Geschichte
Unruhe im Gerichtssaal - 1. Teil des durchgeknallten Adventskrimis

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Den 1.Advent nehmen wir als Anlass, einen durchgeknallten Adventskrimi zu erzählen.

Valerio Moser*
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1.Advent

1.Advent

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Die äusserst bewegende, aber auch leicht pathetische Rede des Angeklagten beseitigt alle bisherigen Zweifel. Ein langwieriger Prozess zeichnet sich ab. Der Tannenbaum streckt seine mächtigen Arme durch den Raum, stampft mit seinem Stamm zweimal auf den Boden und versucht, die Ordnung wieder herzustellen.

Tannenbaum: «Ruhe! RUHE!»

Der Lärmpegel senkt sich, alle beruhigen sich.

T: «Es möge der nächste Kläger vortreten!»

Kerze erhebt sich – oder zumindest, was von ihm übrig ist. Sein Docht hängt erschlafft zu Boden.

Zur Person Valerio Moser (27) ist Slam-Poet und Eventmanager aus Langenthal. 2011 wurde er für sein Projekt «Slam Mobil» – einen Streitwagen für Wortgladiatoren – mit dem Kulturpreis der Stadt Langenthal ausgezeichnet. Mit dem Duo «InterroBang» wurde er 2013 und 2014 Poetry-Slam-Schweizer-Meister und 2015 deutschsprachiger Meister. InterroBang ist mit einem abendfüllenden Programm unter dem Titel «Schweiz ist Geil» auf den Kleinkunstbühnen der Deutschschweiz zu sehen. (mgt)

Zur Person Valerio Moser (27) ist Slam-Poet und Eventmanager aus Langenthal. 2011 wurde er für sein Projekt «Slam Mobil» – einen Streitwagen für Wortgladiatoren – mit dem Kulturpreis der Stadt Langenthal ausgezeichnet. Mit dem Duo «InterroBang» wurde er 2013 und 2014 Poetry-Slam-Schweizer-Meister und 2015 deutschsprachiger Meister. InterroBang ist mit einem abendfüllenden Programm unter dem Titel «Schweiz ist Geil» auf den Kleinkunstbühnen der Deutschschweiz zu sehen. (mgt)

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T: «Was klagen Sie an?»

K: «Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Wo sich einst mein Docht kerzengerade in die Höhe reckte, da hängt nur noch ein abgebrannter Rest. Stolz stand ich einst da. Und jetzt? Abgebrannt, outgeburnt. Ich hatte noch so viel vor; hätte über mich hinauswachsen können. Doch Wachs habe ich jetzt kaum mehr. Ich bin nur noch ein Stummel.»

T: «Bitte beschreibet nun den exakten Tathergang?»

K: «Der Angeklagte zündete mich die ganze Zeit an. Klar hat mich dies genervt. Er hörte auch nicht mehr auf, bis es mir dann zu viel wurde und ich wutentbrannt Feuer fing! Ich war nicht mehr bei Sinnen. Im Hitzedelirium begann ich zu schwafeln. Ja, es erging mir wie dem Angeklagten bei seiner Verteidigungsrede: Ich produzierte nur noch heisse Luft!»

T: «Mich deucht, Ihr seid doch eine Kerze?»

K: «Wir können weit mehr als heisse Luft produzieren! Und überhaupt: Wie soll ich jetzt noch Kerze sein? Der Angeklagte hat mich meines Zweckes beraubt!»

T: «Ist das Brennen nicht der Kerze Sinn?»

K: «Man ist nur eine richtige Kerze, solange man noch das Potenzial zum Brennen hat. Ist eine Kerze abgebrannt, dann verliert sie ihren Existenzgrund. Ich wollte nie brennen, ich wollte immer nur brennen können!»

T: «Gemäss Protokoll gingen die Gräueltaten weiter?»

K: «Ich war nicht der Einzige, der angezündet wurde. Etwa eine Woche nachdem ich das erste Mal brannte, zündete der Angeklagte mit mir auch meinen Bruder an. Eine Woche später entflammte er zusätzlich unsere kleine Schwester und noch eine Woche später Paul, unseren Nachbarn. Es war schrecklich, selbst zu brennen – noch schrecklicher war es, zu sehen, wie meine Familie und Paul leiden. Ich hoffe, der Angeklagte kriegt seine Strafe!»

T: «Ich habe keine Fragen mehr. Vielen Dank. Es möge die nächste Klägerin vortreten!».

Ein Raunen geht durch die Ränge. Die Mandarine erhebt sich ...

Fortsetzung folgt.

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