Balm bei Günsberg

«Unangenehm aufheulender Lärm»: Nachbarn der Motocrosspiste beklagen sich

Seit Sonntag ist wieder Ruhe auf der Motocrosspiste in Balm – bis im kommenden April die Motoren wieder gestartet werden. (Symbolbild)

Seit Sonntag ist wieder Ruhe auf der Motocrosspiste in Balm – bis im kommenden April die Motoren wieder gestartet werden. (Symbolbild)

Seit 51 Jahren ist die Motocross-Piste in Balm bei Günsberg ein schweizweit bekanntes Mekka für Töff-Fans. Eben so lange ist sie, je nachdem woher der Wind weht, für Einwohner in Balm, Niederwil und Riedholz ein Ärgernis. Doch der Lärm hat staatlichen Segen.

«Eine unnötige Umweltverschmutzung und eine Belästigung der Nachbarschaft» sei die Balmer Motocrosspiste. Das sagt Thomas Tresch, der im Nachbardorf Niederwil lebt, rund ein Kilometer Luftlinie entfernt. Je nach Wind habe er manchmal das Gefühl, die Töffs würden mitten durch seinen Garten fahren. Pro Übungsabend sind es im Schnitt bis zu 20 Maschinen. Auffallend sei auch, dass ein Grossteil der Biker von weit her anreise. «Und wir tragen die Last.»

Aus Balm tönt es ähnlich. Manche Befragte, die sich kritisch äussern, wollen ihren Namen jedoch nicht in der Zeitung lesen. Die Fronten seien verhärtet. Das sagt auch Sybille Rutishauser, die mit richtigem Namen anders heisst. Sie wolle mit niemandem Krach. In der Piste sieht sie ein «absolutes Unding» und wundert sich, «dass man in dieser umweltsensiblen Zeit so was noch erlaube.» Der Balmer Urs Lüthi engagierte sich vor Jahrzehnten gegen den «aggressive und unangenehm aufheulenden» Lärm und erreichte mit anderen, dass wenigstens an Samstagen nicht mehr gefahren wird. Einige Befragte in Balm zeigen aber auch Toleranz. «Es muss nicht immer Friedhofstille sein» und «man soll nicht immer alles verbieten», ist dann zu hören.

Störfaktor im Naherholungsgebiet

Die Region rund um Balm wird weitherum als Naherholungsgebiet genutzt. Balm ist gleichbedeutend mit Ruhe und landschaftlicher Schönheit. Genau dieses Image will der Gemeinderat des kleinen Dorfes am Fusse des Balmbergs fördern. Die Piste am Waldrand steht dazu in krassem Gegensatz. Was dort von April bis Ende der Sommerzeit jede Woche an drei Werktagen von 16.30 bis 20 Uhr abgeht, ist für Nicht-Motorradbegeisterte kaum wirklich erholsam. Als 2006 Motocrosskreise ihre Kinder und Jugendlichen am Mittwochnachmittag trainieren lassen wollten, winkte der damalige Balmer Gemeindepräsident François Emmenegger ab und sagte:«Wir können den Leuten nicht noch mehr Lärm zumuten.»

Illegal ist das alles nicht. Zumindest nicht seit 33 Jahren. Die Geschichte dahinter: Der Betrieb basiert auf einer Verfügung des kantonalen Baudepartementes aus dem Jahre 1986. Damals existierte die Piste schon seit 18 Jahren – illegal. Denn ein Baugesuch ist nie eingereicht worden. Dieses wurde dann vom Betreiber der Piste, dem Landwirt Andreas Gygli, eingefordert. Daraufhin gab es die erwähnte Verfügung mit unbeschränkter Betriebsbewilligung samt Lärmvorschriften. Heute würde eine solche Piste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr bewilligt.

Die Verfügung habe jedoch juristisch denselben Stellenwert wie eine Baubewilligung für ein Haus. Sie könne weder rückgängig gemacht, noch abgeändert werden: Das sagt Pascal von Roll, Juristin und Balms Gemeindepräsidentin sowie stellvertretende Staatsschreiberin. Deswegen seien Balm sowie die andern politischen Behörden mitbetroffener Dörfer machtlos. Das bestätigt die Rechtsabteilung des kantonalen Baudepartementes und schreibt: «Die Baubewilligung kann nicht widerrufen werden; denn es gilt der Vertrauensschutz.» So absolut stimmt das aber nicht (siehe Box).

Noch mindestens fünf bis zehn Jahre Weiterbetrieb

Andreas Gygli wurde kürzlich 65 und verkaufte seinen Hof und das dazugehörige Land samt Motocrosspiste an die Familie von Gemeindepräsidentin Pascale von Roll. Dies unter der Bedingung, dass er die Bahn weiter betreiben darf. Geschätzte jährliche Einnahmen: rund 52'000 Franken. Der Kaufvertrag gestattet den Betrieb für weitere zehn Jahre. Das heisst: Erst in zehn Jahren wird entschieden, ob Gygli die Piste weiter betreiben kann oder nicht.

Ausser dem Motorengeheul und den Abgasen hat die Gemeinde nichts von der Piste. Von Rolls, die Biolandwirtschaftbetreiber, wollten sie eigentlich mit dem Kauf des Landes schliessen. Als Motocrossfan war Andreas Gygli jedoch nicht dazu bereit, auch nicht gegen eine Entschädigung. So einigte man sich auf einen Kompromiss: Frühestens nach fünf Jahren kann er vom Vertrag zurücktreten und bekommt eine Entschädigung. Verzichtet er früher auf die Piste, ist keine Kompensation vorgesehen.

