Spazierpendeln

Unseren Kanton gemächlich mit Bus und Bahn erkunden

Wenn ein Tram der Linie 10 die Station im französischen Leymen in Richtung Rodersdorf verlässt, sind Grenzverläufe ziemlich obsolet.Martin Rütschi/Keystone

Wenn ein Tram der Linie 10 die Station im französischen Leymen in Richtung Rodersdorf verlässt, sind Grenzverläufe ziemlich obsolet.Martin Rütschi/Keystone

Muss es immer die Ferne sein? Nein! Heute lassen wir uns in öffentlichen Verkehrsmitteln durch den Kanton kutschieren. Ein Plädoyer für Reisen im eigenen Terrain

Es stürmt. Dicke Regentropfen peitschen ans Fenster. Im Schneckentempo bewegt sich die Blechlawine auf der A1 durchs Gäu.

Ich brause im Bummlerzug daran vorbei, ein wenig Schadenfreude kann ich mir nicht verkneifen. Fahren, lesen, reden. Lernen, schlafen, schwitzen. Tausende Minuten im Jahr.

Zur Schule, ins Büro, in die Stadt. Hin und zurück. Es gibt Tage, da sitze ich gefühlsmässig nur in Bussen und Zügen. Das kann so schön sein. Löcher in die Luft starren. Schauen, was draussen vorbeizieht.

Pendeln ist ein ewiges Sozialexperiment: In den engen Abteilen und Sitzreihen zeigen viele Menschen ihr wahres Ich. Man trifft sich, und man trifft immer wieder die gleichen. Besonders aufregend sind Reisen in Zug und Bus dann, wenn man ohne Terminzwang und Zeitdruck unterwegs ist. Pendeln des Pendelns wegen. Ich nenne das auch Spazierpendeln.

Die Schweiz gilt als Musterland für gute Anbindungen an das öffentliche Verkehrssystem. Selbst abgelegene Weiler, betonen Politiker gerne und stolz, sind im Halbstundentakt erreichbar. Ein süsses Märchen? Wenn ich mir überlege, wo ich mit dem Bus schon überall hingetuckert bin – in den hintersten Krachen –, ist die Antwort einfach: nein. Üppige Subventionen machens möglich.

Ein düsterer Kühlklotz

Worin liegt der Reiz der Öffentlichen? In den Begegnungen? Oder am Komfort? Nun gut. Manchmal beschleicht mich in stickigen Waggons das Gefühl von Ungeduld. Auf dem Smartphone herumwischen kann auf Dauer ziemlich langweilig sein. Spätestens dann ist Zeit, aus dem Fenster zu schauen.

Wenn ein Eisenbahnzug, diese Wucht aus Hunderten Tonnen Stahl, durchs Solothurnerland braust, gibt es verblüffend viel zu entdecken. Pittoreske Ecken und schaurige Nester. Da ist dieser düstere Kühlklotz in Neuendorf. Der Pétanqueplatz zwischen Luterbach und Zuchwil. Und natürlich das Goldene Dach in Olten. Warum sorgt es für rote Köpfe?

Ein gleichmässiges Rattern. Dinge sehen, die Lust auf mehr machen – gerade weil Solothurn auf dem Papier ein ziemlich unspektakulärer Kanton ist. Immer ein wenig im Abseits. Ausser, es geht ums Erdkundliche. Da lassen wir uns im Sandwich der grossen Zentren von niemandem etwas vormachen. Solothurn ist verzettelt wie kein zweiter Kanton. Zentrifugalkräfte wirken ohne Gnade.

Und genau darin liegt das Problem: Drei Regionen, die sich kaum füreinander interessieren. Was hält diese zusammen? Vielleicht bietet der öffentliche Verkehr hier eine Antwort. Die Geschichte dieses Kantons ist schliesslich auch eine Geschichte vom Bezwingen des Juras.

Vor hundert Jahren wurde der Hauenstein-Basistunnel durchschlagen. Ein Meilenstein im Nord-Süd-Bahnverkehr. Die Jurafusslinie verbindet derweil den Osten mit dem Westen. Heute werden Tausende Pendler durch den Kanton Solothurn gespült. Allein 300 000 Menschen fahren Tag für Tag durch den Bahnhof Olten.

Hiergeblieben, Solothurner!

Ist der Kanton Solothurn also vor allem dazu da, um eilens durchfahren zu werden? Natürlich nicht! Der öffentliche Verkehr sollte alltagsmüde Solothurner geradezu einladen, in ihren Kanton zu flüchten.

Warum mit Bus und Bahn? Weil sich die lustvollen Seiten der Regionalität hinter dem Steuer niemals so gemütlich erkunden lassen. Nicht mit wilder Effizienz, aber mit maximaler Intensität. Die sanfte Annäherung an ein Ziel. Solothurn bietet versteckte Schönheiten.

Also, ab ins Hinterland! Im Postauto über den Passwang ins Schwarzbubenland. Im Niederamt, das für Durchreisende vor allem aus einem AKW-Kühlturm besteht, lohnt sich ein Abstecher allemal.

Stadtsolothurner können im Bus behutsam die verschmähte Stadt im Westen erkunden – und Grenchner jene im Osten. Welcher Oltner hat sich jemals in den fernen Bucheggberg lotsen lassen? Welcher Schwarzbube kennt die Büezergemeinden im Wasseramt? Ein wahrer Hort der Mikrokosmen.

Interrail öffnet Reisenden einen neuen Blick auf Europa. Ein ständiges Dahinrollen auf Schienen. Ohne Angst, etwas zu verpassen. Vielleicht klingt das freakhaft, aber warum sollten wir diese Art des Reisens nicht auf kleinste Räume wie den Kanton Solothurn übertragen? Man muss nicht in entfernte Gegenden reisen, um sich und seine Welt zu entdecken.

Der Roadtrip durch Asien ist ganz nett, aber längst nicht so spektakulär wie eine Fahrt auf die Jurahöhen. Umso schöner, wenn sich beim Erlebnis Nahverkehr vermeintlich Nahes als Unbekanntes entpuppt. Einfach mal eine andere Abzweigung nehmen. Beachten muss man im Dichtestress-Zeitalter nur eines: Der politisch korrekte Spazierpendler meidet Spitzenzeiten, damit er keinem Berufspendler den Platz wegschnappt. Auch Phantomschmerzen wollen bekämpft werden.

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