Wirtschaftspodium
UBS-Chefökonom: «Europa ist der wichtigste Kunde»

Daniel Kalt, Chefökonom der UBS Switzerland AG, erläuterte an einem Anlass im Solothurner Landhaus, dass die Klärung des Verhältnisses der Schweiz zu Europa existenziell ist.

Franz Schaible
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Fordert «eine Regulierungsbremse»: UBS-Mann Daniel Kalt.

Fordert «eine Regulierungsbremse»: UBS-Mann Daniel Kalt.

Hanspeter Bärtschi

Zwar zeichnete Daniel Kalt kein durchweg schwarzes Bild für die Entwicklung der Schweizer und der Solothurner Wirtschaft. Das Land sei trotz Frankenstärke nicht in die Rezession abgeglitten. Und es sei gelungen, die Stärken wie Innovationskraft, flexibler Arbeitsmarkt und solide Staatsfinanzen zu bewahren, erklärte der Chefökonom der UBS Switzerland AG am von der Handelskammer, der Wirtschaftsförderung und der Grossbank im Solothurner Landhaus durchgeführten Anlass «Wirtschaftsausblick».

Aber die mittelfristigen Herausforderungen seien gross. So führe die Geldpolitik mit Negativzinsen zu schädlichen Nebenwirkungen. Mit eindrücklichen Zahlen zeigte Kalt auf, wie die Negativzinsen auf langlaufenden Staatsanleihen das Vermögen der Anleger und der Pensionskassen wegfressen. Oder dass die Finanzierung der AHV aus demografischen Gründen nicht mehr finanzierbar sei. Oder die schleichende Deindustrialisierung.

Über die vergangenen 25 Jahre sei die Zahl der Beschäftigten vorab im zweiten Sektor deutlich gesunken, welche zwar durch neue Beschäftigung im Dienstleistungssektor kompensiert worden sei. «Aber unter dem Strich wurden keine neuen Arbeitsplätze geschaffen», sagte Kalt.

Ausser im Gesundheits- und Sozialwesen und in der öffentlichen Verwaltung. Und im Regulierungsbereich habe sich die Position der Schweiz massiv verschlechtert. Gemessen an der Regulierungsdichte sei die Schweiz von Platz 3 im Jahr 2004 auf Rang 26 im Jahr 2016 abgerutscht. Als ein Beispiel nannte er den Umgang mit Baubewilligungen. Dort liege die Schweiz auf Rang 56, einen Platz hinter Paraguay. Wiederholt sprach sich Kalt deshalb für «eine Regulierungsbremse» aus.

Bilaterale als Erfolgsfaktor

Ganz entscheidend für die Zukunft der Schweiz sei das Verhältnis zu Europa. Einerseits sei die Schweiz dank ihrer Unabhängigkeit, der direkten Demokratie und dem Föderalismus – gemessen an der Staatsverschuldungsquote – so erfolgreich. Andererseits beruhe der Erfolg der Schweiz auch auf ihrer Offenheit und der globalen Ausrichtung ihrer Unternehmen. Mit Abstand verfüge die Schweiz weltweit über die höchste Dichte an erfolgreichen, global agierenden Firmen. Die beiden Stärken zusammen stünden für den bilateralen Weg als Erfolgsfaktor für die Schweiz.

In der anschliessenden Podiumsdiskussion zum Thema «Schweiz und Europa – Europa als Chance?» bestätigte Rudolf Obrecht, Chef der Pfister Arco Holding (Möbel Pfister), die Befunde des Ökonomen. Leider würden die geschilderten Herausforderungen oft ausgeblendet. Die Schweiz habe insbesondere im Baubereich eine unglaubliche Regulierungsdichte und die Deindustrialisierung sei am Laufen.

Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler versuchte, Gegensteuer zu geben. Sie verwies auf die Ansiedlung von Biogen, für deren Riesenprojekt innerhalb eines Jahres die Baubewilligung auf dem Tisch lag. Moderator Reto Brennwald hakte unter Applaus des Publikums nach und wollte wissen, wie die Abläufe aussehen, wenn der Gesuchsteller nicht Biogen heisse, sondern ein gewöhnliches KMU sei.

Gassler gestand ein, dass ein Einzelner ein Projekt «bis zum Abwinken» blockieren könne. Aber das liege nicht in der Verantwortung der Verwaltung, sondern an den zahlreichen Rechtsmitteln, die jedermann ergreifen könne. Pauschale Aussagen wie «Unternehmer sind gut, der Staat ist böse» griffen zu kurz. Die Verwaltung müsse Sicherheit und Zuverlässigkeit bieten und das alles habe seinen Preis. «Wir greifen nicht mehr ein als nötig.»

«Die Kosten sind zu hoch»

Raimund Baumgartner, CEO der Seilbahn-Kabinenbauerin CWA in Olten, führte die Diskussion auf das Kernthema Europa zurück. Europa dürfe nicht als Feind betrachtet werden, sondern als «der wichtigste Kunde» der Schweizer Wirtschaft. Es wäre unverständlich, die bilateralen Verträge wegen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative zu gefährden, ergänzte Rudolf Obrecht. «Unser Problem ist, dass die Kosten zu hoch sind.»

Es gelte dafür zu sorgen, dass diese nicht weiter steigen und die Automatisierung in allen Bereichen weitergetrieben werde. Am verfügbaren Geld dazu fehle es nicht, sagte Thomas Sommerhalder, Regionaldirektor und Leiter Unternehmenskunden der UBS Aargau/Solothurn. «Wir stellen aber fest, dass die Unternehmen sehr zurückhaltend investieren.» Dabei wären weitere Effizienzmassnahmen, gerade nach der Aufhebung der Wechselkursuntergrenze, nötig. «Die Aufträge und die Arbeit sind nämlich vorhanden. Das Problem ist die Marge.»

Deren Auswirkungen würden erst später sichtbar werden. Das unterstrich Baumgartner von der CWA. Es brauche stetige Innovationen in neue Produkte, und die Wünsche der Kunden müssten umgesetzt werden. Und Unternehmer Obrecht betonte die Wichtigkeit von Investitionen in die Bildung. «Die Mehrheit der einfachen Jobs wird verschwinden. Die betroffenen Beschäftigten müssen umgeschult und weitergebildet werden, damit sie höhere Berufsanforderungen erfüllen können.»

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