Seit sich Ende Juli in Norwegen der tragische Eurobus-Unfall mit vier Toten ereignet hat, steht die Sicherheit in Reisecars mehr denn je im Brennpunkt der Diskussionen. So griff etwa der «SonntagsBlick» dieses Thema in seiner letzten Ausgabe auf und titelte: «Irrsinn am Steuer. Car-Chauffeure bringen ihre Passagiere in Lebensgefahr – als Vorleser und Reiseleiter bei Tempo 110.»

Ferner präsentierte er zwei Bilder eines Eurobus-Chauffeurs, aufgenommen von einem Fahrgast während einer Schwedenreise im Jahr 2010, die diesen in zwei kritischen Situationen zeigen: Anstatt sich voll und ganz auf die Fahrbahn zu konzentrieren, hat er in Szene eins einen Reiseführer vor sich auf dem Lenker liegen, derweil er in Szene zwei ein Mikrofon in seinen Händen hält – verantwortungsbewusstes Fahren sieht anders aus. So schrieb der «SonntagsBlick», gestützt auf Aussagen des Fahrgastes, denn auch: «Harald B. ist mit der Gruppe allein. Er ist Chauffeur, Reiseleiter und Conférencier – Mädchen für alles.» Gefährliches Multitasking vom Feinsten also.

Doch handelt es sich hier nun um einen Einzelfall oder sind ähnliche Situationen auch bei anderen, in der Region tätigen Carunternehmen möglich? Und wird die Anschnallpflicht überhaupt durchgesetzt?

Nur ein einziger Chauffeur auf einer langen Reise? Bei Wyss Reisen AG undenkbar: «Sind grosse Strecken, beispielsweise nach Schweden, zu bewältigen, werden zwei Chauffeure plus eine Reisebegleitung eingesetzt. Momentan ist eine Gruppe in dieser Form in Schottland unterwegs», erklärt Marlis Lötscher, Büroangestellte Abteilung Carwesen. Vorteile einer solchen Chauffeur-Doppelbesetzung sieht sie einige; so etwa im Fall von gesundheitlichen Problemen eines Chauffeurs während der Reise. Einen Haken hat das Engagement von zwei Fahrern trotzdem: Die Reise werde dadurch verteuert, betont Lötscher. «Viele Leute schauen nur auf den Preis. Die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen sieht der Kunde nicht, genau diese sind aber kostentreibend.»

Handelt es sich um kürzere Reisen inklusive Übernachtung, setzt Wyss Reisen AG indes auf eine Einfachbesetzung – plus Reisebegleitung: «Generell gilt, dass bei allen von uns im Ferienkatalog ausgeschriebenen Reisen ein Reiseleiter dabei ist.» Beim Boninger Unternehmen müssen Chauffeure während der Fahrt also nicht aus einem Reiseführer lesen und auch nicht mit einem Mikrofon hantieren: «Sie sind fix vor dem Mund des Chauffeurs montiert.» Zur Anwendung kommen sie etwa bei Sicherheitsdurchsagen: «Es ist für den Chauffeur Pflicht, die Fahrgäste vor jeder Abfahrt auf die Anschnallpflicht hinzuweisen.»

Auf ein ähnliches Vorgehen setzt auch Twerenbold Reisen AG: «Die Fahrer erinnern die Reisegäste vor jeder Fahrt an das obligatorische Tragen der Sicherheitsgurte», sagt Geschäftsleiter Heinz Weber. Er betont, dass die Durchsetzung jedoch nicht Aufgabe des Fahrers sei, sondern in der Eigenverantwortung des Reisegastes liege. Eine weitere Gemeinsamkeit zu Wyss Reisen AG besteht darin, dass sich die Chauffeure an die Fahrgäste wenden können, ohne dabei das Steuer loslassen zu müssen. «Unsere Fernreise-Busse verfügen über eine Freisprechanlage.»

Im Bereich der Reisebegleitung verfolgt Twerenbold Reisen AG hingegen eine etwas andere Strategie. «Auf anspruchsvollen Reisen», so der Geschäftsleiter, «sind spezielle Reiseleiter dabei. Dazu zählen beispielsweise unsere Velo-, Musik- und Kulturreisen.» Ansonsten würde man lokale Reiseleiter engagieren – womit man offenbar einem Kundenbedürfnis Rechnung trägt: «Die Leute bevorzugen einen einheimischen Reiseführer, der punktuell bei Sehenswürdigkeiten zum Einsatz kommt.»

