Standortpolitik
«Unsicherheit ist Gift»: Anfragen ausländischer Firmen gehen zurück

Die Verunsicherung über die Ausländer- und Steuerpolitik der Schweiz löst bei Unternehmen grosse Unsicherheit aus – und bringt das Ansiedlungsgeschäft ins Stottern. Die Anfragen aus dem Ausland nehmen deutlich ab.

Franz Schaible
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Sonja Wollkopf Walt und Karl Brander sorgen sich um die gefährdete Standortqualität.

Sonja Wollkopf Walt und Karl Brander sorgen sich um die gefährdete Standortqualität.

Bruno Kissling

«Der Lack ist am Abbröckeln», sagt Sonja Wollkopf Walt. Die Geschäftsführerin der Standort-Marketingorganisation Greater Zurich Area (GZA), zu der auch der Kanton Solothurn zählt, sieht den Standort Schweiz in Bedrängnis. Die Verunsicherung über die Auswirkungen mehrerer politischer Vorstösse und Entscheide an der Urne auf den Wirtschaftsstandort sei hoch. Das Spektrum reiche von der Minder-Initiative, Masseneinwanderungsinitiative über die Unternehmenssteuerreform III bis hin zur Abstimmung über die Ecopop-Initiative vom Sonntag. «Diese Unsicherheit ist Gift für Ansiedlungsentscheide», berichtet Wollkopf. Unternehmen und ihre Berater stellten sich zunehmend die Frage, ob die Schweiz weiterhin der ideale Standort sei. «Wir beobachten, dass sich die Firmen abwartend verhalten, weil die Rahmenbedingungen für die mittelfristige Zukunft nicht mehr klar genug definiert werden können.»

Die Verunsicherung widerspiegle sich in abnehmenden Anfragen ausländischer Firmen und auch deutlich weniger Ansiedlungen im ersten Halbjahr 2014. Im von der GZA abgedeckten Grossraum, der neben Zürich auch die Kantone Glarus, Graubünden, Schaffhausen, Schwyz, Zug und eben Solothurn umfasst, verzeichnete die Standortmarketingorganisation 26 Neuansiedlungen. Im gleichen Zeitraum 2013 waren es noch 37 ausländische Firmen, die sich in der GZA-Region niederliessen.

600 Arbeitsplätze für Solothurn

Dieser Trend sei auch im Kanton Solothurn auszumachen, ergänzt Karl Brander, Leiter Standortpromotion und Ansiedlungen bei der kantonalen Wirtschaftsförderung. «Wir hängen an derselben Nabelschnur. Die Anfragen ausländischer Interessenten sind um rund 30 Prozent zurückgegangen.» Das Ansiedlungsgeschäft werde im laufenden Jahr gegenüber dem «sehr guten 2013» schlechter ausfallen. Dagegen seien Anfragen aus anderen Kantonen ungefähr gleichauf.

Für das vergangene Jahr meldete die Wirtschaftsförderung insgesamt neun Ansiedlungen. Davon kamen sechs Firmen aus dem Ausland, drei davon wurden durch die GZA vermittelt. Insgesamt sollen diese Ansiedlungen mittelfristig über 600 Arbeitsplätze ins Solothurnische bringen. Allerdings sind die Job-Zahlen mit Vorsicht zu geniessen, denn sie basieren auf Angaben respektive Absichten der Firmen. Jährlich über die Entwicklung der Arbeitsplätze müssen nur jene Firmen rapportieren, welchen Steuererleichterungen gewährt wurden. Und das seien sehr wenige, sagt Brander.

Bei den Angaben zu den Arbeitsplätzen handle es sich um jene im ersten Geschäftsjahr, ergänzt Wollkopf für die durch die GZA vermittelten Ansiedlungen. Die Angaben für die Folgejahre basierten jeweils auf den Businessplänen. Zurzeit laufe eine Studie über die Nachhaltigkeit des GZA-Ansiedlungsgeschäftes in den vergangenen Jahren. Die Resultate lägen noch nicht vor, aber ein Fazit kann Wollkopf schon ziehen: «90 Prozent der Unternehmen sind noch in unserem Wirtschaftsraum. Das bedeutet, wir haben die richtigen Firmen ‹geholt›.»

Bauchweh wegen Ausländerpolitik

Auch im Kanton Bern machen sich die politischen Unwägbarkeiten bemerkbar. «Bei den laufenden Projekten stellen wir keine Veränderung fest. Dagegen harzt es bei den Anfragen aus dem Ausland für neue Ansiedlungen. Sie sind am Sinken», erklärt Denis Grisel, Leiter Standortförderung Kanton Bern. Die ausgesandten Signale seien für den Standort Schweiz nicht optimal. «Die vielen Baustellen helfen uns nicht.»

Aber die Zukunft malen die Standortpromotoren nicht schwarz. Sonja Wollkopf spricht das Innovationspotenzial an, vorab in der Präzisionsgüterindustrie im Raum der GZA. «Gerade hier kann der Kanton Solothurn eine wichtige Rolle spielen.» Deshalb geniesse der Ausbau von Branchenschwerpunkten, sogenannten Clusters, eine hohe Priorität, ergänzt Karl Brander. Hiefür sei die Region zwischen Grenchen und Olten mit der Uhrentradition und den Fachkräften für Präzisions- und Medtech--Cluster geradezu prädestiniert. «Es ist die Mischung von Technologie und Produktion vor Ort, die für den Standort Solothurn spricht», ist Wollkopf überzeugt.

Beide verweisen wiederholt auf die Bedeutung der Standortfaktoren Stabilität und Berechenbarkeit, die für die Schweiz sprechen – aber immer weniger. Gerade die Zuwanderungspolitik bereite Bauchweh. Der Bedarf an Fachkräften könne ohne Personal aus dem Ausland nicht gedeckt werden. «Wenn das nicht mehr möglich sein wird, dann gehen die Firmen.»