100 Jahre Suva
Unfälle nehmen ab, aber Suva hat noch viel zu tun: «Der Helm muss salonfähiger werden»

Es begann mit einer Versicherungsagentur für gefährliche Berufe. Heute ist die Suva in allen Branchen zuständig – vor und nach Unfällen. Die Anzahl Berufsunfälle nimmt so laufend ab. Es gibt aber noch zu tun, sagt der Stellenleiter der Suva Solothurn.

Noëlle Karpf
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Der Helm eines Bauarbeiters auf einer Baustelle. (Archiv)

Der Helm eines Bauarbeiters auf einer Baustelle. (Archiv)

Keystone

Beim Treppensteigen braucht Kilian Bärtschi den Handlauf. Vorbildlich. «Das wär's noch: ein Unfall bei der Suva», sagt der Stellenleiter der Suva Solothurn lachend, während er die Stockwerke zu seinem Arbeitsplatz hochgeht. Die Solothurner Agentur der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva). Ein grosses Gebäude mit mehreren Büros, Mitarbeiter mit Headsets vor Computern.

Begonnen hat es viel kleiner. Damals befand sich die Solothurner Agentur noch an der Rötistrasse. Schweizweit war die Suva etwa für Unfälle auf dem Bau oder in der Fabrik zuständig, aber nicht für Raufereien auf dem Sportplatz oder in der Bar. Dafür war die Zustimmung der Schweizer Bevölkerung für eine Unfallversicherung gross, als 1916 darüber abgestimmt wurde.

«Die Suva hat nichts gegen Grümpelturniere», sagt der Solothurner Suva-Chef Kilian Bärtschi hinter dem Kickerkasten.    

«Die Suva hat nichts gegen Grümpelturniere», sagt der Solothurner Suva-Chef Kilian Bärtschi hinter dem Kickerkasten.    

Thomas Ulrich

Im Kanton Solothurn sagten knapp 85 Prozent der Stimmbürger damals Ja. So viele wie in keinem anderen Kanton. «Hier dominierte die Industrie», erklärt der 46-jährige Oltner. Er zählt einige Beispiele auf: Uhrenindustrie, Von Roll, SBB. «Früher hatten Todes- oder Unfälle auch noch finanziell verheerende Folgen. Deshalb hat sich der Kanton wahrscheinlich so klar dafür ausgesprochen.»

Solothurn bleibt Vorreiter

Dieser «Goodwill» im Kanton sei heute noch spürbar, sagt Bärtschi. Dann holt er aus, erzählt von Schulterschlüssen, dem Kanton Solothurn als Vorreiter. So hat die Solothurner Agentur der Suva 2016 als erste Agentur schweizweit die Zusammenarbeit von Arbeitgebern, Ärzten und Sozialversicherern geregelt. Was gehört ins Unfallzeugnis, was darf der Arbeitgeber, was muss der Arbeitnehmer im Falle eines Unfalls? Das haben die Beteiligten zusammen festgehalten.

Diese Regeln gelten heute für alle Unfälle – die risikoreichen wie auf der Baustelle (siehe auch Infografik: «Solothurner Unfallstatistik») und die weniger gefährlichen in der Kommunikationsbranche. Und auch im gesamten Freizeitbereich. «Die Suva will nichts verbieten», macht Bärtschi klar. Bewegung sei wichtig. Auch er mache Sport – wenn auch Laufsport. «Das ist ja eher ungefährlich.» Im Gegensatz zu Fussball.

Beim Ballsport verunfallen Solothurner im Vergleich zur Restschweiz öfters – in der Region und ausserkantonal. Zudem kommt es im ganzen Kanton vergleichsweise häufig zu solchen Unfällen – von Solothurnern und Auswärtigen: Fast 40 Prozent der Sportunfälle im Kanton passieren auf dem Fussballplatz. Schweizweit sind es etwa 25 Prozent. «Also die Suva hat nichts gegen Grümpelturniere», stellt Bärtschi klar. Die Suva sei für «Risikobewusstsein». Und dafür, dass sich Spieler vor einem Turnier aufwärmen. «Auch wenn das nicht supersexy ist», so der bald 46-Jährige, der 1997 zu der Suva Solothurn kam.

