurde Müll hier unmittelbar an der Ufermauer abgelagert.

Neues Gesicht für die Emme

An ausgefeilten Plänen mangelt es nicht. Die Emme braucht mehr Raum, auch zwischen Biberist und der Aaremündung. Bis zu 650 Kubikmeter Wasser pro Sekunde sollen in diesem Abschnitt künftig abfliessen können. «Damit sind wir für ein Jahrhundert-Ereignis gerüstet», erklärt Projektleiter Roger Dürrenmatt. Heute drohen Ausuferungen vereinzelt schon bei einem Abfluss von 300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde.

In Geld lässt sich der Nutzen der geplanten Massnahmen so ausdrücken: Für jeden investierten Franken kann das finanzielle Risiko um 1.53 Franken gesenkt werden. Gewinner sei nicht nur die Natur, sagt Dürrenmatt, sondern auch die Bevölkerung – und zwar in doppelter Hinsicht: «Die Emme wird 2022 völlig anders aussehen.» Was sich heute zumindest an den Ufern als wenig einladend präsentiert, soll zu einem attraktiven Erholungsgebiet geformt werden.