Etwas mehr als eine Stunde braucht Sebastian Bischof jeden Morgen zur Arbeit, 90 Kilometer in seinem silbrigen Geländewagen. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Viele Menschen pendeln. Doch Bischof – Fünftagebart, Glatze und schwarze Ohrstecker – ist kein gewöhnlicher Pendler. Der Vater eines kleinen Sohnes ist Grenzgänger.

Er lebt im süddeutschen Waldshut und arbeitet in Matzendorf beim Sanitärbetrieb Wyss, einer Zweimannfirma. «Ich pendle schon mein halbes Leben», meint Bischof gelassen, «jetzt eben über die Grenze.»

Eigentlich ist der 35-Jährige ja seit je ein Grenzgänger. Er wächst in der Nähe von Dresden in der damaligen DDR auf. Nach der Wende lässt er sich in Bayern zum Sanitärinstallateur ausbilden. Von Montag bis Freitag lebt er dort, dann reist er zurück in den Osten. «Auch da gab es ein deutliches Gefälle», erinnert sich Bischof. Die Löhne seien im Osten tiefer gewesen, das Arbeitsklima rauer. Wenn er «auch da» sagt, meint er damit die Unterschiede, die er ein Jahrzehnt später wieder spürt.

2005 sieht Bischof eine Stellenanzeige, in der Schweiz werden Sanitärinstallateure gesucht. Das passt: Bischof, der längst in Süddeutschland lebt, ist mit seinen Arbeitsbedingungen unzufrieden. Und der Sanitärunternehmer Kurt Wyss hatte damals «grosse Schwierigkeiten, hierzulande einen neuen Mitarbeiter zu finden». Bis heute herrscht in der Sanitärbranche ein Fachkräftemangel.

«Qualität und Quantität»

«Wir haben mehr Papierkram zu erledigen», antwortet Kurt Wyss auf die Frage, worin sich ein Deutscher und ein Schweizer Arbeiter unterscheiden. Und sonst? Viel mehr gebe es nicht, sagt Wyss. «Am Anfang hatte Sebastian ein paar Schwierigkeiten mit dem Schweizerdeutschen.» Bischof schmunzelt, Wyss lacht. Wenn Sebastian Bischof das Arbeiten in der Schweiz und in Deutschland vergleicht, kommt er zu einem einfachen Schluss: «Bei Schweizer Handwerkern stimmen Qualität und Quantität, in Deutschland gibt es oft nur das eine.» Gerade «im Tütschen» – wie Bischof sagt – sei die Stimmung vergifteter, oft streng hierarchisch. Negative Reaktionen wegen seiner Herkunft gab es keine. Sein Chef weiss aber: «Vor ein paar Jahrzehnten wäre es vielleicht komisch gewesen, wenn ein Deutscher auf der Baustelle auftaucht.»

Solothurn ist kein typischer Grenzgänger-Kanton, trotzdem ist die Zahl der Grenzgänger zwischen 2003 und 2013 um 58 Prozent gestiegen. Das zeigen Erhebungen des Bundesamts für Statistik. Von den 1844 Grenzgängern, die im dritten Quartal 2013 im Solothurnischen arbeiteten, wohnten 1099 in Frankreich. 716 stammten wie Bischof aus Deutschland. Abgeschlagen folgen Italien mit 10 Grenzgängern und Österreich mit deren 9.

Viele Hilfsarbeitskräfte

Grenzgänger leben aber nicht nur in den Nachbarländern. «Theoretisch kann jemand seinen Hauptwohnsitz in London haben», sagt Peter Hayoz vom kantonalen Migrationsamt. Grenzgänger seien lediglich verpflichtet, einmal wöchentlich in ihren Wohnstaat zurückzukehren. «Der grosse Teil lebt jedoch in den umliegenden Ländern», relativiert Hayoz. Tatsächlich: Gerade einmal zehn Grenzgänger aus Nicht-Nachbarländern arbeiteten 2013 im Kanton: je einer aus Irland, Grossbritannien und Luxemburg, je zwei aus der Slowakei und Liechtenstein sowie drei aus den Niederlanden.

Anders als Sebastian Bischof üben Grenzgänger tendenziell weniger gut qualifizierte Berufe aus: 702 der im dritten Quartal registrierten Grenzgänger in Solothurn gelten als Hilfsarbeitskräfte. Peter Hayoz weiss: «Oft haben diese Jobs, für die sich keine Schweizer finden lassen.» 299 Grenzgänger arbeiteten in handwerklichen Berufen, 245 fielen in die weit gefasste Berufsgruppe «Anlagen- und Maschinenbediener» und 159 in «Techniker und gleichrangige Berufe».

Unverzichtbar für Uhrenindustrie

In welchen Bereichen oder Unternehmen Grenzgänger genau arbeiten, darf Hayoz aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen. Nur so viel: Viele seien etwa in der Uhrenindustrie tätig. Breitling, ETA und Fortis wollen auf Anfrage nicht bestätigen, ob in ihren Fabriken in Grenchen Grenzgänger arbeiten. Béatrice Howald, Sprecherin vom ETA-Mutterhaus Swatch, verrät immerhin: «Die Schweiz ist so klein, dass wir fast überall Grenzgänger beschäftigen.» Branchenkenner sind sich einig, dass die Uhrenhersteller nicht mehr auf Grenzgänger verzichten können. Allein im Jurabogen, dem Schweizer Uhrenparadies, hat sich die Zahl der «Frontaliers» seit 2002 auf 40 000 verdoppelt.

Überhaupt geben sich viele Unternehmen wortkarg, wenn es um Grenzgänger geht. Offener ist Harry Bechler, stellvertretender Personalchef beim Fleischverarbeiter Bell. «An unserem Standort in Oensingen arbeiten 21 Mitarbeiter, die aus dem Ausland in die Schweiz pendeln», sagt er – vorwiegend aus Deutschland und Frankreich.

Umzug in die Schweiz?

Sebastian Bischof arbeitet seit bald zehn Jahren in Matzendorf. Er sagt offen: «Solange die Löhne in Deutschland mies sind, bleibe ich hier.» Ein Umzug in die Schweiz ist für ihn aber keine Option, er und seine Frau seien in der deutschen Heimat verwurzelt. Gibt es etwas, was Bischof in der Schweiz vermisst? Er überlegt kurz, schüttelt dann den Kopf: «Gar nichts, ich bin sehr glücklich.»