Auf der Pirsch
Ueli Marti: «Wenn es nicht kribbelt, ist man kein richtiger Jäger»

Seit Ueli Marti volljährig ist, geht er auf die Jagd. Fuchs, Dachs, Wildsau, Reh und Rotwild hat er bereits erlegt. Wir konnten den Jäger aus dem Leberberg begleiten.

Christof Ramser
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Trotz des jungen Alters bereits mit stattlichem Geweih: Ueli Marti und der erlegte Rehbock.

Trotz des jungen Alters bereits mit stattlichem Geweih: Ueli Marti und der erlegte Rehbock.

Ramseier

Vier Meter über dem feuchten Waldboden schlägt Ueli Marti die Augen auf. Seit Stunden liegt er mit angezogenen Knien auf der Holzpritsche. War das nicht ein Rascheln unten im Gebüsch? Lautlos richtet er sich auf und späht zwischen Brettern hervor. Tatsächlich. Unten in der Suhle, zwischen Büschen und Bäumen, steht ein Wildschwein. Genau dort, wo die Maiskolben und Nüsse das Tier anlocken sollten.

Es 1 Uhr morgens. Der Vollmond steht hell über dem Leberberg, und Ueli Marti kann von seinem Hochsitz aus das Tier mit dem schwarzborstigen Fell deutlich ausmachen. Mit dosierten Bewegungen, fast wie ein Roboter, nimmt er das Gewehr in den Anschlag und wartet. Das Einzige, was jetzt am Fuss des Bettlachstockes, unweit des Brüggligrates, noch zittert, ist das Laub in den Baumkronen. So vergehen die Minuten. Dann springt der Keiler mit einem Satz aus der Kuhle, genau ins Fadenkreuz. Der Schuss trifft mitten in die Flanke.

Seit Wochen war Ueli Marti vergeblich auf seinen Jägersitz gekommen. Für die Schwarzwildjagd braucht es in diesen kalten Nächten viel Geduld. Die Wildschweine hatten sich nicht mehr gezeigt. «Gehört habe ich sie im Unterholz. Doch zu Gesicht bekam ich sie nicht mehr.» Selbst vom Futter liessen sie sich nicht anlocken, nachdem eine Rotte aus 16 Frischlingen und 4 grossen Sauen alles weggefressen hatte. Bloss einmal nahm die Kamera, die der Jäger an den Baum gespannt hat, eine Albino-Sau auf. Im weissen Fell ist ein dunkler Fleck ausgespart. Ein gelungener Schnappschuss. Lieber hätte der Weidmann einen richtigen Treffer gelandet.

Allein das Zuschauen ist schön

Ueli Marti schliesst die Luke seines Hochsitzes und klettert die Leiter hinunter. Er grämt sich nicht, in dieser Nacht ohne Beute nach Hause zu kommen. Und seine Frau Erna ist erleichtert, wenn sie ihn heimkommen hört, selbst wenn es mit leeren Händen ist. Schon oft hatte er ein Tier im Visier, einen stolzen Rehbock oder eine prächtige Wildsau. Und drückte dann doch nicht ab. «Weil es so schön ist, den Tieren zuzuschauen. Ich habe doch schon so viel geschossen in meinem Leben.»

Seit er 18-jährig ist, geht der Bettlacher auf die Jagd. Fuchs, Dachs, Wildsau, Reh und Rotwild hat er erlegt. Einen Hirsch hat er in seinem Revier Bettlachstock aber noch nie geschossen. Einzig im Gebiet Kestenholz/Aarwangen gebe es einige Hirsche. Vom Leberberg bleiben sie mangels Wildkorridoren fern.

Ein Schiesswütiger ist Ueli Marti also nicht. Anders als die Waffennarren damals in Neuseeland, wo der pensionierte Polier zwei Jahre lebte, arbeitete und mit seiner Frau Hochzeit feierte. Dort feuerten sie mit Maschinengewehren aus Helikoptern, um die Hirschpopulation einzudämmen. Ueli Marti machte da nicht mit.

Weil er nicht aus Freude am Töten jagt. Sogar ein Vegetarier würde sich mit dem 70-Jährigen auf dem Hochsitz wohl verstehen. Obwohl es ihn manchmal schon in den Fingern juckt. Dann wacht er zu Hause auf und weiss: Heute könnte er Beute machen. «Dann spüre ich ein Kribbeln. Richtig beschreiben kann ich dieses Gefühl nicht.» Es sei aber notwendig, um auf die Jagd zu gehen. «Sonst ist man kein richtiger Jäger.»

Herz mit Sauce

Kürzlich kam das diffuse Kribbeln wieder. «Es war, als ob mir jemand sagte: Jetzt musst du auf den Ansitz.» Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Schon bald, nachdem er oberhalb von Bettlach auf dem Ansitz war, kam eine Rehgeiss mit den drei Kitzen aus dem Wald. Einige Minuten tollten die Jungen auf dem Feld herum und verschwanden wieder zwischen den Bäumen. Dann trat der Rehbock ins freie Gelände.

Nach dem Knall kam er noch ein paar Meter vorwärts, dann plumpste er ins Gras. Der Schuss trat auf der Flanke ein, durchbohrte den Körper und trat auf der anderen Seite wieder hinaus. Der grosse Schweissfleck, wie das Blut im Jargon heisst, deutete an, dass das Tier tot war. «Für ein letztjähriges Tier hat er schon ein aussergewöhnliches Geweih», sagt Marti, bevor er dieses mit der Säge abtrennt. Es ist ein Gabler mit zusätzlichen Sprossen an den Geweihstangen.

Zwei Tage später zu Hause in der Bettlacher Hänselmatt zieht ein aromatischer Duft durch die Küche. In der Pfanne köchelt Erna Marti das Herz des Rehbocks. «Das Verspeisen überlasse ich meinem Mann.» Sie habe es ohnehin nie gerne gemocht, wenn die «Tierli» abgeschossen werden. «Schon als Kind taten mir diese leid.»

Doch sie akzeptiert das Brauchtum ihres Mannes, das eine Familientradition ist. Bereits der Vater und der Grossvater gingen auf die Jagd. Und das Wildfleisch verschmäht sie ja auch nicht. Der Herzmuskel ist etwas zäh und kräftig im Geschmack. «Mit einer Sauce schmeckt das gut», sagt der Jäger. Er verwertet sämtliches Fleisch selber. Wollte er das Fleisch der Wildschweine an Restaurants verkaufen, müsste ein Stück des Zwerchfellmuskels im Labor auf den Parasit Trichinen untersucht werden. Privat darf es auch ohne Kontrolle verzehrt werden.

Noch bis im Februar darf Ueli Marti die Wildschweine jagen. Dann beginnt die Schonzeit. Es werden manche Mondscheinnächte auf dem Hochsitz unter dem Brüggligrat kommen, in denen der Jäger auf dem Hochsitz kauert und wartet, bis es im Unterholz grunzt. Kommende Nacht ist wieder Vollmond.