Kanton Solothurn
Unnötig und unterbezahlt: Das sagt ein Monitoring über Kita-Praktika

Die Situation in Kindertagesstätten im Kanton ist unbefriedigend. Das ist schon seit gewisser Zeit bekannt, und wird nun durch ein erneutes Monitoring des Dachverbandes Savoir Social bestätigt. Gleichzeitig tut sich auch einiges in diesem Bereich - im Sommer sollen konkrete Richtlinien erlassen werden.

Noëlle Karpf
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Als volle Arbeitskraft im Einsatz, aber schlecht bezahlt: Eine Praktikantin in einer Kindertagesstätte

Als volle Arbeitskraft im Einsatz, aber schlecht bezahlt: Eine Praktikantin in einer Kindertagesstätte

Andrea Stalder

4.76 Franken. So viel verdient eine Kita-Praktikantin oder ein Kita-Praktikant durchschnittlich pro Stunde Arbeit im Kanton. Das machte diese Zeitung vergangenes Jahr publik, nachdem sie Einblick in die Kontrollergebnisse von insgesamt 53 Betrieben erhalten hatte. In fünf Fällen lag der Stundenlohn gar unter drei Franken.

Der unterirdische Lohn ist nur eines von mehreren Problemen im Bereich Kita-Praktika. Zu einem weiteren hat kürzlich Savoir Social – Schweizer Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales – ein Monitoring publiziert. Es geht um «unerwünschte Praktika»; also um die Tatsache, dass eine Mehrheit der Fachpersonen Betreuung vor Lehrstellenbeginn eines oder gar mehrere Praktika absolvieren muss. Auch im Kanton Solothurn.

Praktikum nicht nötig – aber trotzdem Standard

Bei der Umfrage wurden schweizweit über 2000 Lernende befragt, 29 davon aus dem Kanton. Rund 90 Prozent stiegen nach der obligatorischen Schulzeit indirekt in die Lehrstelle ein; wobei die Mehrheit davon zuerst eines oder mehrere Praktika absolviert hat, teils auch über einen längeren Zeitraum als 12 Monate.

Vor Jahren noch war ein Praktikum Voraussetzung dafür, als Kinderbetreuungsperson eine Lehre machen zu können. 2005 wurde diese Regelung abgeschafft, trotzdem ist ein Praktikum vor der Lehrstelle heute quasi Standard. Dazu findet Fränzi Zimmerli, Geschäftsleiterin von Savoir Social in Olten, klare Worte. «Die Ausbildung zur Fachperson Betreuung ist so konzipiert, dass sie direkt an die obligatorische Schulzeit angeknüpft werden kann.» Zudem spricht Zimmerli auch von «Pseudopraktika» – da die Praktikantinnen und Praktikanten oft als günstige – aber voll arbeitende Arbeitskraft dienen, nicht begleitet werden, und in vielen Fällen auch keine Lehrstelle im Anschluss garantiert ist. Dazu kommt das Eingangs erwähnte Problem – das sagt auch Zimmerli: «Was Praktikantinnen und Praktikanten verdienen ist teils skandalös.»

Die Forderung: Praktikum nur in Einzelfällen

Laut der Kritik von Savoir Social ist in diesem Bereich also einiges im Argen. Mögliche Folgen laut der Geschäftsleiterin: Der Beruf wird einerseits unattraktiv; so dass auch junge Menschen mit Potenzial irgendwann die Flinte ins Korn werfen. Andererseits werde der Berufs herabgesetzt. «Wenn in den Betrieben auch ein grosser Teil unausgebildeter Personen –und das über Monate hinweg – mitarbeitet, entsteht ein falsches Bild – denn professionelle Kinderbetreuung ist anspruchsvoll und muss erlernt werden.»

Die Forderung des Verbandes: Praktika sollen nicht mehr Standard sein, sondern ausschliesslich im Einzelfall – in welchem ein Praktikum vor dem definitiven Ausbildungsbeginn Sinn macht – zum Zug kommen. Und wenn Praktikum, dann auch mit anständigem Lohn und einer Anschlussmöglichkeit. Laut Zimmerli bewegt sich aber auch einiges in diesem Bereich. Auf nationaler Ebene hat Savoir Social zweimal einen runden Tisch zum Thema «unerwünschte Praktika» durchgeführt; 2021 soll ein weiterer folgen. Rechtliche Vorgaben machen, geschweige denn Praktika verbieten, kann der Verband nicht. Aber: «Einige Kantone sind schon heute dabei, das System zu ändern. Und ich bin überzeugt, dass andere so nachziehen.» Ein Kanton, der es heute schon besser machen will, ist der Kanton Solothurn.

