Nachdem sie sich ein paar Monate gekannt hatten, rief die 14-jährige Antonia T.* im August 2012 ihren damals 29-jährigen türkischen Freund an, er solle sie von einer Party abholen. Sie habe «sturmfrei», wolle die Nacht mit ihm verbringen und dann «zmörgele». Yasin H. ging auf das Angebot ein, doch offenbar lagen die Vorstellungen bei dem ungleichen Paar, wie die Nacht verlaufen sollte, meilenweit auseinander.

Denn am nächsten Tag ging er mit Freunden an die Street Parade, während die 14-Jährige in Begleitung einer Freundin bei der Polizei Anzeige wegen Vergewaltigung machte. Am Montag stand er wegen sexueller Handlungen mit einem Kind, sexueller Nötigung und Vergewaltigung vor Gericht. Staatsanwältin Petra Grogg forderte für ihn eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, von denen 8 Monate unbedingt zu verbüssen sind.

Die Mutter war tolerant

Das sexuelle Handlungen mit einer 14-Jährigen verboten sind, das habe er sehr wohl gewusst, sagte Yasin H. vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. «Die Mutter war mit der Beziehung einverstanden, sie hat uns sogar zum Essen eingeladen», rechtfertigte er sich. «Heute weiss ich, dass es ein Fehler war.»

Dass es zu Berührungen mit sexuellem Hintergrund gekommen war, stritt er nicht ab, eine Vergewaltigung habe es aber nie gegeben. «Sie hat zwar ab und zu ‹Nein› gesagt», gab er zu. Aber dann sei sie trotzdem wieder gekommen und wollte «rummachen». Die Anzeige erklärte er folgendermassen: «Sie wollte, dass ich bis am Morgen bei ihr bleibe. Dann wäre auch nichts passiert. Ich musste aber früh gehen, weil ich mit meinen Freunden an die Street Parade wollte. Da wurde sie wütend, ging zu einer Freundin, und die hat sie dann zur Anzeige gedrängt. Wäre ich bis am Morgen bei ihr geblieben, stünde ich heute nicht vor Gericht.»

Er gab zwei Versionen an

In der Anklageschrift klang das aber ganz anders. «Er berührte das Kind unter den Kleidern, an den Brüsten und im Intimbereich», steht da. Und beim Anklagepunkt der Vergewaltigung: «Obwohl die 14-Jährige immer wieder sagte, dass sie das nicht wolle, zog er ihr die Hosen herunter, legte sich nackt auf sie und drang mit seinem Penis ohne Kondom in die Vagina ein.»

In der ersten Einvernahme unmittelbar nach der Tat habe Yasin H. Aussagen gemacht, die den Schilderungen des Opfers sehr nahe kamen. «Ich stand unter Schock und sagte alles, um dort wegzukommen», erklärte sich der Angeklagte. «Die Aussagen in der zweiten und dritten Einvernahme stimmen.»

«Er hatte bereits vorher einmal versucht, den Geschlechtsverkehr einzuleiten, sie flüchtete nicht nur aus dem Zimmer, sie flüchtete sogar aus dem Haus», beschrieb Opferanwältin Stephanie Selig die verzwickte Situation des offenbar verliebten aber unreifen Mädchens. Sie forderte eine Genugtuung von 8000 Franken und dass Yasin H. für sämtliche möglichen psychischen Folgen zu 100 Prozent haftbar erklärt wird.

Warum kehrt Opfer zurück?

Verteidiger Rainer Fringeli hakte in seinem Plädoyer bei demselben Anklagepunkt ein, zog aber eine ganz andere Schlussfolgerung. «Bei der dritten Einvernahme wurde plötzlich ein neuer Vergewaltigungsversuch aus dem Ärmel gezaubert», sagte der Rechtsanwalt. «Dass sie ihn einige Zeit danach zu sich einlud, um in ihrem Bett zu übernachten, konnte nur dazu dienen, eine Situation herbeizuführen, die man für eine Anzeige nutzen kann.» Auch sei sie nach der angeblichen Vergewaltigung ins Bett zurückgekehrt, was einfach keinen Sinn mache.

Er wies darauf hin, dass keinerlei Spuren eines Geschlechtsverkehrs an den Kleidern der 14-Jährigen gefunden wurden und dass die medizinische Untersuchung weder Hämatome durch Festhalten noch Spuren eines erzwungenen Eindringens im Genitalbereich ergeben hätten. «Das Gericht muss sich die Frage stellen, warum der Angeklagte zur gemeinsamen Übernachtung mit anschliessendem Zmörgele eingeladen wurde.» Für die sexuellen Handlungen mit einem Kind forderte der Verteidiger eine bedingte Strafe von höchstens vier Monaten und wegen Vergewaltigung einen Freispruch.

Die mündliche Urteilseröffnung folgt am Dienstag um 14 Uhr.

* Name von der Redaktion geändert.