Versicherte sind wie Kinder ...

Risikobewusstsein. Das beginne im Job. Dafür brauche es einen Chef, der klare Regeln aufstelle und auch darauf beharre, dass diese eingehalten werden. «Wenn der Chef nicht überzeugt ist, kann man das vergessen», sagt Bärtschi klar. Der Arbeitsinspektor kann nicht überall sein. Das soll er auch nicht. «Am Schluss trägt jeder den Helm für sich – nicht für den Chef, nicht für die Suva.» Das sei wie bei Kindern, zieht der zweifache Familienvater den Vergleich. Wenn diese nicht selbst sehen, dass der Helm wichtig ist, bringe es nichts.

Der Helm ist aber vielleicht lästig, ein Sicherheitsgeländer aufzubauen kostet Zeit, dann stresst vielleicht noch der Chef. Unfälle passieren, dessen ist sich Bärtschi bewusst. Und obwohl die Anzahl Berufsunfälle im Vergleich zu früher abgenommen hat, sagt er: «Ich finde es gut, dass man Visionen hat. Aber an die Unfallzahl 0 glaube ich nicht.» Auch er stolpere schliesslich jeweils ein bis zwei Mal im Jahr beim Joggen. «Das ist so schnell passiert.»

Wenn die Suva und die Arbeitgeber aber immer wieder auf den Regeln beharren, wachse dieses Bewusstsein, und die Versicherten nähmen das Wissen vom Arbeitsplatz mit nach Hause. Der Helm müsse salonfähiger werden, so Bärtschi. Die Suva ist immer auch auf ehrliche Versicherer angewiesen.

Stichwort Versicherungsmissbrauch. 100-prozentige Gerechtigkeit gebe es nie, so Bärtschi. Im Schnitt zahle die Suva aber das, was sie müsse – nicht mehr und nicht weniger. Der Missbrauch bewege sich im Promillebereich ist in den vergangenen Jahren aber angestiegen.

Der Mensch steht im Zentrum

In ihrem Geschäft setzt die Suva auch auf Prävention. Im Gegensatz zu den Anfangszeiten nicht mehr mit echten Unfallbildern, die in Fabriken aufgehängt wurden, sondern etwa mit TV-Spots, in denen Dummies von Gerüsten fallen. Die sinkenden Unfallzahlen lassen sich laut Bärtschi auf Prävention zurückführen, aber nicht nur. Es gebe einerseits immer mehr Menschen, die im dritten Sektor arbeiten, in welchem weniger Unfälle geschehen. Andererseits konzentriere sich die Suva heute auch mehr auf den Menschen. Früher eher darauf, Maschinen etwa durch Schutzhauben sicherer zu machen.

Der Mensch steht im Zentrum – auch nach dem Unfall. Darum macht sich die Suva mit ihrem Care-Programm für die Wiedereingliederung stark. Und darum braucht es laut Bärtschi auch im digitalen Zeitalter, in welchem rund 90 Prozent der Unfälle automatisch erfasst und ausgewertet werden können, immer noch Suva-Mitarbeiter, die direkt mit den Versicherten Kontakt haben. Man dürfe das Ganze nicht nur aus «Versicherungsoptik» anschauen, so Bärtschi, der auch Präsident der Solodaris-Stiftung ist.

Diese bemüht sich um die Wiedereingliederung von Menschen mit psychischen Problemen. «Es geht darum, dass die Menschen teilhaben können an der Gesellschaft. Dafür sind wir verantwortlich.» Auch künftig. Einst beschäftigte sich die Suva etwa mit Asbest, der mit der Zeit gesundheitliche Folgen hatte. In Zukunft könnten UV-Strahlen oder Strahlen von Handys Thema sein. Die Suva versichert beim Unfall, begleitet im Ernstfall und verweist schon im Vorfeld auf die Sicherheitsvorschriften: Helm aufsetzen. Handlauf benutzen.

Mehr Informationen zu 100 Jahren Suva gibt es hier

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