Mehlschwalben

Unsere lieben Mehlschwalben sind in Gefahr

Eine Mehlschwalbe

Eine Mehlschwalbe

Stromleitungen verschwinden in der Region vermehrt unter dem Boden, es gibt weniger überirdische Leitungen. Was bedeutet das für unsere liebsten Zugvögel?

In diesen Tagen geht es wieder los: Der Sommer ist vorbei, nach dem anstrengenden Brutgeschäft machen sich die Zugvögel auf in ihre Winterquartiere. Für Christine Zysset aus Rüttenen einmal mehr ein Höhepunkt: «Ich bin zwar keine Expertin, aber Vögeln schaue ich einfach gerne zu», erzählt sie.

Besonders viel Freude bereitet Zysset das Schauspiel, das sie beim morgendlichen Blick aus dem Badezimmerfenster beobachten kann. Auf den Stromleitungen in Nachbars Garten versammeln sich Mehlschwalben zum Seiltanz.

Weniger Stromleitungen

Die Vögel haben einen schlanken Körper, ihre Federn sind lang und schimmern blau-schwarz. Den Schnabel können sie im besten Sinne nicht voll genug kriegen. Das kurze Ding lässt sich ziemlich weit öffnen - und das ist gut so: Schwalben werden als Insektenvertilger geschätzt. Kräftig umkrallen die Vögel mit ihren winzigen Füssen die elektrischen Leitungen. Zum Greifen sind sie ideal, das Gehen fällt damit jedoch schwer. Wohl auch deshalb sitzen Schwalben so gerne auf Stromleitungen, wo sie jederzeit abflugbereit sind.

Schon als Kind habe sie Schwalben «höllisch gerne» gehabt, berichtet Christine Zysset. «Wer freut sich nicht, wenn die Vögel singen?» Doch nun macht sich die Familienfrau Sorgen um ihre Lieblinge: In der ganzen Region, beobachtet sie, würden Stromleitungen abgebaut und unter die Erde verlegt. «Dabei lieben es Schwalben doch, auf diesen zu sitzen.» Weg aus der Luft, ab in den Untergrund: Was bedeutet das für Schwalben? Wird ihnen eine Lebensgrundlage geraubt? Und überhaupt: Warum eigentlich können diese Vögel auf Leitungsdrähten sitzen, ohne tot vom Himmel zu fallen?

«Genügend Plätze»

Stephanie Michler muss es wissen. Sie leitet bei der Vogelwarte Sempach das Artenförderungsprojekt für Mehlschwalben. «Ob sich der Rückbau von Stromleitungen auf die Population von Schwalben auswirkt, ist bisher nicht erforscht worden», sagt die Ornithologin. Nach ihren Beobachtungen ist jedoch nicht davon auszugehen.

Michler bestätigt zwar, dass sich Schwalben vor dem Aufbruch gen Süden mit Vorliebe auf Stromleitungen versammeln, aber: «Auch ohne Leitungen gibt es für Schwalben genügend Sitzplätze. Sie sitzen beispielsweise fast noch lieber auf Telefonleitungen, obwohl es von diesen ebenfalls immer weniger gibt.» Im Übrigen seien Schwalben gemäss Michler längst nicht die einzigen Vögel, die sich gerne auf den Leitungen tummeln. «Sie stechen uns einfach ins Auge, weil sie in grossen Schwärmen auftauchen und sich dabei so lebhaft unterhalten.»

Kein Grund zur Sorge?

Kann Christine Zysset also beruhigt sein? Nein. Denn auch wenn der Rückbau von Stromleitungen auf Mehlschwalben wohl keinen Einfluss hat. In Gefahr sind die Vögel tatsächlich. Seit 2011 werden sie auf der «Roten Liste der gefährdeten Arten» geführt. Verantwortlich dafür ist - einmal mehr - der Mensch selbst: «Mehlschwalben bauen ihre Nester an Häuserfassaden. Das wird aber immer weniger akzeptiert», weiss Stephanie Mischler. «Wer will heute noch Dreck ums Haus haben?» Christine Zysset hat kein Problem damit: «Im nächsten Frühling werde ich an unserem Haus ein Kunstnest anbringen.»

Eine Frage aber wäre da noch. Warum können sich Schwalben ohne Risiko auf Stromleitungen festkrallen? Ganz einfach: weil zwischen ihren Füssen keine Spannungsdifferenz besteht. «Strom fliesst nur, wenn die Vögel mehrere Leitungen gleichzeitig berühren», erklärt Stephanie Michler.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1