Die Deutschen. Wir Schweizer verstehen sie nicht immer. Manchmal braucht es nur ein Wort. Wehe, wenn das, was der Redaktionskollege sagt, einem anderen zufällig in den falschen Hals gerät. Der kriegt dann unter Umständen etwas von der berühmt-berüchtigten Berliner Schnauze ab (in Wahrheit ist diese allerdings in fast 100 Prozent der Fälle viel freundlicher als ihr Ruf). «So nicht, Herr Kollege. Ich lasse mich nicht anschreien», schreit ein Kollege gerade ins Telefon. Wenn es sein muss, dann wird in Deutschland Klartext gesprochen. Der Schweizer hätte präventiv den grösstmöglichen Bogen um jedes dieser Wortgefechte gemacht.

Gleiches Thema, anderes Beispiel. Das bedingungslose Grundeinkommen. Für den Schweizer war von Beginn an klar: Das wird an der Urne abgelehnt. Die Diskussion? Eher für die Galerie. In deutschen Medien dagegen hat die Abstimmung jedoch ein grosses Echo ausgelöst, obwohl hier niemand abstimmen durfte. Aber man darf ja wohl noch diskutieren.

Gleiches Thema, ernstes Beispiel. In einem Käfig vor dem Berliner Gorki-Theater sind derzeit mehrere Tiger eingesperrt. Nächsten Dienstag sollen sie lebendige Flüchtlinge verspeisen. Das klingt nach einem Witz, ist es aber nicht (nur). «Flüchtlinge Fressen – Not und Spiele», heisst die Aktion, die das Zentrum für politische Schönheit initiiert hat und über deren Ausgang die Hauptstadt rätselt.

Eine Syrerin will aus Protest gegen die europäische Flüchtlingspolitik angeblich freiwillig ins Gehege gehen, wenn die deutsche Bundesregierung nicht demnächst ein Gesetz ausser Kraft setzt. Nämlich den Paragrafen, dass Flüchtlinge nicht mit dem Flugzeug einreisen dürfen. Fluggesellschaften erlauben das nicht, weil sie von Gesetzes wegen hohe Bussen zahlen müssten. Man kann die Aktion als zynisch ansehen. Aber sie stellt die Frage: Ist es nicht ebenso zynisch, dass Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ihr Leben riskieren müssen, weil sie nicht anders nach Europa gelangen können?

Die provokante Aktion hat dieselbe Truppe initiiert, die vergangenes Jahr beim Zürcher Neumarkt-Theater Roger Köppel verfluchen wollte. Der Unterschied ist: Deutschland reagiert ganz anders auf die Provokation. In der Schweiz war die fast einhellige Meinung, von rechts bis zu Intellektuellen wie Adolf Muschg: Frechheit, Skandal, Unsinn. Diskussion beendet. Hier in Berlin gibt es zwar durchaus Kommentare, die denen in der Schweiz ähnlich sind. Und die – notabene linke – Tageszeitung «taz» spricht von einem «krassen Scheiss». Der Grossteil der Diskussion setzt sich jedoch mit dem Thema auseinander.

Zeitungen berichteten über den Inhalt der Aktion, Intellektuelle und Spitzenpolitiker sassen im Theatergarten und haben Fragen rund ums Thema diskutiert. Natürlich ändert längst nicht jeder seine Meinung aufgrund der geführten Diskussion. Aber Zuhörer und Zuschauerinnen in Deutschland können sich oft ein vielfältigeres Bild machen. Und wenn der Herr Kollege mal etwas lauter war, ist die Situation nachher immerhin geklärt. Der eine nimmt hier dem anderen die Auseinandersetzung nur selten übel.

Die Deutschen. Wir Schweizer verstehen sie nicht immer. Wir haben einfach noch nicht genug mit ihnen diskutiert.

* Unser Redaktionskollege Lucien Fluri arbeitet während dreier Monate bei der «Berliner Zeitung». Er berichtet hier regelmässig von seinen Eindrücken.