Kanton: Im Sommer kommt ein Regelwerk

Der Kanton und der kantonale Verband der Kindertagesstätten erarbeiten zusammen einen Leitfaden für die Branche. Laut Amt für Wirtschaft und Arbeit – zuständig für die Kontrollen in den Betrieben – ist die «Richtlinie zu den Lohn- und Arbeitsbedingungen in den Kitas ausgearbeitet». Derzeit liegt die Richtlinie zur Beratung beim kantonalen Kitaverband.

Zusätzlicher Zustupf vom Bund

Wenn es um miserable Praktikumslöhne geht, stehen meist die Kindertagesstätten im Fokus. Es gibt in der ganzen Thematik aber noch einen anderen Aspekt – aus Sichtweise der Betriebe nämlich. Diese stehen oft unter finanziellem Druck. Denn: Es gibt im Kanton theoretisch genug Kita-Plätze, und auch die Nachfrage wäre da – aber nicht alle Eltern können sich diese auch leisten. Zur Schaffung von Betreuungsplätzen gab es in der Vergangenheit Starthilfe vom Bund: Mit rund 6 Millionen Franken sogenannter «Anschubfinanzierung» wurden gut 1000 neue Plätze geschaffen. Das eidgenössische Parlament hat danach zudem beschlossen, noch weitere Gelder in die Kantone fliessen zu lassen – um eben auch die Subventionen von Betrieben zu erhöhen, damit die Kosten für Eltern sinken.

Dafür muss ein Kanton jedoch auch ein Gesuch stellen. Das will der Kanton Solothurn per 31. Juli auch tun, heisst es auf Anfrage bei Markus Schär, Leiter Fachstelle Familien und Generationen.

Ergebnisse einer vergangenen Erhebung zeigen zudem: Im Jahr 2018 unterstützten 58 Prozent der Einwohnergemeinden die familien- und schulergänzende Kinderbetreuung, «indem sie Mietkosten übernehmen, Betriebsbeiträge zahlen, Defizite tragen oder Beiträge direkt an die Eltern ausrichten», so Schär. Zudem planten 37 Gemeinden, in den nächsten fünf Jahren Subventionen einzuführen oder zu erhöhen. Laut Thomas Blum, Geschäftsleiter vom Verband der Solothurner Einwohnergemeinden, haben sich die Gemeinden im Kanton in den vergangenen Jahren sehr stark engagiert. Auch Schär schreibt: «Das Bewusstsein und die Bereitschaft, familien- und schulergänzende Kinderbetreuung zu unterstützen, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.»

Anfrage bei Marlies Murbach, Präsidentin eben dieses Verbandes. Auch sie hat sich gegenüber dieser Zeitung schon dahingehend geäussert, dass unterbezahlte Praktikumsstellen ein No-Go sind. Hinsichtlich Praktika äussert sie sich nicht ganz so kritisch wie Savoir Social – so könnten Praktikas in Kindertagesstätten durchaus Sinn machen, weil viele Schulabgängerinnen und -abgänger noch sehr jung seien beim Antritt des anspruchsvollen Berufs. Zudem spricht Murbach auch vom finanziellem Druck der Kitas, der es oft auch verunmöglicht, teurer zu werden – sprich teureres Personal anstellen zu können.

Zur Richtlinie sagt Murbach nun: «Wir sind sehr zufrieden.» Das Regelwerk soll etwa definieren, unter welchen Umständen Praktika angeboten werden dürfen, und was ein Betrieb Praktikantinnen und Praktikanten bieten muss. Also werden auch Lohnfragen und die Maximaldauer von Praktika so geregelt. «Das Regelwerk erleichtert uns den Alltag – Betriebe haben so eine verbindliche Grundlage, an die sie sich halten können.» Verbindlich ist das Regelwerk tatsächlich; zumindest für Mitglieder des Kantonalverbandes. Laut Murbach gehören diesem heute über 90 Prozent an.

Die Richtlinien sollen im Mai verabschiedet werden. Laut Murbach wird sich die Situation wohl nicht schlagartig bessern. Aber: «Ich glaube, dass sich im Kanton ab nächstem Jahr so einiges ändern wird.»