Noch einmal anders siehts bei Schneider Reisen AG mit den Standorten Langendorf und Grenchen aus. Dass Fahrer zusätzlich als Reiseleiter fungieren, ist hier keine Seltenheit: Geschäftsführer Ferdinand Schneider macht dies abhängig von der Frequenz, mit der ein Chauffeur eine Strecke fährt. «Unternimmt einer dreimal im Jahr mit derselben Reiseleiterin eine Fahrt ans Nordkap, so weiss er die Infos irgendwann selbst und übernimmt dann deren Aufgabe.» So gehöre ein Chauffeur zum Team, der sowohl fährt, als auch die Rolle des Reiseleiters inne hat. «Weil er über ein Kopfmikrofon verfügt, hat er beide Hände frei und kann den Kopf ohne Einschränkungen bewegen.» Gänzliche Bewegungsfreiheit ist in den Cars von Schneider Reisen AG jedoch nicht angesagt: Mittels Leuchtsignalen und Klebern an Fensterscheiben wird auf die Anschnallpflicht aufmerksam gemacht. Zudem erfolgt eine Durchsage per Mikrofon, wie Schneider schildert. Während im Fall von Erwachsenen auf Selbstverantwortung gesetzt wird, gilt bei Kindern der Grundsatz «Vertrauen ist gut, Kontrolle besser».

Was die Anzahl Chauffeure auf einer Reise angeht, hänge diese mit dem Arbeits- und Ruhezeitengesetz zusammen. «Die Lenkzeit beträgt normalerweise neun Stunden. Zweimal in der Woche darf sie aber um eine Stunde überschritten werden. Wird diese Regelung eingehalten, braucht es nur einen Chauffeur, ansonsten zwei.»

Das Arbeits- und Ruhezeitengesetz wird auch bei Born Reisen AG als massgebend für die Ausgestaltung der Einsätze bezeichnet. Bedingt durch das Gesetz oder einen bestimmten Reiseablauf werden zwei Chauffeure eingesetzt, wie Geschäftsführerin Gabi Born erläutert. «Ein Beispiel hierfür wäre das Angebot Mailand-Shopping. Zwei Chauffeure wechseln sich jeweils miteinander ab, da die frühe Abfahrt am Morgen sowie der lange Aufenthalt für einen Chauffeur allein nicht machbar wären.» Auf grossen, sprich mehrtägigen Reisen ergänzt zudem ein Reiseleiter die Besatzung – dennoch übernehmen unter Umständen Chauffeure dessen Funktion: «Es kann vorkommen, dass ein Chauffeur auf einer zweitägigen Reise mit lockerem Programm die Gäste an der Rezeption anmeldet», so Born. Pauschale Aussagen könne sie dazu nicht machen, es sei von Fall zu Fall unterschiedlich.

Was indes immer gleich abläuft, ist das Anschnallprozedere: Der Chauffeur müsse vor jeder Abfahrt die Gäste auf die Anschnallpflicht hinweisen. Genau wie bei Schneider Reisen lässt es Born Reisen AG im Fall von Kindern aber nicht bei einer einfachen Durchsage bleiben – Kontrolle ist Trumpf. Und: «Bei alten Leuten ist es logisch, dass der Chauffeur hilft.» Zur simplen Logik gehört für Born auch die Tatsache, dass ein Fahrer sich nicht mit einem Mikrofon herumschlagen muss: «Bei modernen Bussen sind Handmikrofone nicht für Chauffeure konzipiert, sondern für Reiseleiter», reagiert sie ein wenig erstaunt auf die entsprechende Frage.

In Anbetracht der Aussagen der regionalen Carunternehmen scheint es ungerecht und ungerechtfertigt, Chauffeuren flächendeckend Irrsinn am Steuer vorzuwerfen. Ihnen auf die Finger schauen darf man aber sehr wohl. Vernunft vonseiten der Fahrgäste, insbesondere wenn es ums Anschnallen geht, darf jedoch ebenso vorausgesetzt werden.