Beim zweiten Versuch hätte er sich seine IV-Rente fast erschlichen. Zwei Psychiater glaubten dem ehemaligen Giesser, als er ihnen von seinem eigenbrötlerischen Leben erzählte - ein Alltag, angeblich ohne menschliche Kontakte.

Sie bezeugten dem 50-jährigen Schweizer Ende August 2010 volle Arbeitsunfähigkeit. Einer der Gutachter war bei den Psychiatrischen Diensten tätig. «Aufgrund der medizinischen Unterlagen wäre es zu einer Rente gekommen», sagt Claudine Loosli, Leiterin Bekämpfung Versicherungsmissbrauch bei der Solothurner IV-Stelle.

Observation legt Betrug offen

Nur eine anonyme Anzeige verhinderte den Betrug, der sich anbahnte. Die IV schicke den Sozialdetektiv los und liess den Mann während zweier Monate überwachen. Was der Detektiv sah, widersprach den Gutachten.

Die Observation zeigte einen geselligen Menschen, der Kontakte pflegte, «ohne dabei in erkennbarer Weise durch Schmerzen behindert zu werden». So hält es das Bundesgericht fest, das nun definitiv entschieden hat, dass der Mann keine Rente erhält.

«Ein grösserer Unterschied zwischen den Schilderungen gegenüber den Psychiatrischen Diensten einerseits und dem beobachteten Verhalten andererseits» lasse sich kaum vorstellen, hielt das Gericht fest. Das Urteil ist ein Dickicht aus Gutachtern, Lügen, anonymen Anzeigen, Sozialdetektiven und Gerichtsverfahren.

Martin Gabl, Geschäftsleiter der Solothurner IV-Stelle, hat den Überblick über den «besonders krassen Fall», der auch intern für Aufsehen gesorgt habe. Am Ende steht auch die Frage, wie man Gutachtern trauen kann.

«Bei psychischen Leiden ist man sehr auf die Aussagen der Leute angewiesen. Man kann sie nicht röntgen», sagt Claudine Loosli. «Es ist keine exakte Wissenschaft», bestätigt Martin Gabl. Auf jeden Fall werde den Gutachtern eine Rückmeldung gegeben, einen Vorwurf könne man niemandem machen.

Tatsächlich fiel es dem Mann leichter, ein psychiatrisches Gutachten zu erhalten. Bereits 2009 hatte er versucht, aufgrund körperlicher Beschwerden eine IV zu erhalten, ist aber nach drei ärztlichen Gutachten gescheitert. Schmerzen an Kopf, Rücken, Gelenken und Hals machte der Mann damals geltenden. Drei Experten verneinten ein Leiden.

2013: 99 Verdachtsmeldungen

Der Mann ist ein Einzelfall und doch nicht: Es sind ständig rund 100 Fälle hängig, bei denen ein Betrugsverdacht vorliegt. 99 Mal hat die Versicherungsstelle 2013 eine Verdachtsmeldung erhalten - nur dann wird sie aktiv.

In zehn Prozent der Fälle kam es zu einer Observation. «Sie gilt als letztes Mittel», sagt Claudine Loosli. «Es muss ein begründeter Anfangsverdacht vorliegen.» Und es stört die IV nicht, wenn die Verdachtsmeldung per Brief, Telefon anonym eingeht.

Sogar auf der Homepage der Stelle können Nachbarn, Verwandte, Bekannte mutmassliche Betrugsfälle auch anonym mitteilen. «Die Leute, die Meldungen machen, haben Angst», so Loosli.

Immerhin 30 Prozent der Meldungen sind letztes Jahr so erfolgreich gewesen, dass es zu einer Aufhebung, Verweigerung oder Kürzung der Leistungen gekommen ist. Das lohnt sich: 2013 hat die IV-Stelle Solothurn so 9,6 Mio. Franken eingespart, d. h. so viel Geld wäre bis zur Pensionierung der aufgeflogenen Bezüger angefallen.

Und wie teuer kommen die Observationen? Konkrete Zahlen nennt die Versicherungsstelle nicht. «Rentieren tun sie jedenfalls», sagt Claudine Loosli. «9,6 Mio. Franken haben wir sicher nicht ausgegeben.»

Oft gehen Verdachtsmeldungen allerdings ins Leere: Dann zeigt jemand eine psychisch kranke Person an, die im Garten arbeitet. Dahinter steckt oft ein falsches Verständnis der Invalidenversicherung.

«Es gibt auch Leute, die 100 Prozent arbeiten und eine Rente erhalten», sagt Martin Gabl. Denn bei der IV geht es um den Verdienstausfall. Kann jemand, etwa ein Banker, der nach einem Unfall als Hilfsarbeiter arbeitet, nur noch 60 Prozent seines früheren Einkommens erwirtschaften, erhält er Anspruch auf Unterstützung.

Keine Zahlen nennt die IV auch zu den Fällen, die sie selbst abklärt. Es gibt einen besonders geschulten Mitarbeiter, der ebenfalls zu Personen nach Hause geht. «Wir machen selber Abklärungen vor Ort», sagt Claudine Loosli.

Für längerfristige Observationen werden Privatdetektive engagiert. Die Dauer der Observationen ist unterschiedlich. «Bei einem Rückenleiden kann man schnell etwas feststellen. Bei psychischen Fällen kann es über ein Jahr gehen, bis sich ein Bild verfestigt.

Seit 2008: 12 Strafanzeigen

Verlängert wird das Verfahren dadurch, dass die Arbeitsfähigkeit durch die Mediziner festgelegt werden muss - die Ergebnisse der Ermittlungen reichen noch nicht, sondern müssen durch einen Arzt beurteilt werden. «Lügen alleine reicht nicht aus, um eine Rente zu verlieren», sagt Claudine Loosli. Bei bestehenden Renten brauche es in jedem Fall einen Revisions- oder Wiedererwägungsgrund.

Trotz der Missbrauchsfälle: Zu Strafanzeigen ist es in den letzten Jahren nur sehr selten gekommen. 12 Anzeigen sind es, seit die IV 2008 die rechtliche Grundlage für die Observationen erhalten hat.

«Strafanzeigen werden nur gemacht, wenn wir den Missbrauch selber nachweisen können», sagt Loosli. Die Rente könnte rückwirkend fünf Jahre lang zurückgefordert werden. «Meistens ist das Geld aber schwer einbringbar.»

Der eingangs erwähnte Fall beunruhigt Martin Gabl. 8363 Rentenbezüger gibt es bei der IV Solothurn. «Den wirklich psychisch Kranken hat der Mann einen Bärendienst erwiesen. Solche Fälle fördern einen Generalverdacht», so der IV-Chef. «Ein Sozialdetektiv soll nicht normal sein», sagt Gabl. «Die Anzahl Betrüger ist gering. Aber ein Betrugsfall kostet schnell sehr viel.»