Weil das auf- und abschwellende Motorengeheul schon bei Betriebsbeginn von Unbeteiligten als unangenehm empfunden wurde, wollte Andreas Gygli 1986 einen Erdwall als Lärmschutz bauen. Der Kanton lehnte ab und schrieb, der Erdhaufen würde nichts bringen. Der Lärm breitet sich nämlich auch gegen oben aus und sei, Zitat aus der Rathauspost, «wahrscheinlich am Waldrand zusätzlich reflektierend.» Bäume wirken wie ein akustischer Spiegel, wie spätere Studien in Zürich zeigten. Mit oft grosser Reichweite. Der Schall wird weit nach oben getragen. So klagen Balmfluhköpfli-Wanderer manchmal über den Lärm, der der von unten her in die Idylle auf 1'289 m ü.M. einbricht.

Für die Lärmbelastungen durch Motocrosspisten gibt es laut Baudepartement keine Grenzwerte. Allerdings schreibt die Verfügung des Kantons Lärmkontrollen an den Maschinen vor. Die macht nicht etwa der Kanton selber, sondern die Fahrenden, beziehungsweise die FMS (Swiss Federation Motocross Championship). Zentralpräsident der FMS, die rund 160 Clubs vertritt, ist der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann. 2008 organisierte er im Namen der FMS eine Petition «gegen die Diskriminierung des Motocross» an die Solothurner Regierung. Unterschrieben von 14'400 Fans. Die FMS muss die Lärmmess-Resultate dem Kanton übermitteln. Zu laute Töffs werden aus dem Verkehr gezogen, schreibt das Amt für Umwelt. 2017 seien an sechs Messtagen zwei von 35 kontrollierten Maschinen zu laut gewesen. Letztes Jahr seien an ebenfalls sechs Messtagen keine Motorräder beanstandet worden.

Die Kontrolleure kontrollieren sich also sozusagen selbst. Wie unabhängig sind diese Messungen? Dazu das Amt für Umwelt: Die Messungen sollen nicht nur Anwohner schützen sondern die Fahrer dazu bringen, das Reglement der FMS einzuhalten. «Zu hohe Lärmwerte würden einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Daher werden die Messungen schon seriös durchgeführt.» Hintergrund: Einzelne Fahrer manipulieren ihre Maschinen so, dass sie besonders laut aufheulen und mehr Leistung bringen.

Ausser dem Lärm werden keine Emissionen kontrolliert. So sei nie untersucht worden, ob die Wiese neben der Piste mit Schadstoffen wie Blei oder Cadmium belastet sei, sagt Pascale von Roll auf eine entsprechende Frage. Eine Schadstoff-Analyse würde das Problem eh nicht lösen, glaubt die Gemeindepräsidentin. «Weil dann wohl einfach ein Teil der Wiese nicht mehr als Futterlieferant verwendet werden dürfte, die Piste hingegen weiter betrieben würde.»

Lärm ist das Geräusch der anderen

In einem Merkblatt für Gemeinden schreibt der Kanton: «Lärmige Arbeiten sollen nur während begrenzten Zeiten durchgeführt werden, z.B. an Werktagen von 08.00 bis 12.00 und 13.30 bis 19.00 Uhr.» Zudem gibt es Grenzwerte. Was aber sind sie wert? Lärm ist eine schwerlich objektiv fassbare Grösse. Die NZZ lieferte dazu einst treffende Thesen: «Lärm ist das Geräusch der anderen. Oder hat sich je einer beschwert, dass ein Katastrophenalarm zu laut sei? Also, These zwei: Die übelste Form von Lärm ist die, welche als sinnlos wahrgenommen wird.» Ein Motocrossfan wird also die Stimme seines Töffs als «cool» oder «geil» wahrnehmen. Andere hingegen als akustische Hässlichkeit.

Fazit: Nur der Vertragspartner des Kantons, nur Andreas Gygli allein könnte rasch die ersehnte Ruhe bringen, indem er die Piste schliesst. Aber er will nicht. Ihm sei zwar der Unmut in Balm bewusst, aber offenbar sei nichts zu machen, sagt Pascale von Roll. Er selber verteidigt sich gegenüber dieser Zeitung so: «Lärm gibt es überall. Zudem fahren wir ja nicht in der Nacht.» Als übrige umstrittene Lärmquellen der Umgebung erwähnt er Schiessstände der näheren Umgebung, wie etwa Niederwil. Notabene seit Jahrzehnten für viele Nichtschiess-Fans ebenfalls ein akustischer Schandfleck.

Dass es kein dröhnender Benziner sein muss, der Töff-Spass vermittelt, zeigte Motocross-Freestyle-Weltmeister Mat Rebeaud im vergangenen Mai: Mit einem elektrisch angetriebenen Motorrad vollführte er sogar Saltos. Warum also Balm nicht «elektrifizieren»? Die Idee einer Elektropiste, vielleicht sogar als viel beachtete Schweizer Première, gefällt dem pensionierten Bauern Gygli. Inzwischen gebe es ja auch leistungsfähige E-Maschinen. «Doch die Fahrer sind noch nicht bereit. Vielleicht in drei, vier Jahren.»

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