Tannenbaum-Setzlinge, die kaum bis zum Knie reichen. Riesige Bäume, die fast 10 Meter hoch in den Himmel wachsen; Blautannen. Vor allem für Grabschmuck würden die leicht blau schimmernden Zweige verwendet, sagt George Studer, der mit guten Schuhen und einer Outdoor-Jacke zwischen seinen Tannenbäumen auf dem Born bei Kappel steht. 2000 Tannen stehen auf der Anlage, nach Sorten geordnet auf einzelnen Feldern, die mit Buchstaben beschriftet sind und von schmalen Graswegen getrennt werden.

Hier Tannen für Grabschmuck, dort Bäume, unter welchen bald die Geschenke vom Christkindli liegen. Leben und Tod – so nahe beieinander, bemerkt Studer. «Da darf ich halt nicht zu sehr darüber nachdenken, was ich hier eigentlich tue», scherzt er. Was er macht? Eine Menge: Mit seiner Frau betreibt der 56-Jährige die Tannenbaumanlage Born in Kappel bei Olten. Und dann hat Studer eigentlich noch einen anderen Vollzeitjob im Kreuzfahrtgeschäft.

Im Dezember «ist der Teufel los»

In jungen Jahren sei er «ausgewandert» nach Zürich und ins Kreuzfahrtgeschäft eingestiegen. Heute ist er CEO einer Plattform für Kreuzfahrtreisen. Das Geschäft habe sich verändert. Der Preisdruck steigt, Kreuzfahrten sind nicht mehr nur Luxusferien für reiche Leute. Ebenso verändert hat sich das Geschäft mit den Bäumen. Die Leute seien bequemer geworden, wollten sich die Schuhe nicht mehr dreckig machen. Familien und Stammkunden habe man aber jedes Jahr auf der Anlage.

Hierhin verschlug es Studer vor vier Jahren, als er sich von Zürich aus nach einem etwas ruhigeren Plätzchen umsah. Die Anlage auf dem Born kannte der gebürtige Kappeler noch von früher. Als er sie kaufte, hiess es, man müsse einfach nebenbei die Bäume etwas pflegen. Heute weiss Studer: «Es isch e Chrampf.»

Wer auf Google Maps nach der Tannenbäumli Born Anlage sucht, sieht die rund 2000 Tannen schön aus der Vogelperspektive.

Wer auf Google Maps nach der Tannenbäumli Born Anlage sucht, sieht die rund 2000 Tannen schön aus der Vogelperspektive.

Im Frühling werden Setzlinge für neue Bäume eingepflanzt – nächstes Jahr sind es 1000 –, dann regelmässig zugeschnitten, so dass sie gleichmässig wachsen und ein volles Nadelkleid bilden. Rund 10 Jahre dauert es, bis ein Baum mit der Höhe von zwei Metern gefällt werden kann. Dazu kommt das Rasenmähen auf der 2 Hektaren grossen Fläche. Und wenn es viel regnet oder schneit, wird die Arbeit strenger, die Bäume schwerer. Derzeit sei das Wetter zwar ideal, so Studer. Dafür knickten bei einigen Bäumen die vertrockneten Äste ab, weil es so wenig geregnet habe – und in der Stube müsse man dem Baum diese Weihnachten wohl etwas mehr Wasser geben.

Die Bäume beschäftigen die Familie Studer das ganze Jahr über. Aber «im Dezember ist der Teufel los». Studer nimmt sich jeweils ab Donnerstag vom Kreuzfahrtgeschäft frei. Die Bäume, die online bestellt oder schon im Sommer reserviert wurden, müssen gefällt werden. In einem Radius von 15 Kilometern liefert Studer die Tannen auch aus. Manchmal bringt er einige Weihnachtsbäume auf dem Weg zur Arbeit sogar nach Zürich.

Auf dem Hof steht zudem eine zum Raclette-Stübli umgebaute Scheune. Davor findet der jährliche «Nachverkauf» der Weihnachstbäume statt. Reich wird die Familie vom Geschäft nicht. «Usecho» ist das Ziel, sich ein Stück weit gegen die Konkurrenz der Grosshändler behaupten. «Unsere Bäume sind nicht perfekt – aber sie haben Charakter», erklärt Studer.

«Eine andere Welt»

Den richtigen Baum finden – das vergleicht der Geschäftsmann mit Liebe auf den ersten Blick. Die meisten Kunden würden schon nach wenigen Schritten auf einen Baum deuten und sagen: «Das ist er.» Dabei bleiben sie meist auch nach einem Rundgang über alle Felder. Vorbei an Nordmanntannen mit weicheren Nadeln, Rotfichten mit dünneren Nadeln und Blaufichten mit spitzen Nadeln, die bei Katzenhaltern im Trend sind, weil die Vierbeiner nicht die stechenden Äste emporklettern.

Zwischendurch sind auch einige «Experimente» zu sehen. Etwa eine Tanne, deren Nadeln nach Zitronen riechen. Geklappt hat es nicht mit dem Versuch – der hiesige Boden ist für den ausländischen Setzling zu reichhaltig; er ist zu schnell gewachsen. Die Tanne trägt nur wenige Äste, die erst ab der Hälfte des Stammes wachsen.

Nicht weit weg von der Anlage liegt die Autobahn. Trotzdem spricht Studer von seiner «Oase» auf dem Born. «Das ist eine andere Welt. Wenn's stürmt, dann spürt man hier so richtig die Naturkräfte.» Weiterarbeiten will er deshalb mit den Christbäumen, auch nachdem er sich langsam aber sicher aus dem Arbeitsleben in Zürich zurückgezogen hat.

Hat er denn nie genug von den Bäumen? Also einen Weihnachtsbaum brauche er persönlich nicht im Haus. Die Frau aus Peru, die von daher eher mit Krippen als Christbäumen vertraut ist, auch nicht. Aber die Kinder, die bestehen noch immer darauf, dass in der Stube der Anlage, inmitten von 2000 Bäumen, jedes Jahr ein Christbaum steht.