Industrie 4.0
Überfordert die Datenflut den Menschen?

Die Nutzung modernster Technologien sei für eine nachhaltige ökonomische und ökologische Wirtschaftsentwicklung unabdingbar. Deshalb stand das Thema Industrie 4.0 im Zentrum der Generalversammlung des Industrieverbandes Solothurn.

Franz Schaible
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Inveso-Präsident Josef Maushart. BAR

Inveso-Präsident Josef Maushart. BAR

Hanspeter Baertschi

Die Lage der Industrie habe sich nach dem Frankenschock nicht so dramatisch entwickelt wie erwartet, sagte Josef Maushart, Präsident des Industrieverbandes Solothurn und Umgebung (Inveso), an der Generalversammlung im Schloss Waldegg in Feldbrunnen. Der Auftragseingang bei der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie habe sich landesweit stabilisiert. «Aber wir sind weit weg von einer guten Situation», warnte der Unternehmer vor zu viel Optimismus. «Denn die Ertragslage vieler Industriefirmen bleibt aufgrund des Preisdrucks dramatisch.»

Die jüngste Abschwächung des Frankens sei nicht auf einen stärkeren Euro zurückzuführen, sondern weil die Nationalbank am Markt interveniert habe. Deshalb könne nicht von einem «natürlichen» Wechselkurs gesprochen werden. Und Europa, der wichtigste Markt der Schweizer Industrie, erlebe derzeit zwar eine Renaissance, allerdings auf Kosten von anderen Märkten wie Brasilien, Indien oder teilweise auch China.

Insgesamt fehle es, so Maushart, an Klarheit über die künftige Entwicklung. Die ungewisse politische und wirtschaftliche Lage in Europa, die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative oder die laufende Unternehmenssteuerreform III führten zu einer grossen Verunsicherung. Die Folge sei eine mässige Investitionsneigung bei den Unternehmen. Vor diesem Hintergrund brauche es Lösungen, ein Ansatz sei immer die Innovation. Unter dem Stichwort Industrie 4.0 leitete Maushart auf die nachfolgenden Referate über.

Ortsunabhängige Produktion

Am Beispiel der 3-D-Produktion zeigte Felix Kunz, Mitgründer und CEO der Innocampus AG, einen Teilaspekt der 4. industriellen Revolution auf. Innocampus ist die Betreiberin des Bieler Standortes des nationalen Innovationsparks. Kunz stellte mehrere Drucksysteme vor, die sich bereits in der Praxis bewährt hätten. Das 3-D-Drucken von Werkstücken in Titan, Alustahl oder Kunststoffen sei keine Hexerei mehr. Im Bieler Campus fertige man im Auftrag Einspritzsysteme für Flugzeuge.

Demnächst gehe als Weltneuheit der erste 3-D-Farbdrucker in Betrieb. Der Nutzen der Technologie liege auf der Hand. 3-D verkürze die Umsetzung einer Innovation in Prototypen und Vorserien, komplexe Werkstücke könnten gefertigt werden, welche konventionell nicht herstellbar seien. Selbst nicht mehr lieferbare Ersatzteile seien kein Problem. «Wir digitalisieren das defekte Werkstück und wir drucken dieses auf 3-D-Druckern aus», erklärte Kunz. Die Internet-vernetzte Produktion erlaube eine grosse Flexibilität. Ortsunabhängig könnten Einzelstücke bis hin zu Grossserien gefertigt werden.

Für mehr Menschenverstand

Stephan Sigrist, Leiter der Zürcher Denkfabrik w.i.r.e., beleuchtete die 4. industrielle Revolution aus einem etwas anderen Blickwinkel. Eine datenbasierte Wirtschaft brauche mehr Menschenverstand. Es gebe nämlich zwei Wahrheiten. In der offiziellen Wahrheit führe die Industrie 4.0 zu einer Effizienz- und Qualitätssteigerung, zu Maschinen und Konsumgütern, die dank eingebauter Intelligenz (Chip) selbst merken, wenn sie repariert werden müssen.

Die inoffizielle Wahrheit sei, dass die zunehmende Datenflut den Menschen überfordere. Wegen des abnehmenden Grenznutzens nehme die Transparenz ab, die Entscheidungsfähigkeit sinke. Deshalb plädierte Sigrist dafür, den Fokus mehr auf den Menschen auszurichten. «Es gilt, die künftigen Bedürfnisse des Menschen im Voraus abzuklären, den Prozess umzukehren: Vom Nutzer hin zur Technologie.»