Menschenhandel
Unter den Opfern sind auch männliche Sexarbeiter

Für die zehn Festnahmen von Menschenhändler waren intensive Ermittlungen nötig. Es war ein ungewöhnlicher Fall. Denn sowohl unter den Tätern als auch unter den Opfern waren Männer.

Bastian Heiniger
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Etwa ein Drittel der Opfer ist nicht weiblich, sondern männlich. (Archiv)

Etwa ein Drittel der Opfer ist nicht weiblich, sondern männlich. (Archiv)

Keystone

Zehn mutmassliche Menschenhändler hat die Polizei festgenommen, berichtete diese Zeitung Anfang Woche. Es ist im Kanton Solothurn der grösste Schlag gegen Menschenhandel in den letzten Jahren – das bestätigt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Es ist aber auch ein ungewöhnlicher Fall: Einerseits wurde kantonsübergreifend und zusammen mit internationalen Organisationen ermittelt. Andererseits sind Männer und Frauen betroffen, und zwar als mögliche Täter wie auch als Opfer. Derzeit laufen 19 Strafverfahren. Wegen Förderung der Prostitution, Menschenhandels sowie Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz und gegen das Ausländergesetz.

Wie immer in laufenden Verfahren bleiben Informationen der Behörden rar. Fakt ist: Im Kanton Solothurn wurden acht Personen festgenommen und in Basel zwei Frauen im Alter von 60 und 62 Jahren. Zu den Opfern gehören laut Staatsanwaltschaft 21 Personen aus Thailand. Betroffen sind nicht nur Sexarbeiterinnen, sondern auch Sexarbeiter. Auf Anfrage teilt Jan Lindenpütz, Sprecher der Staatsanwaltschaft, nun mit, dass etwa ein Drittel der Opfer männlich ist.

Und: «Unter den Opfern gibt es auch Personen, die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können», so Lindenpütz. Rund sieben Personen sind also männlich. Dazu kommen noch weitere, die als Transgender leben. Menschen also, die zwar biologisch mit einem Geschlecht geboren sind, sich aber zum anderen zugehörig fühlen.

Rekrutierung läuft international

Dass auch Männer und Transgender Opfer von Menschenhandel werden, kommt zwar selten vor, ist jedoch nicht unüblich. Dass es in einem Fall so viele sind, aber schon. Die in Zürcher angesiedelte Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) ist jährlich etwa mit 200 Fällen von Menschenhandel konfrontiert. Sie betreut auch Fälle aus Solothurn. Etwa fünf Prozent der Betroffenen sind Männer und Transgender, sagt FIZ-Leiterin Susanne Seytter.

Besonders sei aber auch die hohe Anzahl involvierter mutmasslicher Täter. Allerdings geht Seytter nicht davon aus, dass es sich um eine mafiöse Organisation handle. Vielmehr seien es oft einheimische und ausländische Netzwerke, die für Rekrutierung, Dokumentebeschaffung und Transport teilweise zusammenarbeiteten. Nicht aber unter einer gemeinsamen Leitung stünden.

Das bestätigt die Staatsanwaltschaft: «Gemäss unseren Ermittlungen gibt es in diesem Fall weder in der Schweiz noch in Thailand eine kriminelle Organisation mit hierarchischen Strukturen.» Vielmehr gehe es um einzelne kleinere und lose Netzwerke.

Hoher Personaleinsatz erforderlich

Susanne Seytter Leiterin FIZ «Sind die Opfer dann in der Schweiz, werden sie oft durch die verschiedenen Kantone von Bordell zu Bordell gereicht.»

Susanne Seytter Leiterin FIZ «Sind die Opfer dann in der Schweiz, werden sie oft durch die verschiedenen Kantone von Bordell zu Bordell gereicht.»

ZVG

Viel Personal stand auch in Basel im Einsatz. Laut Peter Gill, Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft, ist im Herbst aufgrund verschiedener Hinweise eine zwölfköpfige Sonderkommission eingerichtet worden. Gegenüber der «Tageswoche» sagt er: «Eine solche Soko bilden wir, wenn es sich um einen besonders komplexen Fall handelt, der mehrere Fachbereiche tangiert.» In diesem Fall hätten sich etwa Spezialisten aus den Bereichen Sexualdelikte, Kriminaltechnik und Finanzdelikte sowie aus der Milieufahndung beteiligt.

Die kriminellen Netzwerke zu sprengen sei extrem schwierig, sagt Susanne Seytter von der FIZ. Die Behörden müssten länderübergreifend arbeiten. Denn: Menschenhändler tun das auch. Um die Sexarbeiterinnen in ihren Heimatländern zu rekrutieren, brauche es immer Leute, die sich vor Ort auskennen. «Sind die Opfer dann in der Schweiz, werden sie von Menschenhändlern oft durch die verschiedenen Kantone von Bordell zu Bordell gereicht.»

Nur: Wie kommen die Thailänderinnen überhaupt in die Schweiz? Gemäss Medienmitteilung waren die Opfer illegal in der Schweiz anwesend. Und für die Einreise brauchen Thailänder ein Visum. Das Staatssekretariat für Migration weist auf Anfrage darauf hin, dass die Frauen auch mit einem Visum aus einem Schengenstaat einreisen könnten.

Sie dürften somit drei Monate bleiben, könnten dann aber wieder erneut einreisen. Es komme aber auch vor, dass sie gefälschte Pässe oder gefälschte Aufenthaltsbewilligungen besässen.

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